„Narratives Denken bietet einen echten Überlebensvorteil." Fritz Breithaupt
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„(Der Kirschgarten) war Tschechows letztes Meisterwerk, eine Feier des Lebens, während er selbst an Tuberkulose starb." Kristina Gorcheva-Newberry
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Simone: „Mein liebster Leser, wo bist du? Ich vermisse dein Interesse an meinem Hintern. Schläfst du? Wenn ja, hoffe ich, dass du von mir träumst."
Leser: „Ich bin hier und lese gerade den Satz, den du Cole geschrieben hast: ‚Ich möchte mich mit dir in den Chimären verlieren, die wir erschaffen haben.' Kannst du das nicht auch zu mir sagen?"
Stunden später ...
Simone: „Es tut mir so leid, dass ich dich so lange warten ließ, aber ich hatte gerade ein Gespräch mit einem weltweit tätigen Literaturagenten, der CC und mich unbedingt vertreten möchte. Bis jetzt war ich ein literarisches Mauerblümchen und jetzt sagen Leute, die Bescheid wissen, dass ich nicht nur im echten Leben eine Fleischfresserin bin."
Narrative Stoßrichtung
Simone: „Deine Zusammenfassung gefällt mir. Ich füge meine eigenen Ideen hinzu. Sie passen gut zusammen, deine und meine Ideen. Ich habe vorhin meinen Slip ausgezogen, für dich. Ich hoffe, du nimmst das nicht zu persönlich. Ich reite mich selbst, indem ich nur mit Oberschenkeldruck arbeite. Das konnte ich schon als Mädchen. In Gesellschaft kommen, ohne es mir anmerken zu lassen."
Leser: „Mal was anderes. Ist CC nicht eifersüchtig, wenn du ohne Höschen an deinem Schreibtisch sitzt und es allen erzählst? Ich glaube nicht, dass du an mich denkst, wenn du dich mit deinen Kollegen amüsierst. Ich schätze, du denkst immer nur an CC, der dich in drei Sekunden von null auf hundert bringen kann."
Simone: „Mein Meister kennt keine körperliche Eifersucht. Unter uns, er sieht es gern, wenn sich Männer den Arsch aufreißen, um an meinen Arsch zu kommen. Seine Position berührt das überhaupt nicht. Er weiß doch, dass ich keinen Augenblick weiterleben könnte, ohne seine Präsenz."
Simone geht gern als gut angezogenes Aschenputtel unter die Leute. Sie genießt Situationen, die andere gähnend langweilig finden. Verführung ist eine Triebfeder ihrer Existenz. Sie hat stets ein erotisches Projekt, auch in den Phasen stabiler Beziehungen. Das Enigmatische hält sie in Gang. Sie reagiert auf Sprache und Stimme und auf das Timbre der Intelligenz. Sie kann sensationelle Dinge an öffentlichen Orten erleben, da sie eine Meisterin der Manifestation ist. Manchmal bewegt sie sich wie von Schleiern gestreift und so, als gäbe es auch sonst nur wehende und flüchtige Dinge auf der Welt.
Die Grandiosität droht wie eine Blase zu platzen. Simone muss an einen ihrer verheirateten Verehrer denken. Sie weiß, dass ihre Funktion in dieser Beziehung nicht darauf beschränkt ist, dem Mann als Trophäe der Selbstbestätigung zu dienen. Ben würde sie für ehrgeizigere Ziele benutzen, wenn sie ihn ließe. Er macht seine Angebote bei jeder Gelegenheit, und ab und zu erlaubt sich Simone ein kleines Erliegen, eine Miniatur des Gesamtbildes. Tief in seinem Herzen kommt Ben mit seiner eigenen, gut verborgenen und selten in Frage gestellten Unzulänglichkeit nicht klar. Seine Frau hat einen Sohn mit einem anderen Mann. Sie arbeitet in der Firma des Vaters des Kindes. Ben hätte sich gern in Academia versteckt. Die intellektuelle Welt als Refugium. Ben beweist Geschick in der Vermeidung. Er ist zu einer Leidenschaft für sich selbst geworden - in der Perfektion seiner Arrangements. Er geht spazieren, wenn andere mit geplatzten Rohren und anderen Alltagsproblemen kämpfen. Sein vermeidender Lebensstil führt zu geistigem Muskelschwund.
