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2022-06-01 06:50:45, Jamal Tuschick

Vor einer schwierigen Geburt stellt sich die Frage, soll das Leben der Mutter Vorrang haben. Die hochschwangere Schriftstellerin Yosano Akiko folgt der Einschätzung ihres Mannes mit einer interessanten Begründung.

„Mein Lebenswille ließ sich auf den Wunsch zurückführen … noch eine Weile für meinen Mann und die bisher geborenen Kinder da zu sein.“

Yosano Akiko © Unbekannt [Public domain] via Wikimedia Commons

Restaurative Wertschätzung

Tradition und Moderne - Die Autorin kartografiert in ihren Gelegenheitsarbeiten die Verwerfungslinien zwischen allen japanischen Renaissancen der Abschottung und den fliegenden Kohorten der Zukunft.

Yosano Akiko, „Männer und Frauen“, Essays, ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Eduard Klopfenstein, Manesse, 147 Seiten, 22,-

Yosano Akiko (1878 - 1942) behält beide Pole im Blick. Der Zwiespalt ist klassisch. Die in Jahrhunderten feingeschliffenen und polierten Etikette einer hermetisch-hierarchisch-feudalen Gesellschaft erleiden unter dem amtlich angeordneten Ansturm der westlich konnotierten Gegenwart eine schwindelerregende Berg- und Talfahrt zwischen substantiellem Bedeutungsverlust und restaurativer Wertschätzung.

Akiko tritt als Agentin des kaiserlichen Innovationsregimes auf. Didaktisch lobt sie Leute, die sich um Formalitäten nicht kümmern. Allerdings muss man dem Lob jenen Aufwand in Rechnung stellen, den zeremoniöse Zeitgenossen üben, um nicht aus dem Rahmen überkommener Verkehrsformen zu fallen.

Für die Traditionalisten geht gerade die Welt unter. Isolation war lange der japanische Zustand. Die Aristokratie war sich selbst genug; durchdrungen von der Überzeugung, dichter am shintoistischen Olymp zu siedeln als die übrige Menschheit. Eine alle Stände einschließende Gesellschaftsidee kommt erst auf, als sich europäische Ideen nicht mehr ausschließen lassen. Der Homogenisierung folgt die Einführung einer bürgerlichen Verfassung im Geist des Code civil. Andere Monarchen bremsen den Fortschritt, Mutsuhito, der 1867 vierzehnjährig den Thron besteigt, seine Residenz von der ewigen Kaiserstadt Kyōto nach Edo verlegt und im Zuge der Meiji-Restauration einer westlich orientierten Oberschicht Raum gibt, beschleunigt den Fortschritt aus Angst vor der Fremdherrschaft.

China in Agonie vor Augen, suchen westliche Potentaten ihren Vorteil mit der Vorstellung, Japan ließe sich so einfach erniedrigen wie andere asiatische Staaten.

In Rekordzeit findet ein mittelalterlicher Militärstaat den Weg in die globale Zukunft. Das Tempo ist Staatsräson. Die Industrialisierung bringt die Mittel für eine Aufrüstung. Die Kriegsräte frohlocken: Wenn das nächste Mal ein amerikanisches Kanonenboot vorbeischwimmt, schießen wir es mit Gaijin-Knowhow zu Klump.

Ab 1900 ist Japan eine im Gegenwartsanzug versteckte Feudalgesellschaft mit moderner Armee. Das Kastendenken verschmilzt mit dem Nationalismus in den Kasernen. In diesem Klima wendet sich Akiko in ihren Aufsätzen gewissenhaft an eine vom Selbstfindungsstress aufgewühlte Nation. In ihren Mitteilungen „aus dem Wochenbett“ schildert sie die Vorzüge der westlichen Krankenhaustechnologie. Gleichzeitig übt sie Kritik am Militarismus. Von ihren Freunden sagt sie:

„Da es Leute sind, die sich nicht für die Armee eignen, werden sie vom Vaterland wohl nicht überaus hoch eingeschätzt.“

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Akiko Schilderungen evozieren das Bild einer illuminierten Hausfrau. Eine klare Person spricht eine klare Sprache. Ihre Ausführungen sind sachlich, praktisch, tüchtig. Alles findet seinen Platz in einer anti-metaphysischen Ordnung.

Die Autorin fühlt sich von vollendeten Umgangsformen angezogen. Als ewige Wöchnerin (elf Entbindungen, dreizehn Geburten) huldigt sie einer Krankenschwester, die sich besser zu beherrschen weiß als der leitende Arzt.

Akiko bedenkt den kalten Blick der Zeit eher am Rand. Ihre Domäne ist das Gestaltbare. Komisch findet sie, dass Männer es für möglich halten, stärker als Frauen zu sein.

