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2019-02-01 07:00:24, Jamal Tuschick

Wolfgang Streeck, auf den sich Lafontaine gern bezieht, schreibt: „Die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft erwies sich als weit kleiner als die untergehende Industriegesellschaft; so wuchs die Zahl der nicht mehr Gebrauchten, der Überschussbevölkerung.“

Der Genussmensch in der Revolte

Die SPD war die Partei der Industriegesellschaft und die Industriegesellschaft war am Ende.

Für die Bodenmarkierer der SPD, die Plakataufhänger, Flugblattverteiler und Klapptischtransporteure, erfüllte sich das politisch Machbare in der angestrebten „Verteilungsgerechtigkeit“ (nach einem Leistungsschlüssel) und in der „Transparenz“. Niemand hätte ihnen erklären können, dass die neue Zeit (die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft des Informationszeitalters) durch die Hintertür des Genusses Einzug halten, das heißt, im doppelten Sinn ohne Arbeit daherkommen würde. Wolfram Siebeck war ein Herold der Zukunft, Lafontaine & Siebeck boten im Jetzt von Achtundsiebzig dem politischen Morgen ausgeschlafene Gesichter.

Eingebetteter Medieninhalt

Einer Tageszeitung vertraute der Genussmensch Lafontaine einst an, wie er Leib und Seele im Amt des Oberbürgermeisters von Saarbrücken zusammenhielt. Er drückte sich in der derbsten Kombination volkstümlich aus und erntete für die Offenbarung keinen Tadel. Der geringe Abstand seines Bundeslandes zu Frankreich wurde zur Erklärung der Lafontain’schen Lebensart (seines Vorsprungs) herangezogen. Die Rede war vom Savoir-vivre. Kein Ort konnte weiter weg von Frankreich sein, als das um eine Siedlung erweiterte, 1936 gegen den Widerstand der Bauern eingemeindete Dorf, in dem mein Vater die SPD verkörperte. Für uns sah ein Sozialdemokrat aus wie Holger Börner. Schon Hans Eichel passte nicht ins Bild; der hatte nie richtig gearbeitet.

Hasenbrot und Möhrchengemüse

Mit dem Willen zur richtigen Aussprache sprach mein Vater Fremdwörter besonders falsch aus. Savoir-vivre war ein Zungenbrecher. Savoir-vivre hatte man nicht zu haben. Der Fisch aus der Konserve genügte nicht nur, vielmehr gab es nichts besseres vor dem Latrinenmenetekel „der schlechten Zeit“, die in den Köpfen weiterging, mit Feuerstürmen, Brandleichengestank und Hunger.

Die Haltbarkeit von Lebensmitteln in Büchsen war ein unerschöpfliches Thema. Die Konservenbatterien im Kellerregal verminderten eine tiefliegende Sorge.

Was für den Hering galt, galt selbstverständlich auch für das halbe Hähnchen aus dem Wienerwald nicht nur als kulinarischem Klimax und bald zerlegtem Mahnmal des ausgestandenen Hungers über die Kriegszeit hinaus, sondern auch als äußerst seltene Alternative zum Hasenbrot, das stets mir zufiel. Hatte mein Vater auf der Arbeit sein Pausenbrot nicht gegessen, bekam er abends etwas Anderes. Ich kriegte das Hasenbrot. Die Ungerechtigkeit ließ sich nicht besprechen. Sie hatte die Macht des Wetters, das man sich auch nicht aussuchen konnte.

Die größte Delikatesse meiner sozialdemokratischen Jugend war das Kotelett (mit Erbsen- und Möhrchengemüse) als Tagungshöhepunkt auf dem Hohen Dörnberg, wo „wir“ in einer Begegnungsstätte mit Sauna und Tischtennisplatte fremde Genossen trafen. Nicht wenige kamen uns nicht sozialdemokratisch vor, weil sie nicht so aussahen wie wir.

Die Zukunft gehörte der Video- und Tonbandtechnik.

