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2022-03-25 11:07:43, Jamal Tuschick

Doktor Schimsky sagte: „Fressen die Schlupfwespenlarven Holzbohrerraupen, dann retten sie mit ihrem Gedeihen den Wald. Das hilft über ihre Unansehnlichkeit hinwegzusehen.“

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Wir schweifen ab und gehen über das Frankfurter Nordend hinaus. Heute kommt Tillmann Coogans Cousin Merkur Kepler zu Wort.

Gerhard Richter © Jamal Tuschick

Vorverlegte Fußrasten

1970 bestimmten Woodstock und Easy Rider die ästhetischen Leitlinien. Ich ritt mein Fahrrad im Chopper Style mit flach angestellter Vorderradgabel und einem Fuchsschwanz an der Peitschenantenne, die sinnlos über dem Gepäckträger vibrierte. Ich war Low Rider und meine Vorbilder, zu denen zwei ältere Brüder, die wie Marc Bolan (T. Rex) und Alvin Lee (Ten Years After) aussahen, und ein Hulk als Cousin in der Metzgerlehre zählten, waren so große Poser, dass für sie das Aussehen ihrer Maschinen wichtiger war als das Fahrverhalten. Ihr Expertenwissen über Buckhorn und Apehanger gab mir schwer zu denken. Ich schätzte den flachen gestreckten Look, der sich in vorverlegten Fußrasten vollendete. Ich teilte meine Präferenzen mit beinah allen Jungen meiner Schule, ohne mich mit den meisten in einem Boot zu wähnen. Mein Wir korporierte lediglich ein Dutzend Fahrschüler aus Linsengericht.

Wikipedia sagt: „Linsengericht ist eine hessische Gemeinde im Main-Kinzig-Kreis zwischen Schöllkrippen und Gelnhausen.”

Für uns war Gelnhausen, was Offenbach für den Rodgau ist - die Stadt, in der die Dinge passieren. Der höchste Punkt von Linsengericht drückt auf den Franzosenkopf. Die hessisch-bayrische Grenze zieht dem Hügel einen blanken Scheitel. Der südliche Hang fällt zum Geißelbacher Forst in Unterfranken ab. Nirgendwo fallen Unterscheidungen zwischen hessisch und unterfränkisch drastischer aus als in meiner Ursprungsumgebung. Nirgendwo lassen sich einschlägige Feststellungen schwerer begründen. Ich fand solchen folkloristischen Unsinn mit den schönsten Abneigungen und Vorurteilen an der nordbadischen Grenze zu Württemberg so wie an unserer Rheingrenze zu Frankreich.

Den Fuß des Franzosenkopfes bespielen drei Bäche. Es drängt mich, ihre Namen aufzusagen: Huckelheimer Bach, Näßlich- und Eichelbach. In ihrem Revier verlor sich mein Wir zugunsten einer ungewöhnlichen Paarung. Mein Biologielehrer lebte als Zugezogener mit seiner Frau in Linsengericht und zog mich zu einem Unterricht unter freiem Himmel heran. Er lehrte mich, im Kleinen Gültiges zu erkennen. Ich hielt das als Kind für eine Macke, da alle, die meine Bewunderung verdienten, mit Siebenmeilenellen Maß nahmen.

Herr Schimskys Geschlechtsleben führte 1972 zur Geburt von Vera. Frau Schimsky glich dem einfarbig-blassen Falter, der leise durch die Blume weint. Wie sie mich ansah, so hilflos-wissend. Dem rhapsodischen Temperament ihres Mann begegnete sie taktvoll. Sie ließ Herrn Schimsky sein Bestiarium und winkte mich an ihm vorbei auf ihre Flächen wie eine Verkehrspolizistin. Wir redeten über Gehwegschäden auf der Milchstraße.

Vera heiratete in ihrem Abitursjahr. 1992 kam Omri zur Welt und schon ein Jahr später Asenath. Für die Grenzlandbewohner:innen des hessischen Südostens waren das arabische Namen. Die meisten hielten Ayat weiterhin für einen Moslem, der mit Russlanddeutschen kollaboriert, die ihre christliche Prägung unter Stalin verloren hatten. Ich erkannte schließlich, dass auch Ayat Mimikry trieb. Für die lauten Sachen setzten sie arabisch- und türkischstämmige Jugendliche ein, die sie „Deutschländer Würstchen“ nannten.

Bald mehr.