MenuMENU

zurück

2024-02-17 11:30:38, Jamal

Sehen Sie auch hier. Und hier. Und hier.

© Jamal Tuschick

Phobisches Phänomen

Anfang Februar 2020 waren Regina und ich in Prag. Die Stadt war voller Asiaten und fast alle trugen Mundschutz. Wir hielten das für ein phobisches Phänomen. Das Virus machte bereits von sich reden. Es ging uns nichts an. Die Pandemie war längst in Europa angekommen, meine Antennen empfingen kein Signal. Kein atavistischer Alarm erhöhte die Aufmerksamkeit. Obwohl ich normalerweise das Gras wachsen höre.

Das Virus überraschte mich wie viele andere. Daran denke ich beim Lesen von Stephen Greenblatts Bericht „Der Tod in Rom“. Ihm ging es wie mir. Das Virus als Nachricht wirkt so erschreckend wie ein Eichhörnchen auf dem Sims. Greenblatt genießt ein Forschungssemester in Rom, die Entfernung zum Krisenherd hält er für ausreichend. Eine chinesische Freundin informiert ihn über dystopische Veränderungen in ihrer Heimat. Wir fern-sehen Chinesen in ihren Wohnungsquarantänen. Das Virus stellen wir uns extrem heimatverbunden vor. Das verreist nicht. Die ersten Hinweise auf Notstände in Norditalien sickern durch die Wand der Ignoranz und werden so abschätzig wie Wasserschäden betrachtet.

Die ersten Abriegelungen erscheinen in ihren Übertragungen wie Dreharbeiten zu Filmen, die erschrecken sollen. Dann wird die Mailänder Modewoche abgesagt. Eine Flugzeugträgerin der italienischen Wirtschaft läuft nicht aus.

Das ist ein Zeichen, das man versteht. Plötzlich verbinden sich wieder die Informationen zu Bildern, mit denen zu arbeiten wir gewöhnt sind. Das kennt man, auch wenn man es noch nie erlebt hat. Das Virus performt jetzt in Europa. Es kommt an in der viralen Ästhetik. Es kommt bei uns zuhause an.

Der gesellschaftliche Kreuzbandriss ist das erste Geisterspiel - Juventus Turin gegen Inter Mailand. Das sagt in dem katholischen Land mehr aus als die Schließung der Kathedrale von Mailand.

Schlagartige Reduktionen

Jeder Fünfte endete im Mittelalter als Seuchenleiche.

„Corona und wir“ - In seinem Beitrag „Demografische Katastrophen der Menschheit“ erinnert Matthias Glaubrecht, dass „Hungersnöte, Krankheiten und klimatische Veränderungen“ von jeher die Menschheit begleiten. Dazu kommen Kriege. Der Zoologe und Journalist zieht das Virus in diese Betrachtungsklammer und organisiert so die übergeordnete Perspektive. Populationseinbrüche gehören zum evolutionären Programm. Mitunter stufen sie die genetische Vielfalt herab. Engländer sind sich heute ähnlicher als sie es vor den schlagartigen Reduktionen von 1340 und 1660 waren. Die Pest hat bestimmten Gruppen und Familien weniger abgepresst als anderen. Die Resistenten bilden den Stamm aktuell atmender Engländer.