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2022-12-16 07:58:45, Jamal

Heiner Müller erklärt, wie die DDR kapitulierte

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An der Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad waren nie mehr Rotarmist:innen beteiligt als man für nötig befand, um 86.000 Mann in Schach zu halten. Das entsprach der von der Stawka irrtümlich angenommenen deutschen Mannschaftstärke. Tatsächlich befanden sich 300.000 Wehrmachtssoldaten in dem Eiskessel. Sie kapitulierten vor einer Übermacht, die es nicht gab.

Kampf ist Kopfsache, sagt Heiner Müller

„Nur 40 Kilometer trennten die 6. Armee und ihre Retter … drei Tage vor Weihnachten 1942 hörten die Eingekesselten in Stalingrad bereits die Panzer, die sie entsetzen sollten.“ Aus der WELT vom 21.12. 2017

„Was bewirkt“, fragt Heiner Müller, „dass eine Armee … sich für wehrlos erklärt?“

Müller antwortet selbst: „Die Entscheidung … findet in den Köpfen … statt … So kapitulierte die DDR.“ Aus Alexander Kluge/Gerhard Richter, „Dezember“, Bibliothek Suhrkamp

Allgäu 2022 © Jamal Tuschick

Der Wohnungsbembel 

Mit der Absicht, das Schauspiel des fortschreitenden Nachmittags an einer bestimmten Stelle in Ruhe zu betrachten, erreicht Goya den Park. Ein Kinderbasar auf der Promenade vereitelt die Absicht. Goya bemerkt die Beflissenheit der Kinder. Ihr abgegucktes Geschäftsgebaren verstimmt ihn. Nussknacker aus dem Altenheim im Prüfling legen einen Zahn in kurzen Hosen zu. Goya resigniert auf einer Wiese, Margarete war heute nicht im Kindergarten. Er hat den letzten Abend mit ihr verbracht, von ihm aus geht alles in Ordnung. Margarete raucht am liebsten Camel ohne, sie sucht sich ihre Kioske nach ihren Feierabendvorlieben aus. Sie lässt sich von Goya nicht erziehen. Wenn er sagt, in Frankfurt heißt das Wasserhäuschen, sagt die Gießenerin trotzdem weiter Kiosk. Bei Schnaps sagt sie nein, in Frage kommt höchstens Fernet. Die angeblich in ihrem Ausweis behauptete Größe hält Goya für falsche Angabe. Margarete marschiert mit einem in Kursen geschulten Körper durchs Leben. Gymnastik ist ihre Droge. Sie erklärte Goya schon einmal das Programm. Erst Sport, dann gemeinsam unter die Dusche.  

Von einem Freund war den ganzen Abend nicht die Rede. Margarete schwärmte für frische Petersilie. Der blaue Johnny sah aus Knastaugen herüber. Der Henker im Himmel köpfte Blüten, die in den Staub auf Tischen und Bänken fielen. Khan stellte sich bündig zu Goya und Margarete, um die neue Frau in seinem Territorium kennenzulernen. Margarete unterhielt sich mit Khan über Gerichte, von denen Goya noch nie gehört hatte. Sie kennt sich in Indien aus. Sie strahlte Khan an, anscheinend eingenommen von dessen vulkanischer Erscheinung.  

Für Goya ist schon Seckbach weit. Margarete wohnt an der Seckbacher Grenze in einer Senke. In einem Siedlungshaus, das man der Gegend nicht wünscht. Die zweckstarre Nachkriegsarchitektur verätzt bäurischen Bestand. Goya hat das Haus ausfindig gemacht, nach ungenauen Angaben. Er geht jeden Satz durch, den Margarete gesagt hat. Sollte er etwas überhört haben? Eine Zurückweisung durch die Blume? Goya hatte Margaretes Beiträge insgesamt als Ermutigung aufgefasst. Einmal hatte sie ihn dazu aufgefordert, „Didgeridoo“ zu buchstabieren. Goya wurde ausgelacht, weil er das nicht konnte. Da bemerkte Goya einen unerwarteten Bildungsstolz.  

