MenuMENU

zurück

2022-05-05 07:17:54, Jamal Tuschick

“Once more unto the Breach, / Dear friends, once more.” Shakespeare, The Life of Henry the Fifth

Karl Hofer, „Schwarzmondnacht“ 1944, gesehen in der Frankfurter Schirn © Jamal Tuschick

Narzisstische Natter - Das müssen Sie vorab wissen

Mühelos gewann Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj den Kampf um die Köpfe Europas. Ihm gelang es, die Frage Wie hältst du es mit der Ukraine zur Gretchenfrage in jedem Wohnzimmer zu machen. Dies gewiss in der Konsequenz schrecklicher Erfahrungen. 2014 fehlte die Anteilnahme. Die Amputationsschmerzen der ihrer Krim beraubten Ukraine verhallten ungehört. Ungestört trieben Putins Agent:innen das koloniale Projekt einer unumkehrbaren Abhängigkeit von russischer Energie voran.

Ländliche Leidenschaften - Im Vorkriegspräsens von 2014

Was keine Touristin ahnt: Wie ein Gang-Territorium liegt der Tillwitzer Bodden in der festen Hand des Nord-Streamers und Ex-HVA-Majors Geronimo Mansfeld aka Putins Peitsche. Ihm zur Seite und schon eine Stufe tiefer steht Bürgermeister Otfried Vrunt. Tributpflichtig an erster Stelle ist Manu von Schlehenheim-Schleuz, die exzentrische Gebieterin über das Gestüt Schleuz an einem Saum des Marschbacher Tals. Die Kegel (so nennen wir Leute, denen man sagen kann, wo sie sich hinstellen sollen) in der Schweriner Staatskanzlei haben nichts zu melden. Im vierzehnten Kreis der Macht kringelt sich Jonna von Stellberg, eine postsozialistische Ex-Schönheit, narzisstische Natter und penetrante Flownatur, wenn Sie Michaela von Hallweg fragen. Michaela ist eine dem baltischen Licht verfallene Wessi mit genug Money, um an der Wasserkante mitzocken zu können.

So geht es weiter

Eine im Vorübergehen aufgeschnappte Zeile weckt Erinnerungen an gerontologisch getunte Binsen, üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab, die schönschriftlich eingetragen wurden in die Poesiealben der Anderen, sowie an die Poesie der Radiorockrezensionen: das neue Album (die neue Scheibe) der „Who“ ist im Vergleich zur letzten Scheibe (zum letzten Album) … In den Themenkreis passte eine persönliche Verbesserung vom gläubigen Absitzen deutschen Schlagerschmus auf Omas Sofa zu der Einsicht, dass Ilja Richter mit Rock nichts zu tun hat. Michaela rechnete sich zum festen Hörerinnenstamm des internationalen Top-Ten-Rodeos. Moderatoren versauten die Mitschnitte absichtlich mit langen Ansagen.

Die zweite oder dritte Single-Generation spielten Tonträger mit fünfundvierzig Umdrehungen pro Minute auf Kofferapparaten mit (im Deckel) integriertem Lautsprecher mitunter noch Mono ab.

Ein Schlaganfall zum sechzigsten Geburtstag erweiterte den Hades-Horizont von Michaelas Bruder Michael. Seit ein paar Jahren begleitet der Bruder die Schwester bei offiziellen Anlässen. Im Übrigen ist Ausgehen keine Option mehr. Man beschränkt sich auf Spaziergänge und diskutiert die Frage, ob man von diesem oder jenem ausreichend gegrüßt wurde.

Michaela halluziniert Artefakte einer untergegangenen Welt mitunter sogar von Neckermann. In der Ereignisarmut Ergraute und Verwitterte biegen nach Fehlstartserien gewiss nicht gemeinsam mit Michaela auf ihre Zielgeraden ein; wie gegen die Wand geworfen von der Erkenntnis, ein Leben lang kein Land gewonnen zu haben. Sie kehren zurück in die Bruchbuden ihrer Herkunft und scheitern als Heimkehrer noch einmal; wie gesagt, in jedem Fall ohne Michaela.

