„Das ist eine sehr schön erotisch erzählte Szene." Musenzeit
„Gib mir ein paar Tage, das Finale im rechten Moment mit der rechten Emotion zu überarbeiten. Finale Furioso, ja? Gefällt mir. Du bist nicht der einzige, der hier mit Texten um sich schlagen kann, scheint mir. Natürlich bin ich eifersüchtig auf Persephone." Simone
Anfang der 1950er Jahre lebt Heiner Müller illegal in Berlin. Am Westen interessieren ihn nur die Filme, in jeder S-Bahnstation gibt es ein Kino. Müller kommt aus der Kleinstadt, da sind „die Ungerechtigkeiten persönlicher". Er dichtet wie der Weise vom Berg: „Ihr lasst euch gern in euren Flüssen treiben / den sommerlichen, wenn der Himmel brennt. / Im Regen fragt ihr: wie lang wird der bleiben / vergessend: es ist Wasser, das ihr kennt."
Berlin raucht noch, die Stadt „wird nie ganz in Ordnung kommen". Halbasiatisch ist sie, eine Membran des Ostens. Eine Insel im Sumpf. Müller genießt seine Entwurzelung. Er erlebt die Erhebung von Dreiundfünfzig als Aufstand befehlsgewohnter Studienräte. Nazis, die nicht schwer belastet sind, werden auf dem Bau eingesetzt. Es rekrutiert sich die Arbeiterklasse aus nationalsozialistischen Lehrern und gewesenen Offizieren. Die kriegen Schwerstarbeiterzulage, ihre Kinder sind als Arbeiterkinder privilegiert im Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Der Lyriker Müller bewegt sich in einem zwar abgesteckten, doch elastischen Rahmen. Er ist ein Sänger seiner Gesellschaft. Er rechnet ab, manchmal nur mit einer Silbe: „Osterfahrung – Der auszog den Osten zu erobern / Leichthin, wie der Esser das Mahl / Wo ist er? / besiegt / (I)st er. Das Mahl / Hat den Esser besiegt."
Prahlende Performance
Weibliche Schönheit ist ein Spielraum. Ein paar Jahre wächst er, dann wird er wieder kleiner. Simone steht im Zenit. Sie überstrahlt die Szenen. Man will sie überall dabeihaben. Es ist dann schöner.
Simone fühlt sich nicht nur wahrgenommen, mitunter belagert und, soweit es Cosmic Cecil betrifft, beaufsichtigt und erzogen, sondern in einem Fall auch regelrecht begleitet. Permanent wirkt sich ein Imaginärer aus, der auf Simones innerer Bühne als Leser firmiert. Mit ihm ergeben sich solche Dialoge:
Leser: „Wie soll ich mir eure internen Diskussionen vorstellen? Ich glaube nicht, dass CC mit dir streitet. Er ist nicht der Typ, der streitet."
Simone: „Sicher, CC streitet nicht. Meistens erteilt er Anweisungen, aber manchmal gibt er mir auch Anregungen. Und dann denke ich über seine Anregungen nach."
Leser: „Was machst du gerade."
Simone: „Ich mache mich jobfein. Ist das nicht ein schönes Wort? Ich bin im Dessous-Stadium. Weißer Bügel-BH. Weißer Tanga-Slip aus transparenter Spitze. Was möchtest du noch wissen?"
Dazu später mehr. Um an anderer Stelle weiterzumachen:
Gestern habe ich mich in der Havanna Bar amüsiert. Ich erzähl dir das alles noch in den relevanten Details. So viel vorab: Ich trug ein sehr kurzes rotes Kleid, ausgestellt, mit Neckholdertop und am Rücken sich überkreuzenden Riemen; keinen BH; ein Kleid auf der Kreuzung zwischen jugendlicher Sportlichkeit und eleganter Erotik. Dazu Falke Strümpfe und weiße Turnschuhe. Sag mir bitte, wie gern du mich so gesehen hättest. Stell dir vor, wir hätten uns in eine Ecke verkrümelt ... ich spüre deine Finger in meinem Zentralorgan. Ich erlebe deine Zuneigung, sie gibt deiner Einfühlung eine Signatur. Ich weiß, dass du gern bezwingend wärst, ein Typ wie der König, für den es keine Schranken gibt, der meinen Willen enthauptet, aber deine Art, mich zu verehren, lässt mich auf die wonnigste Weise kommen. Und das weckt in mir den Wunsch, dich zu befriedigen, als könnte ich dafür einen Preis gewinnen.
