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2024-01-15 08:59:19, Jamal

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Ufos über Kreuzberg © Jamal Tuschick

Ariane

Eine neue Nachbarin hatte noch nicht kapiert, wie dünn die Wände waren. Ihre Vorgängerin hatte ich kaum mitgekriegt. Sie war bestimmt nicht länger als zwei Monate in einer Notunterkunft geblieben, die vom Hausbesitzer großspurig als Appartement angeboten wurde. Ariane hatte sich aber eingerichtet, die Auslegeware entfernt und Fliesen freigelegt. Sie versuchte in dem Mansardenverschlag ernsthaft zu wohnen; den Etagenkorridor stellte sie mit ihrem Kram voll. Ich hörte Ariane auch unter der Dusche. Zuerst hatte ich sie für eine Studentin gehalten, aber da schien irgendwas nicht geklappt zu haben. Ich ahnte einen biografischen Riss.

Ungezwungen telefonierte Ariane im Gemeinschaftsflur mit ihrer Mutter. Nebenbei kramte sie in ihren ausgelagerten Beständen. Schließlich klopfte sie. Sie trug ein ärmelloses Kleid, Ariane war nicht der Typ, der in einer Sporthose häuslich wird. Sie redete immer noch. Sie durchquerte meine Bude und deutete auf den Tabak. Ich drehte eine Zigarette, gab Feuer, das alles stumm. Ariane kehrte auf die Schwelle zu meiner Kammer zurück, rauchte und redete. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr dabei zuzusehen.  

Das Familiengespräch war beendet.

„Tut mir leid“, sagte Ariane, „ich hätte nicht gedacht, dass das so lange dauert.“

Sie drückte ihre Zigarette aus. Eine Zigarrenkiste erregte ihre Aufmerksamkeit. Glücklich, ihr etwas Überraschendes zeigen zu können, klappte ich den Deckel auf.

Ein Urgroßonkel war dem Trott seiner Ahnen auf einer Laufbahn als Graveur entgangen. Mit kunstvollen Fassungen billiger Steine verdiente er sein Geld. Die Schmuckstücke überlebten in der Familie als Schatullen-Existenzen. Ich bemerkte sie in einem mehrstufigen Arsenal meiner Mutter sowie in den Kleinodgewahrsamen alter Tanten. Nicht, dass sich die Frauen viel aus den unzeitigen Gegenständen gemacht hätten. Diese Dinge waren nur nun einmal da und wurden nach einem rätselhaften Schlüssel von einem Preziosen-Hort in den nächsten verlegt. Immer mal wieder steckte man einer Nachgeborenen einen Ring zu oder vermachte ihr eine Brosche; ohne zu erwarten, dass sich die Beschenkte mit dem Schmuck zeigte. Ich besaß vier Stücke, verwahrt in einer Kiste, die ursprünglich eine Schmetterlingsherberge gewesen war. Mein Urgroßvater war Schmetterlingsfänger gewesen. Irgendwann verloren die Präparate ihre häuslichen Ehrenplätze. Sie wurden Speichergut und vergessen. Manche Kisten rochen noch nach Tabak, als ich sie entdeckte. Ich fand kleine Kadaver darin. An die Schmetterlinge erinnerten nur noch die Nadeln, die sie durchbohrt hatten.

Ariane schob sich einen Ring auf den rechten Zeigefinger, sie kannte den Namen seines Steins. Es war ein Amethyst.