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2022-05-04 07:12:15, Jamal Tuschick

#Lob

Guten Morgen Herr Tuschick,

haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre scharfsinnige Rezension zu „Meer Liebe im Herzen“. Sie haben die Stimmung des Buchs bestens eingefangen.

Herzliche Grüße und einen guten Start in die Woche

Kathrin Bücherl

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Blanvalet | Limes | Penhaligon

Das Lob bezieht sich auf diese Besprechung.

„In Kampen lag sie gern nackt in den Dünen.“ Siegfried Müller über Valeska Gert

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„Im Sommer 1921 bin ich einmal, in Kampen, unbemerkt einen langen Spaziergang hinter Ihnen hergegangen und habe mir ausgedacht, wie es wäre, wenn Sie mit mir sprächen.“ Adorno in einem Brief an Thomas Mann

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich kein Wort über den Biografen verloren habe. Ich hoffe, es ging ihm nur darum, Valeska Gert im Gedächtnis der Welt zu halten. Dann hätten er und ich an einem Strang gezogen.

Sie absolviert den Ausbildungsparcours für höhere Töchter im Widerspruch zu den Begriffen der Zeit. Ihr Herz ist ein oppositionelles Organ. Man findet sie „herrschsüchtig“ und sprunghaft.

Valeska Gert (1892 - 1978) strebt zum Tanz. Die junge Frau folgt einem Rat und wird Schülerin von Maria Moissi. Früh entwickelt sie ein „altersloses Körpergefühl: ‚Ich verlor meine Starrheit und wurde jung‘“. Ferner bildet sie sich nach den Vorstellungen der Tanzlehrerin Rita Sacchetto (1880–1959), die in gründerzeitlicher Grunewald-Prächtigkeit eine Ballettschule für Eliteelevinnen betreibt.

Siegfried Müller, „Valeska Gert. Von Berlin bis Kampen auf Sylt“, Biografie, Hentrich & Hentrich, 19,90 Euro

1916 debütiert sie mit einem Engagement an den Münchner Kammerspielen. Im letzten Kriegsjahr tritt sie unter Max Reinhardt am Deutschen Theater auf. In der Weimarer Republik übernimmt sie Filmrollen und bespielt solistisch die hauptstädtische Kabarettszene. Valeska Gert tanzt Zustände von der Nervosität bis zum Orgasmus. Eine Pantomime heißt „Boxen“ und reagiert auf ein gesellschaftliches Fieber. Wer Rang und Namen hat in der Berliner Republik der 1920er Jahre, zeigt sich am Ring.

Valeska Gert performt die „Canaille“ nach Motiven aus dem Alltag einer Sexarbeiterin, und den „Tod“ im Siechenstil als Triumph der Reglosigkeit. Man vergleicht sie mit Anita Berber, auch wenn die Künstlerinnen auf sehr unterschiedliche Weise herausfordernd wirken. Der Journalist Fred Hildenbrandt beschreibt Anita Berber als „ein Genie der verderbten Darstellung, der frivolen Attitüde, der obskuren Geste.“

Klaus Mann hält viel von Anita Berber, während Valeska Gert das Repertoire der Kollegin nicht avant genug fand.

„Disruptive Konstellationen“

„Die … Choreographin Anne Collod übernimmt im Sommersemester 2021 die Valeska-Gert-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin. Unter dem Titel ‚Disruptive Constellations‘...“ Quelle

Auch wenn der Expressionismus sie prägt, Valeska Gert nennt ihn ihr „einziges Verständigungsmittel“, erkennen manche in ihr eine Ikone der Neuen Sachlichkeit. Ihre Erscheinung zählt zu den Signets der Berliner Moderne. Es geht um weibliche Ermächtigungen. Zunehmende soziale Bewegungsfreiheit und ihre Reflexe in Kunst und Mode liefern Valeska Gert Steilvorlagen. Auch der Fitness-Flow spielt eine Rolle. Valeska Gert beteiligt sich nicht an den Kokain-Eskapaden der hauptstädtischen Demi-Monde.

Dem Publikum begegnet sie als Schrittmacherin der Zukunft. Konsequent verweigert sie sich der gymnastischen Konfektionsware elastischer Bubikopferotik. Nichts von der Stange kommt in ihre Kunsttüte.

Sie erklärt sich. Ihre Art zu tanzen „könne man nicht lernen“. In einem Interview charakterisiert Valeska Gert ihren Stil als „realistische Halluzinationen“. Sie erinnert ekstatische Anfänge im Selbstläuferinnenmodus.

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„1917 war sie im Urlaub in Koserow an der Ostsee nackt im Wald spazieren gegangen. In Kampen lag sie (in den 1920er Jahren) gern nackt in den Dünen.“

Der Bäderführer von 1928 bewirbt Kampen als authentisches Friesendorf. Ursprünglichkeit und stadtferner Trubel funktionieren schon als touristische Trigger. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Arzt Helmuth von Krause, erwirbt Valeska Gert ein Grundstück und baut ein Haus. Liiert ist mit Aribert Wäscher. Sie bekennt, „dass sie bei politischen Diskussionen ihrem eruptiven und ‚rechthaberischem‘ Temperament nachgibt. Auch auf Sylt argumentiert sie handfest. Einmal springt sie Johannes R. Becher an.

