Zertifiziertes Biest
Beatrice liebt es, vermeintlich allein an einem Cafétresen Normalität zu simulieren. Die allzeit bewachte Tochter des Paten von P. existiert in einem Sonderuniversum akuter Todesnähe. Ihre Ermordung ist beschlossene Sache. Es geht nicht um das ob, sondern bloß um wann und wie. Beatrice weiß das. Trotzdem bleibt sie cool. Meine Muse Ljudmila Michailowna ‚Systema' Pawlitschenko, kurz Michaela, führte den Begriff ‚genetischer Mut' in unsere Diskussion ein. Ich weiß nicht, was das sein soll.
Italien in der Prä-Pandemie-Verfassung. Beatrice, einzige Tochter des legendär telegenen Dottore Deodato Gaggini und designierte Nachfolgerin ihres Vaters, studiert BWL und Germanistik an der weltberühmten Universität ihrer Heimatstadt. Die frühneuzeitliche Gründung ist ein Prunkstück der restaurierten Renaissance. Beatrice führt ein Granden-Leben unter feministischen Vorzeichen. Sie darf all das, was früher allein den ältesten Söhnen der Patriarchen vorbehalten war. Beatrice lebt sich frenetisch aus. Vehement liest sie sich durch ihre Interessengebiete. Sie spielt Tennis und genießt eine Mafia-Spezialausbildung, die der Geheimhaltung unterliegt.
Aber darum geht es heute nicht. Wir sind im Alltagsmodus. Beatrice wohnt einer Vorlesung ihres Geliebten bei. Professor Ágio Páscha erscheint auf den ersten Blick grandios. Auch körperlich ragt er heraus. Er hat die Statur und die Performance eines Olympioniken. Er tritt auf wie ein Mann, der auf allen Feldern des Lebens jeden Kampf annimmt, ohne jemals aus der Puste zu geraten. Inzwischen weiß Beatrice, dass Ágio der Blender in Person ist, wenn auch ein Blender der höchsten Spielklasse. Wie sie selbst, stammt er aus einer sagenhaft reichen Familie. Zwar verdankt sich sein akademischer Rang enormen Spielräumen in der geistigen Sphäre, trotzdem hätte er sich niemals im akademischen Randori durchsetzen können. Man musste ihn auf den Thron heben. Die pompöse Fassade schützt einen Mann von geringer Durchsetzungskraft. Immerhin ist der Schriftverkehr mit ihm erste Sahne. Beatrice schwört auf schriftliche Stimulationen. Manchmal reicht ein Satz, um Beatrices Beckenbodenmuskulatur kontrahieren zu lassen.
Sie sitzt in dem antiken Hörsaal in der letzten Reihe und chattet en passant mit einem Typen, der sich Sekso Karalius nennt. Sie meldet ihm ihren Lingerie-Status: „Ich trage einen Knitwear Body von Roberto Cavalli in ciel de nuit. Die Nagelfarbe passt unidentisch zum Suit."
Beatrices Erregung wächst mit dem Einsatz von Stimme, Bildung und Intelligenz. Anders Inklinierte wirken sich mitunter zerstörerisch auf Leute aus, deren Lustzentrum mit Worten aktiviert wird. Wir reden hier nicht über Trash Talk. Leute, die bis zum Orgasmus so wenig Staub wie möglich aufwirbeln wollen, sind Beatrice ein Gräuel. Nirgendwo gibt es mehr Verbergungsabsichten als da, wo ihre Lust von verbaler Deutlichkeit abhängt. Dem Banalen einen Kranz flechten und es kunstvoll mit dem Höhepunkt zu verweben ist ein Liebesdienst, den sich Beatrice jederzeit selbst erweist. Es geht nur um sie. Der männliche Orgasmus ist ein Desaster; das post-koitale Dilemma unauflöslich. Beatrice schätzt immerhin die Ejakulation.
Beatrices Hass auf Leute, die in der Zeitung nachgucken, was sie fühlen sollen. Das Ausbringen der Wörter als einer Notwendigkeit der Lust. Und dann die sorgfältigste Komposition des Obszönen mit der Poesie des Begehrens. Immer wieder fängt Beatrice von vorn an. Einem amerikanischen Chatpartner schreibt sie nebenbei: „Ich trage ein asymmetrisches Seidenkleid von Balenciaga aus Seiden-Jacquard in hellem Cyanblau. Wärst du bereit, mir solch eine Kostbarkeit zu kaufen? Stell dir vor, ich winke dich in die Umkleide, nur in einem nippelfreien BH. Den Slip habe ich vorher ausgezogen. Ich fasse deinen Schwanz an. Ich lasse ihn mit meiner Zunge Bekanntschaft machen. Durch einen Vorhangspalt erspähe ich einen jungen Mann, der sich langweilt, während seine Begleiterin sich im Anproberausch vor Spiegeln bewundert."
Verführung ist eine Triebfeder ihres Daseins - Beatrice hat immer ein Dutzend erotische Projekte, auch in Phasen stabiler Beziehungen. Das Rätselhafte hält sie am Laufen. Sie kann an öffentlichen Orten sensationelle Dinge erleben, während um sie herum nur gegähnt wird. Manchmal bewegt sie sich, als würde sie von Schleiern berührt und als gäbe es nur Fließendes und Flüchtiges auf der Welt.
Ágio legt sich ins Zeug. Mit dem Avancieren des Bürgers zur gesellschaftlichen Zentralfigur korrespondierte die „Evokation eines weiblichen Außenseitertums". „Fast süchtig" betrieb der Prä-Bourgeois die Ausgrenzung bereits in „der Epoche zwischen Erasmus und Shakespeare". „Drei eklatante Frauenskandale" fanden immer neue Interpretationen auf den Referenzhochpunkten der Renaissance. Sie verbinden sich mit den biblischen Persönlichkeiten Salome, Dalila und Judith. Ich weiß nicht, wie oft ich das Haupt des Holofernes/ Judith köpft Holofernes an der Wand einer als herausragende Sehenswürdigkeit ausgewiesenen Kirche gesehen habe.
„Sehet, dies ist das Haupt des Holofernes, des Feldmarschalls der Assyrer, und sehet, das ist die Decke (das Mückennetz), darunter er lag, als er trunken war. Der Herr hat ihn durch die Hand einer Frau erschlagen." Buch Judith 13,15
Botticelli, Lucas Cranach der Ältere, Caravaggio, Artemisia Gentileschi und Michelangelo (in der Sixtinische Kapelle) lieferten dem Guerrillaakt drastische Darstellungen. Mayer bringt eine „lüsterne Destruktionslust" ins Spiel. Er vermisst sie beim älteren Cranach. Der reformatorische Parteigänger trat als Bürgermeister von Wittenberg für einen Hexenschmauch ein. Das Exekutionsresultat verewigte er in einem Holzschnitt.