*

Die Gebärden der Sorge gleichen sich überall. Armut stellt sich aber in der Stadt anders dar als auf dem Land. Während der insolvente Städter die Hände in den Schoss legt, der Vorsorge entsagt und zum maulenden Zaungast wird, bleibt die rurale Dürftigkeit tätig. Sie bewirtschaftet einen Streifen, der seit Generationen in Familienbesitz ist. Sie erntet den Beerensaum des Gartens. Sie befreit einen herrenlosen Obstbaum von seiner Last. Sie erkennt ihren Vorteil an einem Feldrand. Sie existiert im Eigentum. In Tillwitz wohnt keiner zur Miete, mit dem man spricht. Wer ein Recht auf Ansehen hat, hat auch ein Haus und sei es noch so zugeneigt der Erde. Mit Almosen sollte keiner rechnen, beschenkt werden die Reichen, so dass sie es noch besser haben. Die Armen stellen Fallen in den Althagener Forst, um zu ihrem Braten zu kommen. Sie stehen in geheimen Sex- und Schnapsverbindungen zu den Schüttlern im Moor. Am Marschbach siedeln Lemken. Sie bilden die letzte Liga des Apostolische Exarchat Łemkowszczyzna. Die Moonshiner leiden unter den Erbkrankheiten Methämoglobinämie und Chorea Huntington. Einige laufen mit einem Wolfsrachen durch die Gegend. In ihrer Gemeinschaft dreht sich der Fortpflanzungskreisel mit schwindelerregender Geschwindigkeit. Es kommt zu Überschreitungen der Demarkationslinien und in der Folge zu routinierten Abtreibungen und Kindestötungen. Otfried sieht über alles hinweg, solange die Schüttler strukturell unter sich bleiben und nicht mit unserem Nachwuchs Ringelpiez im hohen Gras spielen.

*

Otfried hört Michaela auf dem Korridor der Chefetage und ruft aus: „Hoch die Hände. Wochenende.“

Michaela läuft vor ihm auf. Die Vernetzungsversierte ist Fremdenverkehrsamtskoordinatorin und Kuratorin der Michelangelo Pistoletto Ausstellung im Gemeindehaus. Sie managt den Landliebe Kalender. An diesem wie an jedem Freitagnachmittag trinkt sie Champagner mit dem Bürgermeister. Michaela verdanken sich die Tillwitzer Filmfestspiele, ein jährlich wiederkehrendes „Großereignis der Branche” (Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau), für das stets eine Person des Zeitgeschehens geradestehen soll. Die Person bestimmt das Thema im Spektrum zwischen japanischem Splatter- und eidgenössischem Autorinnenfilm.

„Wir nehmen die Katharina Thalbach.“

Otfried wäre Kati Witt lieber. Trotzdem lobt er den Vorschlag. Auf den guten Willen kommt es an. Michaelas Bereitschaft, eine ostdeutsche Künstlerin zur Festspiel-Repräsentantin zu machen, interpretiert der Eingesessene als Ergebenheitsadresse. Otfried verzichtet darauf, der engagierten Fremden zu stecken, wie vertraut er mit den Verhältnissen von Thalbach, Brasch & Co einst war. Ich komme darauf zurück.

Michaela bleibt entspannt in lebhafter Zurückhaltung. Die bürgermeisterliche per-Sie-Aufmerksamkeit gefällt ihr. Sollte Herr Vrunt sie auf eine Schnur mit den aristokratisch-eingeborenen Boddenperlen fädeln, wäre sie kaum beleidigt. Es kommt doch stets darauf an, wer einem seine Erregung im Rahmen provinzieller Erektionen und ländlicher Leidenschaften nahelegt.

Otfried durchschaut den Selbstbeschiss einer um Haltung bemühten Einzelgängerin. Wenn es hart auf hart kommt, kann Michaela nur noch ihren invaliden Bruder bitten, sich für sie in die Bresche zu werfen. Dieser Michael ist ein Witz. Aus eigener Kraft bekäme er kein Bein am Bodden auf den Boden.

Michaela erlebt das abflauende Interesse wie einen Schlag. Sofort zieht sie sich in ihr Büro zurück, um weiter zu dichten. In ihren - dem Tillwitzer Internetauftritt gewidmeten - Schilderungen tauchen sämtliche Postkartenmotive der Gemeinde auf. Die Prosa ist dürftig, anfällig für Kitsch. Michaela beschreibt den Stein am Fuß des Maulwurfhügels (ich rede vom Tillwitzer Hausberg) als Kultgegenstand. Da liegt lediglich ein oller Brunnenstein von Siebzehnhundert Schlagmichtot. Die Hausbergmotte (Château à motte/Holzburg auf einer künstlichen Erhebung) ist eine Attrappe, die Otfrieds Urgroßvater selbstherrlich in die Welt setzen ließ.