„Solche Leute möchte ich gern einmal fragen, ob die männliche Konstitution wohl die Qualen einer Geburt aushalten würde.“

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Akiko Verwertungsbereitschaft kennt keine Grenzen. Sogar ihre eigenen Wahnvorstellungen stellt sich in den Textdienst. Triumphal meldet sie: „Auf diese Weise sind schon zwei Erzählungen entstanden.“

Der Weg der Frau

Sie verabscheut den „Weg des Kriegers“ und plädiert für den „Weg der Frau“. Barbarisch nennt Yosano Akiko den Bushidō.

Zur Einordnung

Geschwindigkeit bewahrte Japan davor, den chinesischen Weg gehen und sich dem Westen ausliefern zu müssen. Schriftsteller:innen und Künstler:innen reagierten auf einen Doppelschlag, in dem starke Autonomiebehauptungen und die Bereitschaft zur Anpassung wie in einer Kernschmelze fusionierten.

„Was uns im Westen besonders beeindruckt hat, ist diese kühne Art und Weise, die Sujets zu beschneiden: Diese Leute (die Japaner:innen) haben uns eine andere Art der Bildkomposition gelehrt, daran besteht nicht der geringste Zweifel.“ (Claude Monet)

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In dem Aufsatz „Männer und Frauen“ stellt Akiko unumwunden fest:

„In Bezug auf Wissen, inneren Reichtum und Willenskraft (reichen viele Männer) nicht an Frauen heran.“

Mit den Mächtigen geht die Autorin hart ins Gericht. Ihre stürmische Entschlossenheit bildet ein eigenes Genre; bedenkt man, dass Akiko als Japanerin noch nicht einmal wahlberechtigt ist. Ich empfehle jedem diese Lektüre. Eine politische ohnmächtige Person ermächtigt sich allein aus ihrem Selbstverständnis. Sie schreibt sich in eine Position der Stärke.

Zu Akikos Lebzeiten „durften … nur erwachsene Männer wählen … Frauen (durften) nicht einmal an politischen Versammlungen teilnehmen“. Wikipedia

Gebrauchsanweisungen für ein gelungenes Leben

„Da ich schon mehrere Male die Strapazen einer Geburt durchlebt hatte, war ich frei von der Erregung eines Kriegers, der zum ersten Mal in eine Schlacht zieht.“

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Sie brachte dreizehn Kinder in elf Entbindungen zur Welt. Zugleich bewährte sich Yosano Akiko (1878 - 1942) zu einer Zeit als Ernährerin ihrer Familie, als erwerbstätige Frauen - zumal in gehobenen Berufen - gesellschaftliche Sonderrollen spielten. Akiko veröffentlichte die Rahmenbedingungen ihrer Existenz. Unter der Überschrift „Aufzeichnungen aus dem Wochenbett“ gewährte sie Einblicke in ein Entbindungszimmer. Offenbar verband sie mit ihrer publizistischen Sendung auch eine pädagogische Mission. Akiko liefert Gebrauchsanweisungen für ein gelungenes Leben.

Die zur Vielschreiberei verurteilte Dichterin plädierte auf ihren journalistischen Plattformen für praktische und softe Lösungen. Auch Unberufene sollten „von klein auf Gelegenheit haben, Gelehrsamkeit und Künste gemeinsam mit frischer Luft einzuatmen“.

Vulkanische Aufbrüche - Anmerkungen zur politischen und kulturellen Umgebung von Yosana Akikos exemplarischem Dasein

Seit den 1580er Jahren schränkte das Tokugawa-Shōgunat die Verkehrsfreiheit der als Südbarbaren geschmähten Portugiesen und Spanier ein. 1635 verloren alle Japaner ihre Reisefreiheit. Von 1639 bis 1853 blieb man unter sich und behielt die mittelalterlichen Standards bei.

1633 dichtete Tokugawa Iemitsu, dritter Shōgun seiner Dynastie, Japan ab. Das Shōgunat beschränkte den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert wurden. So kläglich und unhygienisch da alles war, es bot sich doch einer Monopolstellung, die erst von amerikanischer Kanonenbootpolitik 1853 gebrochen wurde, zur Nachsicht an. Dass die kleinen Niederlande Portugal ausstachen, verdankte sich vielen verdeckten Bemühungen und hatte jedenfalls auch diesen Grund: die Holländer missionierten nicht; anders als die katholischen Imperialisten, die Japan „entdeckt” hatten und ihr Programm nach Schema F betrieben. - Und auch wieder nicht. Die besonderen kulturellen Formate Japans wurde von allen Reisenden geschildert. Im Gegenzug studierten Japaner europäische Vorsprünge (nach der Abschottung im Rahmen der Hollandkunde-Rangaku).

