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2022-03-11 07:14:52, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

Dienstagnachmittags geht Marie ins Textorbad, normalerweise mit einer Kollegin, aber heute lieber mit Tecumseh. Sie hat noch keinen großartigeren Delphinkrauler gesehen. Sie schämt sich ein bisschen für das Wenige, das für sie schwimmen ist. © Jamal Tuschick

Mentaler G-Punkt

Marie stolpert auf der Glauburgstraße, dem Ali Kebaba aka Obst-Ali direkt vor die Füße. Kebaba hilft Marie auf die Beine, als kein Unmensch. Er verkörpert die lokale Ordnung im siebten Kreis der Macht. Der Schlüsselbund (mit einem Karabinerhaken am Gürtel locker festgemacht) mit so vielen Schlüsseln wie für fünf Häuser vom Keller bis zum Dachboden, zeigt das an. Trotzdem gibt Kebaba keine Zitrone für unter eine Mark ab. Es sei denn, es kommt die Richtige. Kebaba schließt seine Bude und führt Marie in das Wirtshaus seines Herzens. Auf den harten Bänken lungert geschlossen das Leistungsteam der Manish Women. Ich nenne Jakarta-Jane, Arizona Coogan, Blutwurst-Lucy, Blutbad-Grænne, Buffet-Mateja, Glasgow-Nika und die Stirn aka Tígrisdýr.

Am Katzentisch verharren Tillmann, Tecumseh, Texas, Germanen-Gero, Karate-Kurt, Pele, Nasenschweiß und Eiterhagen. Das jugendliche Urgestein Tecumseh richtet seine Aufmerksamkeit auf Marie, seit drei Wochen beherrscht er einen Trick, mit dem er alle Frauen für sich einnimmt, sofern er es darauf anlegt. Er übt noch und ist sich seiner Sache längst nicht sicher.

Tecumseh glaubt, dass er den mentalen G-Punkt jeder Frau mit Gedankenkraft fokussieren und stimulieren kann. Das ist natürlich Schwachsinn, wie wir wissen. Was soll das sein? Mentaler G-Punkt? Ich muss aber feststellen, dass Marie, die von uns noch keiner richtig kennt, von Tecumsehs Trick förmlich angesogen wird. Obstkebaba fällt aus allen Wolken. Das passiert ihm jeden Tag.

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Dienstagnachmittags geht Marie ins Textorbad, normalerweise mit einer Kollegin, aber heute lieber mit Tecumseh. Sie hat noch keinen großartigeren Delphinkrauler gesehen. Sie schämt sich ein bisschen für das Wenige, das für sie schwimmen ist.

Tecumseh und Marie beim Kaffee im nächsten Rumpelhaus, Marie nicht gänzlich unverlegen. Sie findet Tecumseh ansprechend unverfroren und korrekterweise nicht zu herzlich für die kurze Zeit. Weltmännisch lässt er die Kirche im Dorf. Marie hält nicht hinter dem Berg mit kleineren Abneigungen. Sie hatte was mit einem Einsatzkommandeur, der im Kosovo Polizisten ausbildete, für ein sagenhaftes Geld pro Quartal. Angeschossen seinerzeit in Honduras, zwei Meter lang und deshalb leicht zu treffen. Man nannte ihn The Rock.

Jederzeit Exzess bereit in brodelnden Nächten. Marie gehört zu den Frauen, die ziemlich schnell auf Umwegen von ihren gescheiterten Verhältnissen als persönliches Versagen ohne Schuld anfangen. Daher weht der Wind, denkt Tecumseh. Er hat schon verstanden, dass nach Maries Begriffen eine intime Bekanntschaft noch gar nicht stattgefunden. Vorhin das war nur Sex gewesen. Kann jedem passieren, wenn es sich ergibt. Tecumseh registriert gleichwohl den Wunsch nach Aufnahme im Himmelreich der anerkennenden Aufmerksamkeit.

*

Marie wohnt passabel am Park. Unterwegs sich noch mal überzeugen und vergewissern. Marie bittet Tecumseh aufs Sofa, serviert Apfelschorle, hängt den Bikini auf.

„Willst du deine Badehose?“

Ist doch ne unverfängliche Frage soweit.

„Geht mich ja nüscht an.“

„Von mir aus“, sagt Tecumseh und bietet seinen Rucksack zum Auskramen. Marie greift gerade gern in fremde Sachen. Der Rucksack riecht nach verschwitztem Pfadfinder. Das macht nichts. Solange keine üble Unterhose gleich am Anfang.