MenuMENU

zurück

2022-07-29 07:26:31, Jamal

„Was ist eine Täuschung, wenn sie wahrhaftig wird.“

*

Sehen Sie auch hier.

Die schönste Leiche der Revolution

Die Geschichte beginnt mit einer lapidaren Feststellung, die bald genauso lapidar zurückgezogen wird. Beschränkt man sich auf die Behauptungen des ersten Durchgangs, ergibt sich folgendes Bild. Bei der vier Monate währenden, vom 17. Januar bis zum 18. Mai 1944 tobenden Schlacht um Monte Cassino kämpfte Helena Janeczeks Vater in den Reihen des 2. Polnischen Korps unter General Władysław Anders. Eine Verwundung in Recanati bewahrte ihn womöglich vor Schlimmerem. An den immensen Blutzoll des Korps erinnern die Gräber von 1.052 überwiegend polnischer, aber auch weißrussischer und ukrainischer Soldaten (Quelle) „am Fuß der Benediktinerabtei … dem ersten Kloster des Abendlandes, vier Mal zerstört“. Die Fundamente stammen aus der Ära des heiligen Benedikts, der 526 den Grundstein legte.  

„Am 18. Mai 1944 betrat ein Trupp des 1. Geschwaders des 12. Regiments der Podolski Lancer als erster die Ruine der Abtei Monte Cassino.“ Quelle

Helena Janeczek, „Die Schwalben von Montecassino“, Roman, Deutsch von Verena von Koskull, Berlin Verlag, 350 Seiten, 24,-

Der Vater erlebte seine Rekonvaleszenz auf einem Bauernhof in den Marken. Da lernte er seine künftige Frau kennen. Wegen ihr blieb er in Italien. Die Erzählerin erzählt das einem expatriierten Polen, der in Italien Taxi fährt. Sie fragt ihn, ob man in Polen noch das Lied Czerwone Maki na Montecassino kennt.

Der Taxifahrer reagiert auf einen falschen Namen. Der polnische Jude, der angeblich in Italien bei einem großen Sieg der Alliierten dabei war, hieß ursprünglich nicht Janeczek. Hätte sein richtiger Name dafür gesorgt, dass keine Vertraulichkeit aufgekommen wäre? Der Fahrer stammt aus Kielce, dem „Schauplatz des ersten Nachkriegspogroms“. Überlebende des Holocaust wurden zu Opfern eines Massakers. Siehe Pogrom von Kielce.

Für ihre Leserinnen und Leser korrigiert Helena Janeczek die Fiktionen des Einstiegs. Sie wurde in München geboren und lebt seit zwanzig Jahren in Italien. Ihre Mutter ist so polnisch-jüdisch wie ihr Vater, der nie am Monte Cassino kämpfte. Kritisch rezensiert Janeczek die aus den Fingern gesogene Lovestory mit Heldenschmauch-, Landliebe- und Adria-Aspirationen, die vor allem dem Zweck diente, ihrem schlechten Polnisch einen soliden biografischen Rahmen zu geben.

Im nächsten Anlauf tritt Sergeant John ‚Jacko‘ Wilkins aus San Marcos, Texas, auf. Er gehört zur Texanischen Nationalgarde, die in der 36. ‚Texas‘-Division aufgeht. Sogar das gibt es:

36th Texas Division Tour - Monte Cassino Battlefield Tours

“We will pick you from your hotel or from Cassino railway station. Full day private tour (about 7 hours). It’s a door to door service. Our comfortable Mercedes van ...” Quelle

Wilkins, „ein hervorragender Schütze, zäh und diszipliniert“, quittiert seine erste Beförderung vor der ersten Feindberührung; so sehr wirkt der Bilderbuchtexaner wie der geborene Anführer. Ihn reißt eine Kugel am 20. Januar 1944 aus dem Leben. Sein Leichnam wird nie geborgen. Die Erzählerin aber weiß, dass die Leiche im Rapido auftrieb. Siehe Battle of Rapido River.

Weil wir gerade beim Thema sind:    

Vor einer Weile las die von mir geleitete Texastext-Literaturgruppe Helena Janeczeks Roman „Das Mädchen mit der Leica“, Deutsch von Verena von Koskull, Berlin Verlag, 350 Seiten, 22,-

Ikonografie des republikanischen Widerstands

Die Titelheldin, eine in der Schweiz sozialisierte und in Leipzig zur Sozialistin gewordene Stuttgartin mit galizischem Hintergrund, erlangt als erste Kriegsfotografin kurzzeitig Weltruhm. Gerda Taro (Gerta Pohorylle, 1910 - 1937) flieht bereits 1933 nach Frankreich. In Paris macht sie eine Fotografin aus sich. Sie bereichert die Ikonografie des republikanischen Widerstands in Spanien ab 1936 als Porträtierende und als Porträtierte. Ihre Arbeits- und Lebenshochzeit erlebt sie gemeinsam mit Robert Capa (Endre Ernő Friedmann), in dessen Schatten Taros Œuvre abtaucht. Beide sind Pioniere der fotografischen Autorenschaft. Gemeinsam entwickeln sie einen passioniert-empathischen Dokumentationsstil. Im Juli 1937 fotografiert die Parteigängerin bei El Escorial einen deutschen Luftangriff. Sie gerät unter die Ketten eines befreundeten Panzers und stirbt rechtzeitig für den Club 27*. Sie scheidet als Götterliebling und Massenidol aus. Die Kombattantin kriegt ein fulminantes Begräbnis auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, mit Pablo Neruda und Louis Aragon in der Premiumtrauerreihe und einem Grabstein von Alberto Giacometti. Die Vereinnahmung ist total. Taros Tod gehört der Republik, nicht nur der spanischen. Beansprucht wird die schönste Leiche der Revolution auch „von der Flüchtlingsbohème und der Pariser Intelligenzija“.