Obsolete Verkehrsformate

Yosano Akiko wächst in einer Zeit vulkanischer Aufbrüche heran. Das prädestiniert sie zu einem beispiellosen Leben in einer Gesellschaft, die über Nacht ewig gültige Verkehrsformate über Bord wirft.

Die Tochter eines schöngeistigen Großbäckers und Hoflieferanten erlebt ihre Kindheit und Jugend in Sakai, einer Stadt in der Präfektur Osaka. Der Vater fördert Akikos musische Neigungen an den Gepflogenheiten seiner Klasse vorbei. Die Begierige erwirbt profunde Kenntnisse der klassischen Literatur. Sie etabliert sich als Dichterin mit Zügen eines Enfant terrible. Als Geliebte eines verheirateten Kollegen bricht sie mit sämtlichen Konventionen. Der bereits berühmte Yosano Tekkan lässt sich für sie scheiden. Aus Tekkans Ehe mit Akiko gehen dreizehn Kinder nach elf Geburten hervor.

Aristokratische Hochformen

Die Fruchtbare ernährt bald die Familie mit literarischen Brotarbeiten. Davon berichtet sie zwei Jahre vor Ausbruch des I. Weltkriegs in dem Aufsatz „Mein literarisches Leben“. Die Überwinderin so vieler Hindernisse weist Wege zur Erneuerung. Sie warnt vor einem feudal-snobistischen Beharren auf die leergedroschenen Hohlkörper aristokratischer Hochformen. Die Essayistin plädiert für eine handfeste, realitätsbasierte Literatur, deren Signatur die Beschleunigung wie bei einem Raketenstart ist. Unter der Führung des Tennōs unternimmt Japan eine Tour de Force, um sich nach Jahrhunderten mittelalterlichen Eigensinns von jetzt auf gleich auf den neusten Stand zu bringen. So will man der drohenden Kolonisierung entgehen.

In dieser Gemengelage zieht Akiko ihre Ehe und die Kindererziehung mit den Produktionsprozessen in eine Daseinsklammer.

„Was immer ich anpacke, für mich kommt nur ein simples, eindimensionales Leben in Frage“, erklärt sie beinah brüsk.

Akiko verkörpert die berufstätige Japanerin als Ausbund an Tüchtigkeit.

„Die Literatur ist … zum Beruf geworden, doch ob man ihn jemandem empfehlen soll, ist eine andere Frage.“

Aus der Ankündigung

Eine Entdeckung: Die große japanische Dichterin und Vorkämpferin für Frauenrechte erstmals überhaupt auf Deutsch!

Warum hält sich das Vorurteil des substanziellen Geschlechterunterschieds derart hartnäckig? Woran liegt es, dass Frauen in der Gesellschaft immer noch chronisch unterschätzt und benachteiligt werden? Und wie kriegen wir endlich veraltete Rollenbilder aus den Köpfen? – Diese eminent wichtigen Fragen stellte Yosano Akiko vor hundert Jahren mit unverhohlener Klarheit – und gab Antworten, die noch heute ins Schwarze treffen.

Stichhaltig und luzide plädiert die japanische Frauenrechtlerin für die überfälligste Sache der Welt: für die Gleichstellung der Geschlechter. Ihre Essays tragen programmatische Titel wie «Männer und Frauen» («Otoko to onna», 1915), «Die essentielle Gleichheit von Mann und Frau» (1916), «Frauen und politische Aktivitäten» (1915) oder «Die japanische Politik aus der Perspektive der Frauen betrachtet» (1917). Daneben erfährt man in diesem Band Essentielles zum literarischen Selbstverständnis der Dichterin Yosano Akiko und bekommt in «Aufzeichnungen aus dem Wochenbett» (1911) intime Einblicke ins Privatleben der dreizehnfachen Mutter. Den Abschluss machen zwei Fundstücke. «Aus der Grippe-Station» (1918) und «Angst vor dem Tod» (1920) schildern Pandemieerfahrungen während der Spanischen Grippe, die vor hundert Jahren auch in Japan wütete.

Zur Autorin

Yosano Akiko (1878–1942, eigentlich Shō Hō) stammte aus einer Kaufmannsfamilie aus Sakai nahe Osaka, führte bereits mit elf Jahren die Geschäfte der Familie und begann früh, Kurzgedichte zu schreiben. 1901 erschien ihr erster, viel beachteter Tanka-Band Midaregami (Offenes Haar). 1905 sorgte ein an ihren Bruder gerichtetes Antikriegsgedicht für Aufsehen. Sie machte sich nicht nur als moderne, eigenständige Stimme der japanischen Literatur einen Namen, sondern tat sich in Essays als couragierte Demokratin und Vorkämpferin für Frauenrechte hervor.