Simone jobbt in Otfried Vrunts und Gero 'Geronimo' Mansfeld Thinktank. Sie hört den Namen aus dem Mund einer Kollegin und kann es erst mal nicht glauben. Ein Denkpartner, mit dem sie in Telefongesprächen und E-Mails weit ausschweift, ist im Haus und will sie sehen.
Es fing harmlos an, mit Zitaten von Oscar Wilde. Aber seit wann ist Oscar Wilde harmlos?
„Man bedauert nur, was man nicht getan hat."
Weiter ging es mit schriftlichen Skizzen und methodischen Abhandlungen an der Schnittstelle von Vorstellungskraft, Manifestation und Kunst. Und nun steht er vor ihr. Nach so einem tiefgründigen Austausch ist Simone aus leidvoller Erfahrung darauf gefasst, allein vom Äußeren des Anderen enttäuscht zu sein. Doch ist dem nicht so. Dunkles Haar, die Verschmitztheit der Klugen, angenehm kantige Gesichtszüge. Ein durchschnittlicher Körper, aber mit Spuren sportlicher Aktivität. Garniert mit einem gemeißelten Intellekt. Sehr ansprechend.
„Fendrich Alira?"
Sie mustert ihn.
„Der Fendrich Alira - Jurist, Literat, Grenzgänger?"
Er lächelt geschmeichelt und fühlt sich doch nur richtig eingeordnet.
„Wenn das nicht Simone Pechstein ist. Jetzt sehe ich es selbst: sie ist genauso schön wie eloquent."
Beiden ist bewusst, dass ihre Konversation einen gefährlichen Resonanzraum hat. Ist es ihnen egal?
„Ich sollte wohl auf dem wackeligen Untergrund dieser lebendigen Emotio wieder in die Richtung der gesellschaftskonformen Kommunikation voltigieren."
Er lacht.
„So wie ich dich einschätze, kannst du dir die ein oder andere kleine Transgression ganz gut verzeihen."
Ihr Blick verschränkte sich einen Moment zu lang in seinem, während die Nervenzellen ihrer Finger den Schwung seiner Kinnlinie zu erahnen versuchten.
„Dazu wird es wohl nicht kommen, denn ich muss jetzt zum nächsten Termin - da werde ich meine erhitzten Schaltkreise im Eisbad der Kognition kühlen."
Am späten Nachmittag treffen sich sich wieder - in der Teeküche, wo sich Fendrich mit Simones Kollegen Daniel unterhält. Kein Zweifel, Fendrich hat auf sie gewartet. Er ergreift seine Chance sofort.
„Unser Termin endet um 17 Uhr - wirst du mir dann in deinem Büro das geheime Liebesleben der Wanda von Sacher-Masochs erläutern?"
So plump dann doch. Simone stuft Fendrich herab.
„Ich überlege noch, welche fingierten Hindernisse ich dir vorlege, um sie zu überwinden. So eine Unterweisung will wohl verdient sein. Also, was wird es sein? Ein Anflug von moralischen Bedenken? Eine plötzliche Kühle in Gestalt der Abwertung deines Aussehens oder deines Charakters? Die Andeutung einer Enttäuschung der Realität gegenüber meines Idealbildes von dir?"
Daniel zeigt seine Verwirrung, fast scheint es, als kokettiere er damit. Fendrich hat sofort alle Antworten parat.
„Den moralischen Bedenken werde ich mit Verständnis und tugendzersetzenden Philosophiezitaten begegnen. Allen Abwertungen meinerseits werde ich gnadenlos und überzogen zustimmen. Und niemals würde ich dein Idealbild enttäuschen, denn dank deiner literarischen Nebenproduktion kann ich ihm voll und ganz entsprechen."
Den verbalen Schlagabtausch hat er gewonnen.
„Wir treffen uns um 17 Uhr in meinem Büro."
*
Simone sucht ikonografische Konstellationen, in der ihr ein Mann lange zur Verfügung steht, ohne vor Müdigkeit mechanisch zu werden.
Mit Rücksicht auf sich selbst schweift sie ab und entzieht sich den mediokren Erwartungen eines Mannes, der sich nichts Aufregenderes vorstellen kann, als am Arbeitsplatz einer schönen Frau Penetrationssex zu haben. Sie schlendert über den Boulevard von G. und manifestiert sich in einem Roaring-Twenties-Szenario. Sie tanzt leidenschaftlich gern Swing. Sie liebt es, in den Schwingungen einer fremden Kraft selbst nur Schwingung zu sein, sobald es heißt: als Follow tanzt du nicht, du wirst getanzt.
Sie hat sich nie um die Formen des Swing bemüht, nie auch nur einen Tanzkurs besucht. Sie wirft sich in die Arme eines Mannes und wird getragen - oder eben nicht. So ergeht es ihr im Fluss der Gespräche und Geplänkel, wo die einzelnen Worte kleine Strudel bilden. Manche Worte erheben sie, andere drücken sie unter die Oberfläche.
Simone entdeckt Professor Cornelius. Er kommt wie gerufen. Cornelius ist der richtige Mann für den Moment. Er steigt sofort ein, obwohl ihn in G. jeder kennt - als Lebensgefährte der sagenhaften Simone nicht zuletzt. Noch auf der Straße nimmt er Simone für sich ein, als wäre sie eine Burg aus Schönheit, Intellekt und Überheblichkeit, die es mit der richtigen Mischung aus Hochmut und Devotion zu erobern gilt. Nun ist es vielmehr Tango als Swing.
Simone findet es nicht zu wenig Anlass, Männer nur deshalb zu verführen, weil sie Worte benutzen, die sie nicht kennt. Das schafft Cornelius spielend. Nie würde sie es ihm gegenüber zugeben, aber manchmal perlt ein fremder Klang von seiner Zunge, der nicht zu seiner amerikanischen Legende passt. Aus dem Kontext versucht sie sich die Bedeutung der Kleinode zu erschließen. Die Silbenlaute führen in ihr ein Eigenleben. Sie schmecken und riechen und wirken sich wie die richtigen Finger in Simones empfindlichstem Organ aus. Zu Hause brütet sie heiß über Lexika im Foliantenformat aus der Enzyklopädisten-Ära. Das sind Überlebende von Zeitreisen.
Altes Papier und neuer Wortschatz - oft reicht das. Mit Cornelius ist mehr möglich. Inzwischen sitzt Simone mit dem Gelehrten im Café Schneider. In den sanften, nicht dauerhaften und doch stets zurückkehrenden Knieberührungen ihrer Schenkel maskiert sich ein wuchtiges Begehren. Ein Begehren, das Simone ehrt. Ihre Züge täuschen adorante Aufmerksamkeit vor. Die geweiteten Pupillen erzählen eine andere Geschichte. Sie ist jetzt schon so nass, wie sie es mit Fendrich nie geworden wäre. Cornelius' literarische Bezugnahmen schwappen in die Gegenwart zu Uwe Timm, dessen Protagonist sich in einem Roman als Libertin gebärdet. Simone ahnt, dass Cornelius Timm nur zitiert, weil er ein bestimmtes, von diesem Autor geschildertes Frauenbild von ihr repräsentiert sehen will: diese Mischung aus Unschuld und intellektueller Gefasstheit bei gleichzeitiger vollständiger Hemmungslosigkeit. Simone wird ihm den kunstvollen Aufbau des Settings mit Hingabe vergelten. Sie stürzt sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass Cornelius mühelos im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.