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2023-09-28 11:28:13, Jamal

Some do the right thing before all experiences, others do the wrong thing with all experiences. Jamal Tuschick

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„Das klassische Drama diente zur Bestätigung einer Welt, gegen die es entstanden war. Mit klassischen Versen verlobte man sich, erzog man seine Kinder, kannegiesserte und kegelte man. ‚Das ist das Los des Schönen auf der Erde‘, rief Vollbart und zwickte die Kellnerin.“ Herbert Ihering

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„Zusammenfassend kommt (der britische Kernphysiker und Molekularbiologe Jeremy Hayward) zu dem Schluss, dass das menschliche Bewusstsein möglicherweise grundlegender als Raum und Zeit sei.“ Wanda Badwal

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„Die Geschichte meiner Kindheit ist ein komplizierter Satz, den ich ständig zu beenden versuche.“ Hilary Mantel

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„Ich sprach davon, dass man sich (am besten) nicht vom Unbehagen wegbewegt, sondern darauf zugeht und es bewohnt, es als Stärke nutzt.“ Enkyo O’Hara

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„Die einfachste Lösung ist meistens die richtige.“ Stefan Aust im Gespräch Alexander Kluge 2001

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„Jede neue Zeit muss ihre Erfahrungen im Verhältnis zu … einfachen Erzählweisen (Catchpenny, Balladen, Moritaten, Laterna-Magica-Bildfolgen, Jahrmarktspanoramen, Guckkastenbilder, Kino) testen.“ Alexander Kluge

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„Auf jede Überforderung hin suchen Menschen nach einer Erzählung.“ Alexander Kluge

In den 1990er Jahren © Jamal Tuschick

Vorgetäuschte Leichtigkeit/Feindlicher Klatsch     

Schließlich geht es nur noch darum: wach zu sein mit Schmerzen, die leicht unerträglich werden, oder unterzugehen im Medikamentenschlummer nah der Bewusstlosigkeit.

Das Leben am Rand des Todes geizt sogar mit Illusionen. Valerie notiert ihre letzten Reinfälle in der Folge vorsichtiger Hoffnungen. Tumore greifen sie an, ihr zerstörtes Rückgrat wurde mit Zement geflickt. Der sarkomen Gier entreißt Valerie eine Geschichte vom wilden Tier Tod.

Gnadenlose Retrospektive

James Hetfield bemerkt in einem Interview, er würde sich nirgendwo auf der Welt so lebendig fühlen wie im Wald angesichts einer frischen Strecke. Der Vorgang des Tötens und der Anblick des Getöteten verpasse der bloßen Befriedigung eine Klimax, vielleicht sogar mit dem Potential einer Katharsis.

Kommt es knüppeldick, zeigt sich im Überlebenswillen ein merkwürdiger Stolz.

Der Stolz, andere überlebt zu haben. So stellt sich die Frage, wen könnte man denn noch? Unter dem Druck andauernder Erpressungen, wie sie in den Banditendiktaturen der Knochenfresser:innen üblich sind, klärt sich das Bewusstsein bis zum Wahnsinn - und so stellt Valerie mit Lustgewinn (bei gleichzeitiger Trauer) fest, dass zwei ihrer größten Feindinnen überraschend vor ihr gehen mussten. Dass ausgerechnet ihr vom Hyper-Flow angetriebener Gatte Tian bereits vor drei Jahren starb, bleibt unfassbar. Und jetzt auch noch - völlig überraschend - Vincent, Valeries letzter Liebhaber. Sie nimmt dem Toten ihre Unbekümmertheit von vor einem Jahr übel. Die vorgetäuschte Leichtigkeit des Verführungsspiels. Das erscheint Valerie jetzt als Sakrileg. Zu beinah allem hätte es niemals kommen dürfen, in Anbetracht ihrer akuten Verwundbarkeit.

Valerie lebt in S..., einer Ortschaft zwischen Mühlacker und Ötisheim. Vor der Tür liegen Schauplätze ihrer Kindheit. Das rührt sie manchmal.

