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2022-06-08 07:53:08, Jamal Tuschick

Evaluierte Version

„Beachte andere nicht, aber beobachte alles, was sie tun.“ Miyamoto Musashi

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Zehn Jahre nach Tschernobyl strahlte das Wildbret in der Wetterau weit über dem zulässigen Wert. Vereinzelt wurden bis zu 1115 Becquerel pro Abschusskilo gemessen. Keine Eingeweihte verlor darüber ein Wort. Es herrschte die Omertà der Interessenverbände.

Die Gefahr ließ sich weder riechen noch schmecken. Sie überstieg das menschliche Maß und überlistete den Instinkt.

© Jamal Tuschick

Ausflüchtige Gleichzeitigkeit

Der Siebenjährige Krieg (1756 – 1763) zog Schneisen wie ein Harvester. Die Entwurzelten fanden zu den Gewissheiten und Orten ihrer Herkunft nicht mehr zurück. Der hessische Landgraf Friedrich II. erkannte im Leiden seines Volkes einen Ursprung des wissenschaftlichen Fortschritts. Armut hielt er für ein medizinisches Problem.

Soldaten wurden zu Invaliden und Vagabunden, ein Tross von Witwen und Waisen lebte prekär. Groß war die Zahl unehelicher Kinder. Deren Versorgung war nicht geregelt. Jedes Jahr fanden Hinrichtungen von Kindsmörderinnen statt.

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Die Jagd war zu Ende, die Jägerin schnitt einen Laborbatzen Muskelfleisch aus. Zehn Jahre nach Tschernobyl strahlte das Wildbret in der Wetterau weit über dem zulässigen Wert. Vereinzelt wurden bis zu 1115 Becquerel pro Abschusskilo gemessen. Keine Eingeweihte verlor darüber ein Wort. Es herrschte die Omertà der Interessenverbände.

Die Gefahr ließ sich weder riechen noch schmecken. Sie überstieg das menschliche Maß und überlistete den Instinkt.

Die schießgeile Förstertochter Lale Jerome wusste sich nicht weit vom Münzenberger Galgen. Als Inhaber der Blutgerichtsbarkeit hatten die Hagen-Münzenberger ihre Urteile bis tief ins 18. Jahrhundert vollstrecken lassen. Lale fragt sich, wie viele Kindsmörderinnen unter den Delinquentinnen gewesen waren; wie viel Not unbeschrieben geblieben war. Auf der Sprungbahn des Assoziativen kam Lale vom Hölzchen aufs Stöckchen und so auch auf den südrheinischen Küchenklassiker Pot-au-feu* als Inkarnation französischer Innerlichkeit.

*„... ist ein klassischer Eintopf der ländlichen Küche Nordfrankreichs, bestehend aus Rindfleisch, Gemüse und einem Strauß Kräutern, bei dem auch eine Brühe entsteht.“ Wikipedia

Lale beschimpfte ihre Oberflächlichkeit, diese ausflüchtige Gleichzeitigkeit von Hinrichtung und Eintopf; als gäbe es eine zweite Lale, der man die Leviten lesen konnte.

War das schon Schizophrenie?

Zwei Thunderbolds brachen einen Tiefflug ab und stiegen steil auf. Low level abort. Wegen seiner gedrungenen Gestalt nannte man den Erdkampfjet Warthog - Warzenschwein.

Gereizt von der Ruhestörung fuhr Lale ab. In ihrem Offroader bretterte sie auf die Skyline an der Horizontlinie zu. Dem erloschenen Jagdfieber folgte der obligatorische Kater.

Als Lale die Frankfurter Stadtgrenze erreichte, war es schon zu spät, um sich vor dem Frühsport noch einmal vor heimischen Spiegeln zurecht zu zupfen. Dabei trat Lale höchst ungern struppig auf. Vertraulichen Umgang im Out-of-Bed-Look hatte sie nur mit sich selbst. Das Publikum musste sich mit einer zwanghaft kompetitiven, Lale dachte evaluierten Version auseinandersetzen. Undurchdacht auszusehen: das war für die Chefin der größten Ugly-Casting-Agentur auf Rheinmain der Untergang des Abendlandes. Andere mochten ihren Achtsamkeitsbegriff enger fassen. Gewisse Nachlässigkeiten lagen für diese (männlichen und weiblichen) Schlampen auf einer Linie mit Geschwindigkeitsüberschreitungen und Steuerhinterziehungen.

