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2023-08-11 07:43:59, Jamal

„Ich kann nichts machen gegen meine Abneigungen.“ Bertolt Brecht mit zwanzig

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„Die Zerstörung besteht im … Weitermachen.“ Heiner Müller erinnerte den Satz als Gewinn aus dem ersten Kontakt mit Brechts Werk in Form eines Funkfeatures in den späten 1940er Jahren

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„Weder das New Yorker Theater noch das Publikum war für Brecht reif.“ Henry Marx

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„Unser (westliches) Theater ist weder von einer / Idee noch von einem Glauben erfüllt oder ausgefüllt, sondern / hält sich über Wasser.“ Egon Vietta 1955

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Einmal wollte Brecht echte Arbeiter auf die Bühne bringen. Er sagte der Gewerkschaft Bescheid. Die Gewerkschaft schickte Arbeiter, mit denen Brecht arbeitete. Um anderen Arbeitern die Arbeiterschauspieler nicht vorzuenthalten, kaufte die Gewerkschaft das Premierenkontingent auf und verteilte die Karten. Die Kollegen steckten die Karten ein und verzogen sich in ihre Kneipen. Die Arbeiter auf der Bühne spielten vor einem leeren Saal. Heiner Müller erzählt irgendwo diese Brechtschote. Er wusste, weshalb Brecht vom Leben die Nase voll hatte. Der Staatsdramatiker starb, „um sich nicht länger verhalten zu müssen“. 

Unterhaltsames Lernen

1935 besucht Brecht gemeinsam mit Margarete Steffin wieder die Sowjetunion. Der aus Magdeburg gebürtige, in die UdSSR migrierte, kurz vor seiner Verhaftung stehende, schließlich in den Gulag-Labyrinthen verschollene, 1989 rehabilitierte Schriftsteller und Funktionär Abraham Brustawitzki charakterisiert Brecht: „Ein ‚Literat bis in die Knochen, ein Intellektueller par excellence‘. (Er) sucht wie Stendhal ‚immer le mot juste‘ und ‚berechnet jede Phrase‘ … Nur ‚seine Halsstarrigkeit macht ihn manchmal einseitig‘.“

Brustawitzkis scharfkantiges, am 20. März 1935 in dem KP-Organ Rote Zeitung publiziertes Porträt eines privilegierten „kleinbürgerliche(n) Intellektuelle(n)“, (der sich) … nur allmählich der revolutionären Arbeiterbewegung (näherte)“, verdient zugespitzte Aufmerksamkeit. Von hinten durch die Faust ins Auge unterstellt der begnadete Beobachter dem gründlich Beobachteten eine politische Unzuverlässigkeit, die Brecht leicht zum Verhängnis werden könnte, wäre er nicht bloß zu Besuch im stalinistischen Arbeiter- und Bauernparadies.  

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Das nächste Interview gibt Brecht am 23. Mai 1935 dem Kollegen Ernst Fabri. Der 1891 geborene Sohn eines Wiener Kaufmanns und Handelsvertreters war 1920 in die KPÖ eingetreten. Er gründete den „Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs“ und emigrierte bereits 1932 in die UdSSR. In Moskau arbeitete er für die Deutsche Zentral-Zeitung (DZZ). Fabri geriet in das Mahlwerk des stalinistischen Terrors und überlebte erfolterte Denunziationen. Gern wäre Fabri nach Österreich zurückgekehrt. Das wurde ihm nicht erlaubt. 

Ihm gegenüber äußerte sich Brecht so:

„Das Sowjetleben zeigt das Resultat, das Ungeheure der ständigen Massenleistungen. Ich sah am 1. Mai den Triumph über die Schwierigkeiten, die die Umgestaltung einer neuen Welt bringt. Den Triumph, dass man jene Schwierigkeiten hier nicht kennt, unter denen die ganze übrige Welt leidet und die sie nicht überwinden kann.“

Bertolt Brecht, „Unsere Hoffnung heute ist die Krise“, Interviews, herausgegeben von Noah Willumsen, Suhrkamp, 35,-

Im September 1935 erscheint unter dem Titel „Ein Dichter in der Verbannung - En Digteri Landflygtighed“ ein Artikel von Knud Rasmussen in der Tageszeitung Fyns Socialdemokrat. Der unter dem Pseudonym Crassus publizierende Journalist illustriert seinen Artikel mit einer Schilderung der Zigarrenrauchschwaden in Brechts Arbeitszimmer. Er teilt mit seinen Vorgänger:innen die Hochachtung vor dem Emigranten, den er seinem Publikum als Asket mit klassischer Kopfform vorstellt.

Brecht ist ein PR-Genie. Für jede Gelegenheit strickt er die passende Masche.

„Nach dem Interview (wird) … Rasmussen Brechts treuer Diener.

Brecht schätzt amerikanische Kriminalfilme. Er bewundert Rouben Mamouliens 1927 uraufgeführte Porgy and Bess-Inszenierung. 

„Teils Biographie, teils Offenbarungsgeschichte, On My Way erschafft Mamoulians visionären Stil auf Bühne und Leinwand, seine Zusammenarbeit mit George Gershwin und die Entstehung der Oper, die das Gesicht des amerikanischen Musiklebens verändert hat.“ Quelle

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„Es gibt … Bevölkerungsschichten, die ein ungeheuer praktisches Interesse am Lernen haben, aber unzufrieden mit den aktuellen Bedingungen sind. Die sind die besten und eifrigsten Lernenden. Die Wissbegierde hängt also von mehreren Faktoren ab – aber es gibt bei all dem ein Lernen voller Freude, voller Spaß, ein militantes Lernen. Wenn es kein solches unterhaltsames Lernen gäbe, dann könnte das ganze Theater nicht lehren.“

In der New Yorker Wochenzeitschrift „Der Arbeiter“ präsentiert Curt Loewe Brecht als den „meistgelesenen aller in Deutschland illegalen Dichter“. Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

»Unsere Hoffnung heute ist die Krise« Interviews 1926-1956

Bertolt Brecht besaß die Gabe, wie ein Zeitgenosse einmal bemerkte, in einem »Gespräch mit präzisen, drastischen Formulierungen« zu brillieren. Wie bekämpft man die Dummheit? Ist deutsche Kultur möglich? Gehört George Orwell an die Wand gestellt? Egal welche Fragen man an Brecht hat: In diesem Buch findet man seine überraschenden Antworten.  In 75 hier erstmals versammelten, größtenteils unbekannten Interviews, die sich über 15 Länder und eine ganze Karriere erstrecken, zeigt sich der große Klassiker der Moderne als wortmächtiger Medienkünstler. Sie rücken sein Werk nicht nur in ein neues Licht - sie bilden einen unkartierten Teil dieses Werkes selber.

Zum Autor

Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin. Von 1917 bis 1918 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München Naturwissenschaften, Medizin und Literatur. Sein Studium musste er allerdings bereits im Jahr 1918 unterbrechen, da er in einem Augsburger Lazarett als Sanitätssoldat eingesetzt wurde. Bereits während seines Studiums begann Brecht Theaterstücke zu schreiben. Ab 1922 arbeitete er als Dramaturg an den Münchener Kammerspielen. Von 1924 bis 1926 war er Regisseur an Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin. 1933 verließ Brecht mit seiner Familie und Freunden Berlin und flüchtete über Prag, Wien und Zürich nach Dänemark, später nach Schweden, Finnland und in die USA. Neben Dramen schrieb Brecht auch Beiträge für mehrere Emigrantenzeitschriften in Prag, Paris und Amsterdam. 1948 kehrte er aus dem Exil nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem Tod als Autor und Regisseur tätig war.