Goya trottet mit seinem Fahrrad über die Wiese zum Kiosk. Früher gab es da nur die Klos. Ein Trittbrettfahrer des Brezelbuben verkauft Teigrollen mit dramatischen Füllungen. Sein Korb ist schmuck, er serviert in raffiniert gefalteter Serviette. Die Servietten passen farblich zu den Rollen.  
Khan bietet selbst Speisen an, er verliert Geld an die fliegenden Händler. Trotzdem dürfen sie auf seinem Gebiet ihren Geschäften nachgehen. 
Mit wachsender Armut wird in der Öffentlichkeit mehr verzehrt. Alles frisst aus der Hand. Unter einem Baum löst sich Tanja von einem Mann, der zügig abfährt. Vielleicht hat sie ihn nur zum Abschied umarmt. Sie wendet sich Khans Platz zu und sieht Goya von einer Warte entrückter Überlegenheit an. Ihr Blick sagt, du läufst mir nach. Was glaubst du denn, was ich für dich Besonderes habe? 

Beschämt wendet sich Goya ab. Da steht Margarete wie gerufen. Goya jubiliert lautlos, weiß er doch, dass er Tanja nicht so egal ist wie sie tut.

„Bist du krank?“ fragt Goya.  

Margarete antwortet nicht. Khan lädt Goya und Margarete ein, sich zu seinen Freunden zu setzen. Goya will, Margarete fragt wozu.  

„Was hast du vor?“ fragt Goya zurück. 

„Das, was du hoffentlich auch vorhast.“ 

Niedergemachte Briefkästen. Fahrradschrott im Flur zum Hof. Margarete hat mit der Bude eines geborenen Untermieters gerechnet. Jetzt sieht sie, dass Goya ein Tageslichtbad zur Verfügung steht.  

„Wer macht hier sauber?“  

„Die Putzfrau meiner Mutter.“ 

„Sind wir hochwohlgeboren?“

Goya war zu jung für jedes Begreifen, als sich seine Mutter von seinem Vater trennte. Eine in Deutschland untergetauchte IRA-Aktivistin war auf ihrer Party durch Wohngemeinschaften, Kneipenschichten, Druckereijobs und Kinderladengeschichten schleichend legal geworden. In der Ehe mit Alban Wagner wurde sie bürgerlich. Goya findet es zu früh, zu sagen: als meine Eltern sich kennenlernten, war meine Mutter ein Flüchtling. Nach der Trennung kriegte ich einen Wagner zum Ziehvater. Goya holt den Wohnungsbembel aus der Kühlung und schenkt in Gläser mit Goldrand ein. Die Gläser standen lange als Leihgabe im Historischen Museum.  
Margarete hat noch keinen Wohnungsbembel gesehen.  

„Schoppe“, sagt Goya. Er kramt nach Musik, findet nichts passend. Margarete betrachtet alte Ansichten der Stadt an den Wänden. Mit den tauben Fingern der Fremdheit betastet sie eine Musiktruhe, Goya wohnt in einem Museum. Die Truhe gehörte Albans Mutter, die lange Witwe und für Goya die einzige greifbare Oma war.  
…  

„Warum hast du keinen Freund?“ fragt Goya. Das beschäftigt ihn, Goya hatte noch nie eine Freundin, die nicht erst einmal einen Mann verlassen musste.  
„Ich habe mich gerade getrennt“, behauptet Margarete. Eine Stunde später glaubt Goya, eine Freundin zu haben.  

„Ich kann heute Nacht nicht bei dir bleiben“, sagt Margarete. 

*  

Sie segelt nach Seckbach, eine Energie voller Yoga und Eigenliebe. Es ist noch nicht zwölf, Roger begießt die schöne Nacht auf dem Balkon.  
Wenigsten mit Balkon, darauf hat Margarete in all ihren Bruchbuden und Übergangsheimen geachtet. Roger lebt an sich schon wieder in den Staaten, seine Wohnung in Hanau, wo er stationiert war, ist nur noch erinnerter Schauplatz einer Liebesgeschichte, die sich dem Ende zuneigt. An eine transkontinentale Verbindung, die mehr sein könnte als Brieffreundschaft, glauben beide nicht. Sie halten sich für vernünftig. Beide wollen zum Schluss aber noch einmal etwas miteinander erleben, eine Wanderung auf Waldwegen in Kentucky. Roger wird voraus fliegen. Margaretes Flug ist schon gebucht.  
Roger ist Wildwasserfahrer, Bergsteiger, Skiläufer. Er holt noch ein Glas, er lacht über die deutsche Sprache, die so funny in seinen Ohren klingt. Im Wohnzimmer singt Willie Nelson night life ain't no good life/but it's my life, Margarete rutscht unverfänglich in eine Lücke. Der Balkon ist kaum mehr als ein Vorsprung. Ich male die Szene nicht aus, jeder weiß, was Goya sieht, der Margarete hinterhergefahren ist, mit der Kompetenz eines Trappers für das Nordend und für Bornheim. Nach seinem Verständnis der Lage geht Margarete fremd.