Zu den Referenten zählte der Sprecharienvirtuose Bazon Brock, der seinen Namen angeblich zu Recht trug. Eine gewisse sprachliche Unbeholfenheit flößte Vertrauen ein. Im Gegenzug mobilisierte Eloquenz eine Reserve, die aus der historischen Sprachlosigkeit der Arbeiterklasse kam. „Schwätzer“ war eine zurechtweisend-herabsetzende Zuschreibung. Gewandt durfte nur sein, wer als Repräsentant anerkannt war. Gewerkschaftsführer und SPD-Obere, die mit den Bonzen auf Augenhöhe verhandeln mussten, brauchten Geschmeidigkeit.

Wir brauchten das nicht.

Überschussbevölkerung und Hedonismus für den Hausgebrauch

Bis heute faszinieren mich die Distinktionsgewissheiten der kleinen Leute, die den Bogen nie überspannten und sich auf der Kirmes öffentlich übergaben, ohne Ansehensverluste zu riskieren. Das sozialdemokratische Wir hatte hundert Jahre Arbeitskampf in der Industriegesellschaft auf dem Buckel, vom Informationszeitalter hatte noch kein Mensch gehört. Was uns konstituierte, zählte zur Vergangenheit. Wir vernahmen aber nur das Brausen der Gegenwart.

Wolfgang Streeck, auf den sich Lafontaine gern bezieht, schreibt: „Die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft erwies sich als weit kleiner als die untergehende Industriegesellschaft; so wuchs die Zahl der nicht mehr Gebrauchten, der Überschussbevölkerung.“

Die Siedlungs- und Dorfsozialdemokraten erkannten die Reiter der Apokalypse nicht. Ihnen erschien der langsam aufkommende Hedonismus für den Hausgebrauch so degoutant wie meinem Vater das Wort Lingerie, das wie Savoir-vivre zu seiner Verfügung stand, wenn auch gezogen aus einer Tiefsee. Ich komme gleich darauf zurück.

Für diese Bodenmarkierer der SPD, die Plakataufhänger, Flugblattverteiler und Klapptischtransporteure, erfüllte sich das politisch Machbare in der angestrebten „Verteilungsgerechtigkeit“ (nach einem Leistungsschlüssel) und in der „Transparenz“. Niemand hätte ihnen erklären können, dass die neue Zeit (die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft des Informationszeitalters) durch die Hintertür des Genusses Einzug halten, das heißt, im doppelten Sinn ohne Arbeit daherkommen würde. Wolfram Siebeck war ein Herold der Zukunft, Lafontaine & Siebeck boten im Jetzt von Achtundsiebzig dem politischen Morgen ausgeschlafene Gesichter.

Nachtrag

Verdrängung war eine ungeläufige Kategorie. Die hölzerne Vernunft regierte. Man glaubte nicht, dass hinter der Presspappe des Vokabulars die Psyche ihr eigenes Ding abzog. Man hatte alles im Griff soweit. Ein Rand der inneren Not einer Generation vor Bomben unter die Erde geflohenen und vor Tieffliegern, die lachend Maschinengewehrsalven versendeten, davongelaufenen Kinder, zeigte sich, wenn mein Vater das ihm fremde Wort Lingerie aussprach. Es gab dafür nur einen Kontext. Nach dem Krieg hatte meine Großmutter in den „Amikasernen“ die Siegerwäsche eingesammelt. Die Soldaten warfen sie in Beuteln aus dem Fenstern, sobald Großmutter in ihrer neuen Rolle als Waschwitwe „wie eine Landfahrerin“ mit nur einem marktschreierischen Wort um die Wäsche gebeten hatte. Die Frau eines Sozialdemokraten, der sich vor den Nazis so wenig hatte einschüchtern lassen, dass er in einer Strafkompanie auf der Krim verheizt worden war, packte die Beutel in einen Kinderwagen; umsprungen von ihren Kindern. Mein Vater und sein Bruder hatten eine 1943 bei der letzten Gelegenheit gezeugte Schwester, auf die sie nicht immer gut aufpassten. Lingerie war das Stichwort für einen Abgrundtext.