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2021-12-03 10:10:55, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Im Planetensturm

„Mich gehen diese (römischen) Kaiser nichts an ... mich interessiert nur, dass sie zu Text von Tacitus geworden sind.“

„Der Mensch ist ein Blinder, der vom Sehen träumt.“ Friedrich Hebbel

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3769

Hamlets „sterbende Stimme“ als letztes DDR-Stück

Dänemark im Packeis, der Kontinent im Planetensturm. Die DDR vor ihrer Auflösung – Müller inszeniert „Hamlet/Hamletmaschine“ 1990 als lange Strecke am Deutschen Theater. „Was du dem Zuschauer nicht antun willst, das tut er dir an.“ Westliche Berichterstatter:innen sprechen voller Vertrauen in den Abstand von „Ost-Berlin“ und „DDR-Dramatik“. Die deutsche Spaltung ist nicht nur noch sichtbar, sondern nun auch zu besichtigen wie ein Riss in der Erde. In den Köpfen steht die Mauer.
Darum geht es bei Müller und im Augenblick geht es darum überall: Was macht man mit Erfahrungen, die sich nicht begreifen lassen? Was machen Erfahrungen mit einem, der sie nicht begreift?
„Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung“, heißt es nach ein paar Stunden „Hamlet“. Im Erfahrungsdruck kondensiert der Text. Erst bei Shakespeare, dann bei Müller. Er arbeitet mit seiner eigenen Übersetzung. Geprobt wurde „Hamlet“ noch unter Honecker, gespielt wird nach dem Abgang der Gerusia. Die politischen Ereignisse erreichen Höhen des elisabethanischen Theaters. Müller: „So lange Shakespeare unsere Stücke schreibt.“
„Fortinbras reitet nur noch sein Bett“, heißt es in der Aufführung. Das ist eine frühe Antwort auf die Frage, wer ist Fortinbras in der Gegenwart von 1989/90? In einer Erklärung zitiert Müller Carl Schmitt: „Kafka ist Fortinbras.“ Schmitt weist „auf den Einbruch der Zeit in das Spiel“ hin. So sei, sagt dann Müller, aus dem Rachefeldzug auf der Bühne eine Tragödie geworden. Maria Stuart soll den Mörder ihres Mannes geheiratet haben, für Shakespeare könnte die in den „Hamlet“ transferierte Konstellation realistisch gewesen sein. Ein Paragraph der Wirklichkeit, der im Theater Effekt macht. So wie Stalins Geist effektvoll in Müllers „Hamlet“ auftaucht. Es gibt eine Notiz an anderer Stelle, da beschreibt Müller die Mauer als Stalins Denkmal für Rosa Luxemburg. Zum Zeitpunkt der „Hamlet“-Premiere wird das „Denkmal“ geschliffen. Am Ende der Inszenierung ist auch Stalin erledigt. Die Deutsche Bank übernimmt die Geschichte und Fortinbras ihre Geschäftsführung.
Ulrich Mühe spielt Hamlet: „Mein Gott, ich mache einen Geist aus dem, der mich nicht gehen lässt.“
Der Satz kommt zu spät. Hamlet wendet sich vom Publikum ab, Mühe dreht sich zurück mit einer Wolfsfratze auf der Nase. Er leiht seine Beweglichkeit den Spielarten des Zögerlichen.
Margarita Broich spielt Ophelia: „Sei geizig mit deiner keuschen Gegenwart.“ Ein Gespenst geht um, Müller hat Mühe nach Berlin geholt. Honecker, Mielke, Stoph, Hager werden in den öffentlich-rechtlichen Anstalten der Sieger abgetakelt und lächerlich gemacht, und Mühe spielt Müllers Rolle in tauender Eiszeit – als eine Wanderung „wie durch ein abgewirtschaftetes Ich“.
Leben im Material – Du kannst DDR zu mir sagen – Müller ist der Sohn der DDR, ihr Hamlet. Mühe spielt nur: „Ich muss grausam sein, um gut zu sein.“
Das sagt er so, Oheim Claudius beweist es in der Tat. Der Mörder seines Vaters und Gatte seiner Mutter. Warum zögert Hamlet? Müller sieht Hamlets suizidale Unentschlossenheit, wenn er die „Folgen der Geduld“ am Beispiel seines Großvaters beschreibt: „Ich sehe ihn noch, mit seinem faltigen Kindergesicht, sinnlos zufrieden, später, als es zu Ende ging, erstarrend zu der mürrischen Grimasse eines abgeschminkten Spaßmachers, ihn, ... gestorben ... an den Folgen der Geduld.“
Müller könnte das plötzliche Tempo der Wirklichkeit gefürchtet haben. Seine Schauspieler deklamierten in der Probenära (ab September neunundachtzig) auf dem Alexanderplatz vor Fünfhunderttausend demokratischen Sozialismus. Auf dieser Folie erscheint jedes Theater klein wie ein Grab. Erich Wonder entfacht über dem Grab einen Bildersturm. Zuerst sehe ich ein Lyonel Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus Rohren wie in Tarkowski-Filmen – und hinter allen Rohren keine Welt. Später: Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling“ als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt Platz im Rollstuhl.
Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.“
Die „Hamletmaschine“ fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.“
Es soll nicht nur um die Verteidigung der Ampelmännchen gehen. Da ist ein Staat zerfallen wie eine Tonform für Literatur. Ihre Ästhetik formulierte sich im Widerstand gegen die Absurdität einer verordneten Literatur. Die Bühne taut zur Pfütze. Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler“. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.“