Ich (der allwissende Erzähler) will keine forcierte Schilderung, vielmehr sehne ich mich - genau wie hoffentlich auch ihr - nach lautloser Genauigkeit. Simone schlägt den Schaum namenloser Empfindungen. Sie spürt (noch) nicht, wie eng das Evolutionskorsett anliegt. Die Unbegrenztheit ihrer Perspektive entspricht ihrem Selbstbild wenigstens in manchen Stunden. Sie bewegt sich in einem Kraftstrom.
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Bei manchen Menschen schwindet die körperliche Lust, wenn sie zu körperlich angesteuert wird. Sie wächst mit dem Einsatz von Stimme, Bildung und Intelligenz. Deshalb wirken anders tickende Zeitgenossen wie Zerstörer auf Leute, deren Lustzentrum mit Worten stimuliert werden muss. Die Krux ist, irgendwann müssen auch die Hirnfreier - so werden sie von erfahrenen Sexarbeiterinnen genannt - zur Sache kommen. Sie müssen sich ausziehen und aufeinanderlegen und dieses Programm kann für solchen Leute der absolute Killer sein.
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Simone und Ned begegnen sich zum ersten Mal außerhalb des akademischen Alltags. Sie sitzen in einem Café, es ist furchtbar trist und laut, aber das spielt überhaupt keine Rolle. Die beiden brennen füreinander. Zum ersten Mal suchen Neds Lippen Simones Mund. Simone dreht den Kopf zur Seite. Der Kuss scheitert in der Nähe eines sehnsüchtigen Mundwinkels. Neds Züge entgleisen in der Enttäuschung. Hier endet ein Durchmarsch. Es ist schon so viel geschehen in dem unsichtbaren Raum, den sich Simone und Ned in weniger als vierundzwanzig Stunden erschlossen haben. Sie kennen sich seit ein paar Wochen als Kollegen in der Uni. Sie die Stipendiatin mit dem klandestinen Sexappeal, er der Dozent mit verhaltender Performance, aber eben auch dieser magischen Ausstrahlung. Ned kommt aus Lubbock, Texas. Er wuchs sehr sportlich auf einer Ranch auf. Er war Soldat in einem Krieg. Da ist eine Dimension, die sich nicht fassen lässt. Ned überragt die akademischen Milieus. Gestern hatten Simone und Ned den ersten intimen E-Mail-Kontakt. Ned reagierte auf Simones Erkundungen des fremden Geländes wie auf schiere Pornografie. Ich will nicht ins Detail gehen, muss aber doch sagen, dass es Simone nicht anders ging. Beide halten es gerade für möglich, einen Partner gefunden zu haben, der sich viel länger auf dem Erregungshochseil hält als alle seine Vorgänger.
Simone holzt gern mal mental grobmotorisch. Sie ist nicht ätherisch, sondern ganz und gar von dieser Welt. Ihre Ästhetik verbirgt eine routinierte Abwehr von Störungen. Wer ihren Schick nicht versteht, ihren Pfiff nicht begreift, segregiert sich selbst. Simone ist nicht darauf angewiesen, verstanden zu werden. Unter dem Seminartitel „Die Kunst, einen Kugelfisch zu filetieren" könnte sie unterrichten, wie man sich das Gute nimmt, ohne sich mit dem Schlechten zu belasten.
Der Kugelfisch ist eine giftige, japanische Delikatesse. Sein Verzehr kann für Menschen tödlich enden. In Deutschland dürfen Fugu-Fische nicht zubereitet werden. In Japan entspricht der Verzehr des Fugu Kugelfischs einem kulturellen Statement. Beherzigen Sie die Prinzipien, erleben sie mit der Zubereitung und dem Verzehr des Kugelfischs den Genuss von etwas potenziell Tödlichem.
Simone ergreift Besitz von Ned mit einer abwehrenden Bewegung. Sie unterläuft das Offensichtliche. Sie braucht eine größere Konzentration, die stets dann erlischt, wenn die Prozesse des Vollzugs nach Schema F ablaufen. Simones dunkle Augen blicken direkt in sein Feuer. Das Verlangen zerreißt Simone und doch gebietet sie Ned Einhalt.
„Noch nicht" verlangt sie leise, „nicht hier."
Ned ist drauf und dran die Fassung zuverlieren. Er will die Frau der Welt entziehen. Du gehörst mir, verlangt es ihnzu sagen. Simone rührt die Vehemenz. Der Ausbruchsbereitschaft fehlt dieUmgebung. Ja, sagt sie, obwohl Ned gar nichts gesagt hat, ja, ich habe dich verstanden und ich sage ja in aller Vorläufigkeit.