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2022-06-04 07:57:03, Jamal Tuschick

Rom: Straßenmusikerinnen vor dem Kolosseum, Band in der Villa Borghese © Jamal Tuschick

Sommerschweiß

Annette hält Vollwertkost für unentbehrlich. Sie isst ständig und redet darüber. Ich bringe für das Konzept weder Verständnis noch Interesse auf.

Sie ist überhaupt nicht abwartend. In unserer ersten gemeinsamen Nacht ging sie durch die Decke und freute sich danach diebisch darüber.

Sie urteilt bedenkenlos. Sie reißt mich hin mit dieser Formulierung: „Denk doch mal nur an dich.“

Manchmal zerfallen städtische Phänomene so, dass dem Betrachter ein Spaltprodukt seiner Erwartungen ins Auge fällt, in dem die Tatsachen verfehlt werden. Mir ging es so mit zwei Kiosken, die an der Eckenheimer Landstraße in zwillingsgleicher Eintracht nebeneinander zu existieren scheinen. Tatsächlich entspricht die Konstellation dem Ergebnis eines Streits.

In einem Innenhof wird Apfelsaft ausgeschenkt. Man kann auch Grapefruitsaft bekommen. Für Annette müsste es Wein geben, um die Szene nach vertrauten Maßstäben als komplettes Programm mit Kultur zu erleben. Gekonnt ausgeleuchtet, hängen Bilder in einem Gartenhaus. Verzuckertes Fachwerk und jede Menge Chagallalla.

Eine von Karolins lebenden Leichen kreuzt auf. Er hat sich so zurechtgetakelt, dass er in seinem Aufzug vor zwanzig Jahren noch mit den lockeren Vögeln in ein Gespräch gekommen wäre ... woher und wohin, also aus Kathmandu nach Gelsenkirchen zu einem Festival mit den Scherben.

Den Kniest in seinen Ritzen möchte ich nicht ankratzen. Manchmal kam Karolin direkt von ihm zu mir. Mich schüttelt die Vorstellung, mit diesem Kniest in Berührung gekommen sein.

Ich rieche Annettes Sommerschweiß. Seit ein paar Wochen reden alle über Pheromone. Vorher kannte keiner das Wort. Jetzt kommt keiner ohne es aus.

Angeblich sagen uns chemosensorische Reize, die unbewusst wahrgenommen werden, wo es langgeht. Gestern fragte Annette, ob wir alles gemacht hätten. Alle Stellungspunkte abgehakt. Dass kein unerfüllter Rest da bleibt, wo Vollständigkeit einfach und preiswert herzustellen ist.

Bloß keine Bedürfnisrückstände. Zumindest nicht am Anfang. Später geht der Sex in die Verhandlungsmasse. Die Verbindung von Gutmütigkeit und Erregung endet oft an einem Tresen. Der Rest ist Schweigen und Geschrei.

*

Warum geht es, wenn nicht darum, sich auf der Plattform zu halten? Man hat sich zu zeigen. Darauf bin ich eingestellt und deshalb überrascht, als Manson am Telefon behauptet, für Unsichtbarkeit sei ihm ein hoher Preis nicht zu hoch. Er hält mir die Frauen vor, die ich verlassen habe.

Plötzlich spricht etwas gegen mich, was die längste Zeit für mich gesprochen hat.

*

Das Paar im zweiten Stock gießt die Blumen im Treppenhaus mit Spirituosen und lässt Gläser auf den Stufen stehen. Eine verlassene Nachbarin hat sich mit dem Föhn in die Wanne gesetzt, ein vor die Tür Gesetzter blieb tagelang sitzen. Dann brachte ihn eine bei sich unter, das veranlasste ihre Vorgängerin zu Attacken. Kein Mensch verlangt Ruhe, wenn nachts getobt wird.

Khan verkauft Fleisch in seinem Kiosk. Er kann alles besorgen, auch Duschvorhänge. Er hat im Nordend eine Zukunft. Er zeigt sich den Vietnamesen gewachsen, die in ihren Trafiks Rechner reparieren und mit dem allgemeinen Ferngesprächshunger Geschäfte machen.

Grau und leise verkörpert Khan den historischen Augenblick im Asphaltrevier. Mit Tee bewirtet er auch den Sportler, der im Günthersburgpark gegen meine Laufrichtung immer schneller wird. Der Sportler ist Hausmeister. Ein Gerücht weiß von seiner Vergangenheit als Söldner auf dem Balkan. Zur Steigerung meines „subjektiven Sicherheitsempfindens“ empfiehlt er eine Schusswaffe. (Großes Nachbarschaftsgefühl.)