„Wupp, da bin ich auf ihn raufgehüpft - er lag am Strand in Kampen - und habe ihm eine geklebt.“

„Belanglose Harmlosigkeit“

Bereits Ende der 1920er Jahre verknappt sich das Angebot der Auftrittsmöglichkeiten unter antisemitischen Vorzeichen. Angst bestimmt das Verhalten der Entscheider:innen und der Artist:innen. Viele retten sich in die „belanglose Harmlosigkeit“. 1932 gründet Valeska Gert ihr eigenes Kabarett, den „Kohlkopp“ in der Budapester Straße im Berliner Bezirk Charlottenburg. „Ihre ‚Tanzkarikaturen‘ in knallbunten Phantasiekostümen (sind nicht lange eine) Sensation.“ Quelle

Valeska Gert beweist eine Liebe zur spartanischen Improvisation vor Nosferatu-Kulissen. Die Künstlerin schätzt die kleine Form. Sie macht nichts, womit sich groß rauskommen ließe. Sie empfängt illustre Gäste, darunter die Schriftstellerin Ivy Litvinov (1889 - 1977), Ehefrau eines Revolutionärs und sowjetischen Diplomaten, und den Hirnforscher Oskar Vogt (1870 - 1959).

Beggar Bar Blues

Valeska Gert entspricht der „extremen Verkörperung dessen, was die Nazis hassen“ (Axel von Ambesser). Nach der Machtergreifung verliert sie ihre Auftrittsgelegenheiten. Sie geht eine Zweckehe ein, um einen britischen Pass zu ergatte(r)n. Sie exiliert nach London, bevor sie 1939 in die Vereinigten Staaten emigriert. In New York erreicht ihre Karriere zunächst einen Tiefpunkt. Valeska Gert schlägt sich als Tellerwäscherin und Aktmodell durch. 1941 zieht sie im Herzen von Manhattan die Beggar Bar in der Morton Street, Ecke Bleecker Street auf. Die Greenwich Village-Adresse ist legendär.

„‚Eine Tonne ist kein Tisch, man sitzt nicht auf Kästen, in denen früher Seltersflaschen transportiert wurden, und die Couch gehört nicht hierher.‘ So lauteten im Dezember 1941 die Einwände des Polizeiinspektors … der (die) … Beggar Bar … freigeben sollte … Auf die Idee, die Bar zu gründen, kam Gert durch … Tennessee Williams, der … als Kellner arbeiten wollte.“ Quelle

Die Wirtin übersteht Heimsuchungen italienischstämmiger „Racketeers“. Sie weigerte sich, Schutzgeld zu zahlen.

Sandwolkenkratzer

Als Ersatz für Kampen taugt ihr Provincetown auf Cape Cod im Bundesstaat Massachusetts. Da kommt sie mit Jackson Pollock in Kontakt. Er erkennt in ihr den Prototyp einer internationalen Bohème. Valeska Gert genießt NY-Auszeiten halbwegs in der Wildnis mit Siedlungsmarken aus der Pilgrim-Ära. George Grosz schwärmt von den „Sandwolkenkratzern“ auf Cape Cod, und einer weitgehend unberührten Natur.

„Seit die Quäker hier landeten (ich meine die Pilgerväter), ist es kaum begangen worden.“

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In den späten 1940er Jahren trudelt Valeska Gert via Paris, Zürich und Berlin nach Kampen. Die Re-Emigrantin eröffnet 1949 in Wilmersdorf das Kabarett Hexenküche. Zwei Jahre später erwirbt sie in Kampen eine Ausschankerlaubnis. Den Ziegenstall bewirtschaftet sie zunächst ohne Kühlschrank. Den „Ziegenflipp“ serviert sie in einer Nuckelflasche.

„An einer Wand prangt der Satz: ‚Die Gäste sind wie Ziegen - sie werden gemolken und meckern.‘ … ‚Viele Gäste empfinden es hier als unordentlich. Dabei wissen sie gar nicht, wie viel Mühe es uns jeden Tag macht, diese Unordnung herzustellen‘.“ Quelle

Aus der Ankündigung

Berlin, New York, Provincetown, Sylt – das waren die wichtigsten Lebensstationen der Tänzerin und Jüdin Valeska Gert (1892–1978). Als berühmteste Grotesk-Tänzerin der Weimarer Republik hatte sie eine europaweite Ausnahmestellung inne. Von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, eröffnete sie in New York ein Kabarett, in dem sich viele amerikanische und exilierte Künstler trafen. 1947 kehrte sie nach Europa zurück. Zunächst in der Schweiz, dann in Berlin betrieb Valeska Gert ein Künstlerlokal. 1951 eröffnete sie in Kampen/Sylt mit dem „Ziegenstall“, einen einzigartigen Nachtklub, der auch Prominenz anzog. Ihre Bedeutung für die Tanz-, Kabarett- und Filmkunst würdigte Volker Schlöndorff 1976/77 mit einem Film über ihre Person und ihre Kunst.

Siegfried Müller folgt ihr auf ihren Lebensstationen und bindet die spezielle Art ihrer Performance in die jeweilige Zeit ein.