Zu jenen, die Valerie überleben werden, gehört die fadenscheinig-handfeste Louise. In einer gnadenlosen Retrospektive ist Louise nicht die drittbeste Kindergartenfreundin, sondern nur noch eine Nachbarin, der Valerie nicht so sehr auf den Keks ging, dass sie den Kontakt abbrach. Louise lebt in einem Tablettenparadies und in einem Dauerprovisorium namens Übergangslösung. Ihr Eskapismus steht im lebhaftesten Gegensatz zu der Solidität des schwäbisch-pietistischen Milieus, in das Louise hineingeboren wurde.

Louise geht im Bademantel auf die Straße, belauert von Fanatikerinnen der Kehrwoche, die mit ihr aufgewachsen sind.

Auch Valeries erster Weltmann, Josh, genannt Hamlet (den Spitznamen findet Valerie nun prätentiös), macht jenseits des Atlantiks einen auf unsterblich. In der Zeit ihres vollen Glanzes hielten Valerie und Hamlet im Schwarzwald Voodoo-Séancen ab, die das kosmische Gleichgewicht erschütterten, Sterne in Trance versetzten und Jahwe mit Shiva versöhnten. Zwei Tage nach einer spirituellen Himmelfahrt flog Valerie im Auftrag eines Magazins von Frankfurt am Main into the great wide open. In Hongkong landete sie mit Tian im Bett. Sie recherchierte am Set einer Eastern-Produktion. Tian wirkte als Stunt-Choreograf mit. Der Fachmann war die brillanteste Persönlichkeit in Reichweite.

Verlässliche Wunder  

Zum ersten Mal stieß Valeries diffuses Interesse an Martial Arts auf Kompetenz. Tians charismatische Meisterschaft war ein Aphrodisiakum.

Tian initiierte Valerie, bis in der täglichen Qi-Gong-Praxis Gedanke und Atem eins wurden.

War das ein Wunder, auf das sich bauen ließ?  

Valerie zweifelte. Sie war knapp dem Bodensatz des Bürgertums entronnen. Sie zeichnete Linien in die Luft; überflüssige Luftlinien, wie sie bald verstand. Sie lernte die Stümper: innen an wasted motions zu erkennen.  

Es gäbe keinen Unterschied zwischen Gegner und Chance, erklärte Tian. Er stammte aus Mainland China, sein Leben war lange eine Odyssee gewesen. Er predigte Wasser und trank nichts anderes. Er verbat Valerie die Versorgung des Alkohols mit ihrem Körper.  

Er sagte, die kindlichste Vorstellung davon, was Qi ist, sei richtig. Er führte aus: „Qi ist die körperliche Seite der Intelligenz.“

Qi ist Intelligenz.

Valeries Körper fand Tian smart, da der Körper rasch adaptierte. Tian verblüffte seine Schülerin, indem er einen Schmerz beseitigte, indem er ihre Haltung korrigierte.

Nach einem mehrjährigen transkontinentalen hin und her überraschte Tian Valerie mit einer Liebeserklärung an ihre Heimat. Begeistert zog er in Valeries verwaistem Elternhaus und machte da erst einmal Klarschiff. Er begann zu gärtnern, einzuwecken und Wochenmärkte abzuklappern. Mit Valerie und deren ehemaligen Mitschülerin Doris Steinbrecher zog er die erste Achtsamkeitsakademie in Baden-Württemberg auf.

Tians magische Ausstrahlung illuminierte die ewig zurückgebliebene, nach Backpackerjahren auf den Zustand einer vom exzentrischen Vater Alimentierten zurückgeworfene Yoga-Aktivistin Doris. Beinah über Nacht avancierte sie zur Trendleaderin. Bereits mit vierzehn unterrichtete auch ihr auf O‘ahu geborener Sohn im Flow-Container. Navin orientierte sich an Tian, der das Potential des zur Superpower Begabten zuerst erkannte. Bei Demonstrationen versetzte Navin Bühnenböden in Schwingung. Mitunter gab das Parkett unter ihm einfach nach.

Im Präsens von 1999

Eine, die sich immer zurückgesetzt fühlte, will wenigstens als Todkranke in die erste Reihe der Aufmerksamkeit. Mit Heilerwartungen soll in dem toskanischen Retreat der Achtsamkeitsakademie meditiert, Tai Qi, Qi Gong und Yoga praktiziert werden. Valerie lässt sich von Navin betreuen. Er ist mit seiner Cousine Alissa, kurz Issa, am Start. Dazu bald mehr.