Jeder fuhr zu schnell. Alle beschissen das Finanzamt. Man deodorierte sich körperlich und sozial mit der Idee, so oder so zu genügen. Das ungewaschene Haar bündelte eine Plastikklammer. In einem Top vom Flohmarkt tauchte man zum Training auf und dachte sich überhaupt nichts dabei. Küsschen links, Küsschen rechts, die Knoblauchfahne, der Nachtkniest …

Für Lale war jedwede Unterschreitung des optischen Minimums eine moralische Bankrotterklärung. Trotzdem nahm sie den direkten Weg zum Treffpunkt in der Nidda-Aue am ehemaligen Maurice-Rose-Airfield.

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Ahn hatte ihre Kunst in der losgelösten Verfassung somnambuler Hingabe von einem Onkel gelernt, den sie General nannte. Der General war Schüler eines stummen Mönchs gewesen, der weiter nichts als Nachahmung zugelassen hatte. Nach der Niederlage Saigons war Ahn im Tross des Generals den Amerikanern erst nach Kalifornien und dann auf die Philippinen gefolgt. Da herrschte eine mörderische Kanaille. Ständig stürzten halbfertige Häuser ein, man ließ dem Beton nicht genug Zeit zum Abbinden. Da die Arbeiter in den Rohbauten schliefen, wurden die Baustellen zu Gräberstätten. Soldaten erzwangen die Fortsetzung der Arbeiten. Leichen wurden kurzerhand einbetoniert.

Der General und sein Gefolge zogen von einem bewachten Anwesen zum nächsten. Eines Tages erklärte er Ahn, sie sei nun Spielerin. Spieler:innen kontrollierten oder betrieben Restaurants, Bars, Sportstudios, Wach- und Schließgesellschaften. Sie spielten sich selbst in Filmen. Sie garantierten Sicherheit und Vergnügen. Man wandte sich vertrauensvoll an sie. Es war eine Art Franchise System mit dem General an der Spitze oder kurz vor der Spitze im Nebel vollkommen undurchsichtiger Verhältnisse.

Manche Spieler gründeten keine Familie, die als neuer Ast an einem Stamm begrüßt werden konnten. Solche Spieler waren leer. Man nannte sie auch Mönche. Ab und zu sah Ahn einen leeren Spieler, nie kam er ihr unglücklich vor. Ihm lachte das Nichts.

Leere Spielerinnen schien es nicht zu geben.

Schließlich verlor der General seine Macht. Nach einer Vendetta übernahmen andere die Funktionen seiner Vasallen. Ahn floh. In einem Großraumflugzeug lernte sie Lale kennen, die sich in Asien und Australien umgesehen hatte. Ahn erzählte ihr von ihrem Familien-Gong-fu.

Sofort war Lale Feuer und Flamme. Seit ihrer Kindheit träumte sie von Gong-fu, und jetzt war das Gong-fu da. Lale brachte Ahn in ihrem Revier unter. Sie installierte die Koryphäe. Lale salbte Ahn mit allen Frankfurter Essenzen. Ahn revanchierte sich.

Sie unterrichtete nur Frauen. Der Ahn-Klan beging jeden Geburtstag zweimal. Einmal schwarmlaut an einer streuseldeutschen Kuchentafel und einmal buddhistisch-kontemplativ mit einer Tee-Zeremonie. Lale liebte den Kult und die Gemeinschaft.

Ahn lud zwar jede ein, zum Klan aufzuschließen, heimlich zog sie aber Gräben. Nur mit den Initiierten machte sie Energie. Die Auserwählten wurden weich. Sie wuchsen. Während sie Grenzen überschritten, kehrten die Zurückgesetzten um. Sie verbanden Kampftechnik mit Krafttraining. Sie übersetzten Qi mit Flow. Sie wurden Kickboxerinnen.

Ahn tat so, als seien die Renegatinnen verflucht.