*„Es begann (bestimmt nicht erst) mit dem Tod von Brian Jones († 1969), der zum ersten „Mitglied“ des (Nachkriegsklubs) wurde. Anfang der 1970er verstarben die Musiker Jimi Hendrix († 1970), Janis Joplin († 1970) und Jim Morrison († 1971). Nach dem Suizid von Kurt Cobain († 1994) erlangte das Konzept des „Klub 27“ große Bekanntheit. So wird der „Klub“ seit dem Tod Cobains in dutzenden Musikmagazinen und Fachzeitschriften als auch in der Tagespresse immer wieder zitiert. Mit dem Tod der Sängerin Amy Winehouse († 2011) erlangte der „Klub 27“ erneute Aufmerksamkeit.“ Wikipedia

Aus der Ankündigung

1944 geht der 2. Weltkrieg in Italien viel zu langsam zu Ende. So dauert es auch vier blutige Monate lang, die von den Deutschen besetzte Abtei Montecassino zu erobern. An den Flanken ihres Berges opfern sich Menschen aus aller Welt, doch die ungewöhnlichste Armee dort ist wohl die der Polen: Ihre Soldaten, unter ihnen viele Juden, kommen aus sowjetischen Lagern und gelangten in einer abenteuerlichen Irrfahrt nach Italien, um für Freiheit von Hitler und Stalin zu kämpfen. So auch Samuel „Milek“ Steinwurzel, Sohn jüdischer Holzhändler aus der (heutigen) Ukraine, den der Frieden in den Emilio verwandeln wird... Helena Janeczek wirkt — wie schon ›Das Mädchen mit der Leica‹ — auch diesen Roman aus ganz unterschiedlichen Erzählsträngen: dem Schicksal eines jungen Texaners. Dem Versuch eines neuseeländischen Studenten zu verstehen, was sein Großvater, ein Maori, in diesem Krieg eigentlich zu suchen hatte. Der Geschichte von Janeczeks eigener Tante, die der Shoah nur entkam, weil die Sowjets sie zur Zwangsarbeit verurteilt hatten. Und den Erlebnissen von zwei Mailänder Abiturienten, die am Soldatenfriedhof von Montecassino Flugblätter verteilen, um nach verschwundenen polnischen Wanderarbeitern zu suchen - aber vielleicht noch mehr nach einem Platz auf der Welt, den sie Heimat nennen könnten. Kunstvoll verbindet Helena Janeczek all diese Orte, Geschichten, Epochen, Schicksale zu einem allumfassenden, berührenden Epos des „italienischen Stalingrad“.

Zur Autorin

Helena Janeczek wurde 1964 als Kind polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in München geboren. Nach dem Abitur dort ging sie 1983 zum Studium nach Italien; heute lebt sie mit Sohn und zwei Katzen in Gallarate und arbeitet in Mailand (zunächst als Lektorin beim Verlag Adelphi, später bei Mondadori). Helena Janeczek schreibt für die Literaturzeitschrift Nuovi Argomenti und kuratiert in Gallerate das Literaturfestival SI Scrittrici Insieme. 1989 veröffentlichte sie in Deutschland beim Suhrkamp-Verlag ihre Gedichtsammlung Ins Freie. Im Jahr 1995 besuchte sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Gedenkfeier zur fünfzigjährigen Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau. Das 1997 erschienene Lezioni di tenebra setzt sich autofiktional mit ihrer Familiengeschichte auseinander und ist eines der bedeutendsten Beispiele eines solchen Textes der zweiten Generation nach dem Holocaust. Es wurde mit dem Premio Bagutta Opera Prima und dem Premio Berto ausgezeichnet. 2002 folgte Cibo, ein romanhaftes Mosaik aus Geschichten um das glückliche oder unglückliche Verhältnis von Frauen (und Männern) zu den Themen Essen, Körper und Verlangen. Danach veröffentlichte sie zwei Erzählungsbände und Essays - unter anderem Bloody Cow, eine Streitschrift zum Rinderwahn, das seinem ersten Opfer, einem vegetarisch lebenden Mädchen, gewidmet ist. Ihr Roman Le rondini di Montecassino erschien 2010 (Premio Napoli, Premio Pisa und Premio Sandro Onofri), gefolgt von La ragazza con la Leica (2017). Dieser Roman über die Fotografin Gerda Taro erhielt 2018 ebenfalls den Premio Bagutta und den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega.