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2026-01-15 11:09:20, Jamal

Tochter aus gutem Haus

Eine von Prüfungen erschütterte Liebe verband den Dichter der „Todesfuge“, Paul Celan (1920 – 1970), mit der Künstlerin Gisèle Celan-Lestrange (1927 – 1991). Sie vollzog sich im Schatten der großen Nähe zwischen Celan und Ingeborg Bachmann. Sie wurde überschattet auch von der Zerrüttung des Lyrikers aus der Bukowina, der erst in den späten vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Paris einen Ort zum Leben fand. „Zu leben“ taucht als große Beschwörung immer wieder in den Briefen auf, die Celan an Gisèle Celan-Lestrange schrieb.

Das Paar begegnete sich 1951 und heiratet drei Jahre später. Gisèle, eine Tochter aus gutem Haus, ist von dem Dichter, der sich als Lehrer an der Ecole Supérieur erhält, bis zur Selbstaufgabe eingenommen. Sie wähnt sich in einer Liebe „außerhalb jeder Logik“. Dem Angebeteten sichert sie zu: „Du hast schon eine Lebensblume für mich geschaffen“. Celan reagiert zunächst aus einer überlegenen Position. Weltmännisch führt er die Angst an, „die immer gegenwärtig ist, wenn sich das Herz gefährlich einmischt“. Bald nimmt Gisèle sich seiner mit fürsorglichen Absichten an: „Ich möchte dich gegen alle Boshaftigkeiten des Lebens verteidigen“. Sie teilt Celans Groll auf Claire Goll, die den Dichter des Plagiats bezichtigt und nach seiner Auffassung bei ihm in der Kreide steht. Sie kokettiert mit ihrer Unwissenheit und unterschreibt sich als kleine Pfirsichblüte. Man muss wenig über Dichter wissen, um schon zu wissen, dass diese Variante des Rollenspiels ihnen nicht liegt. Auch Celan strapaziert seine Gisèle mit Alltagsverweigerungen. Er stellt sich ihr anheim als „Dein kleiner Mann“ und als „Ihr kleiner Poet“. Er schreibt aus Deutschland, wo er Walter Höllerer, Heinrich Böll, Siegfried Unseld und mit den heikelsten Empfindungen Martin Heidegger trifft. Als „epochal“ überliefert er ein Gespräch mit dem Philosophen im Auto. Im Übrigen gibt Celan Deutschland nicht viel. Im Verlauf der Neunzehnhundertsechziger Jahre gerät sein Leben aus den Fugen. Er bedarf psychiatrischer Betreuung. 1965 versucht der Lyriker seine Frau zu töten, 1970 ertränkt er sich in der Seine. Das sind Eckdaten eines nur in der Kunst gelungenen Lebens.

„Briefwechsel“, Herausgegeben von Bertrand Badiou und Eric Celan, Suhrkamp, 1208 Seiten

Die Romy Schneider der Literatur

Ingeborg Bachmann ist die Romy Schneider der Literatur. Romy Schneiders Spiel mit Michel Piccoli löscht Karlheinz Böhm als Wiener Kaiser aus. Die Verwandlung von Sissi in eine von Sehnsucht Ausgehöhlte geht dramatisch über die Bühne. Gemessen an den Margen des Literaturbetriebs absolviert Bachmann eine kongeniale Karriere auf den Feldern der Anerkennung und der bedeutenden Männer so wie in den von psychischen Einbrüchen verheerten Kellern der versuchten Selbstmorde. Beide Ikonen zerreißen die Spannung zwischen gewöhnlichen Bedürfnissen und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Beide sind schließlich Gezeichnete. Alkohol- und Medikamentenmissbrauch schenkt dem Unglück Jahrhundertgesichter.

Für gefährlich hält sie das Bad in der Menge des Kulturbetriebs. Man müsse für sich bleiben. Das postuliert die 1921 geborene Ilse Aichinger 1949. Sie überragt ihre Generation und firmiert als wichtigste österreichische Autorin der unmittelbarsten Nachkriegsgegenwart. Aichinger nimmt die fünf Jahre jüngere, zu ihr aufschauende Ingeborg Bachmann unter die Fittiche. Sie bestimmt Bachmann zum „dritten Zwilling“ in einer Union mit ihrer Schwester Helga. Aichinger sorgt sich um Bachmanns lyrisches Debüt „Die gestundete Zeit“. Es erscheint „1953 in der von Alfred Andersch herausgegebenen Buchreihe Studio Frankfurt bei der Frankfurter Verlagsanstalt“ (Wikipedia).

Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günter Eich: „halten wir einander fest und halten wir alles fest!“, Briefe, herausgegeben von Irene Fußl und Roland Berbig, mit einem Vorwort von Hans Höller, Salzburger Bachmann-Edition Suhrkamp, 40,-

Der Ton ist innig. Es herrscht Hochstimmung. Jederzeit dringend bleibt die Verbindung über ihre Keimzeit hinaus. Trotzdem fehlt manchmal „die richtige Ruhe“ zum Schreiben. Am 20. Mai 1951 nimmt Aichinger vorlieb mit einem „lächerlichen Kouvert“, da sie nichts anderes zur Hand hat, um dem starken Verlangen zu genügen, „Ingelein“ zu schreiben. Dies geschieht in einem Zuhause, das in Anführungszeichen steht. Im selben Monat begegnet Ilse Aichinger Günter Eich bei einer Tagung der Gruppe 47. Man weiß nicht, wie wohl sich Aichinger unter den alternden Hitlerjungen und Knobelbecherveteranen der Gruppe 47 fühlt. Aichinger adelt Eich. Dessen Legende von der inneren Emigration bleibt weitgehend unbeanstandet. Eich stellte 1933 als Märzgefallener einen Aufnahmeantrag in die NSDAP und unterfiel dem Aufnahmestopp. Hans Werner Richter vergleicht Paul Celans Vortragsweise mit dem „Singsang … in der Synagoge.“

Antisemitismus bricht durch. Adorno erklärt die Virulenz des Faschismus mit einer paradoxen Reaktion. Deklassierte und von Deklassierung bedrohte Schichten mit einem bürgerlichen Selbstverständnis verweigern die Ablehnung jener kapitalistischen Kräfte, die sie bedrohen. Stattdessen suchen sie da ihre Feinde, wo ein Widerstand gegen den Kapitalismus Gestalt annimmt. Im Restaurationsklima der Adenauer-Ära sucht Aichinger vor allem Abstand. Gleichzeitig wirken Aichinger und Eich als Galionsfiguren der verfeinerten Trümmerliteratur, die in der rheinisch-katholischen Heinrich-Böll-Ästhetik ihre Ikonografie findet.