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2026-01-13 10:11:27, Jamal

Gedankenkreuzzüge

Ihn schmücken nicht nur akademische Titel. Ágio Páscha trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. In Deutschland würde Ágio Páscha als Prof. Dr. Ostern (Ágio Pás-cha) kursieren.

Orthodoxe Christen feiern zu Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten. Das Fest wird in den Ostkirchen auch Páscha genannt.

Der unerhörte Liebreiz von Ágio Páschas Geliebten Beatrice ist jetzt noch nicht das Thema, so wenig wie die Stelldicheins auf den Klos der Universität von P. Der Lehrende und die Lernende lieben einvernehmlich das Schweflige der Abtritte und anderer kümmerlicher Orte. Sie wiederholen sich auf einem Passionsweg des Abwegigen. An der Peripherie des Geschehens lungern Leibwächter, die keine Ähnlichkeit mehr haben mit dem Typus des brachialen Bouncers. Der Wrestler hat ausgedient. Die Hit(wo)men (gruppi di fuoco) der modernen Mafia sind zartwüchsig. Sie geben Beatrice Kosmetiktipps und leihen sich gegenseitig ihre Kajalstifte aus. Sagen Sie ruhig divers und fluid, ich sage, das bleibt sizilianisch, auch ohne Schmerbauch, Dreitagebart und Lupara.

Feudal-fidel

Der über alles informierte Deodato Gaggini lässt seiner Tochter freie Hand als zukünftiger Führungspersönlichkeit. Töchter sind die neuen Söhne nach dem aktuellen Mafia-Komment. Man setzt auf Frauenpower und Sizilianischen Feminismus. Das heißt, die Frauen können schießen und haben Nahkampfkompetenz. Mehr Feminismus geht doch gar nicht, sagt der Pate.

So wie man in alten Zeiten in dunklen Gassen und verrufenen Häusern mit seinem Sperma hausieren ging, so kommt man jetzt feudal-fidel zur Sache. Same same but different.

Checks and Balances

Beatrice wünscht sich eine Jungfrau zum Mann. Aber noch nicht jetzt. Im Jetzt des Zenits ihrer sexuellen Explosivkraft checkt sie die Balance der Akteure im Feld. Ágio Páschas Mundgeruch erzählt schon von dem alten Mann, der er bald sein wird. Aber da ist auch noch der Vietnamese Binh. Sein Einfühlungsgenie dient der Erkundung von Schleichwegen der Migration. Im Schatten der Magistralen, die der Mehrheitsgesellschaft vorbeihalten sind, ergattert er eine passable Wohnung, genug zu essen und solche Sachen. - Und Beatrice kapiert das Konzept. Kapiert und goutiert es. Für sie ist der lautlos agierende Binh ein Bringer im unerklärten Bürgerkrieg um alle möglichen Ressourcen.

Beatrice und die Migration

Beatrice sitzt in einem Café, das - wie so vieles - der Familie gehört, und liest einen Bericht über die Gegend, in der das Café liegt. Die Rede ist von „Afrikanern und Kleinbürgern". Die Leserin erkennt unverstandenen Rassismus. Unter den Afrikanern sind gewiss genug Kleinbürger. Die Eingesessenen identifiziert sie nur nicht als kleine Leute, die von ihrem Schlendrian getrennt wurden; die nicht mehr einkehren können in ihre kleinen Ich-Gehäuse. Auch Beatrice hat keine Chance auf das Glück eines kleinen Lebens. Sie trägt die Glock am Schenkel. Dem Ernst der Lage als Tochter des Paten von P. entspricht sie scharf rasiert. Ágio reagiert auf die Aura seiner Geliebten mit genitaler Gereiztheit. Er sieht einer Frau zu, die sich selbst erst einmal entwaffnen muss, bevor sie zur Sache kommen kann. Beatrice begegnet ihrem Professor mit dem Willen zur gekonnten Performance. Bloß kein erotischer Murks. Beatrice setzt auf schwarze Spitzendessous und Strumpfgürtel. Sie trumpft fancy auf in einem vintage classy look. Natürlich hat Ágio soviel Sorgfalt nicht verdient. Aber Beatrice ist sich das schuldig. Sie will Ágio nie mehr aus dem Kopf gehen.

Sie liebt das Explizite, auch deshalb passt der Professor mit seiner abgeschmackten Formulierungskunst. Perlen der Fickprosa produziert so einer am akademischen Fließband. Beatrice füllt Tagebuchseiten mit ihren Erlebnissen, die seltsamer nicht sein könnten. Mit den flüchtigsten Bekannten beginnt sie E-Mail-Konversationen, die oft nicht aufhören, wenn sie - jedes Mal mit der gleichen Freude - darauf hinweist, dass sie gerade ihren Slip ausgezogen hat, und zwar - das ist wichtig - extra für die Person, die sie schriftlich anspricht. Das Schreiben ist notwendig, um ein gewisses, keineswegs unübertroffenes Vergnügen zu destillieren. Wir reden von einer Variante. Aber sehen wir uns diesen Punkt noch einmal im Detail an. An manchen Tagen amüsiert und erregt sich Beatrice in Korrespondenzen mit drei Brieffreunden. Sie könnte die Passage an einer Stelle kopieren und an zwei einfügen. Sie könnte sich viel Schreibarbeit sparen, aber darum geht es nicht. Es geht darum, jedes Mal neu zu schreiben: Ich habe gerade mein Höschen ausgezogen, ich habe es für dich getan. Du siehst mich auf meinem Bürostuhl sitzen. Soll ich das Kleid über meinen Hintern ziehen? Gefällt dir die Idee, dass mein Chef hereinplatzt und den lächerlichsten Grund für sein Erscheinen vorbringt, den man sich vorstellen kann? Er starrt auf mein Dekolleté.

Beatrice ist sich bewusst, wie kompromittierend solche Mitteilungen in einer Welt ohne Privatsphäre sind, in der jeder ausgeschlafene Zwölfjährige weiß, wie er seine Nachbarn effektiv ausspionieren kann. Wenn ein Mann so unhöflich ist, dass er explizite Kommentare fragwürdig findet, hält Beatrice ihn trotzdem für einen Spielverderber.

Jetzt sitzt sie in einem Büro einer der Firmen, die ihre Familie kontrolliert. Sie trägt ein hautenges ärmelloses Wickelkleid mit einem verschlungenen Muster auf nachtblauem Grund.

„Kunst lebt vom Zwang und stirbt an der Freiheit", sagt André Gide. Setzen Sie an die Stelle von Kunst Sex. Wer glaubt, ohne Formalisierung kalkulieren zu können, geht risikobereit in Vorleistung. Man lockt das unbekannte Wesen auf der anderen Seite des Geschehens aus seinem sozialen Schneckenhaus, indem man sich ein paar Freiheiten herausnimmt. Der Mensch, mit dem Beatrice gerade spricht, befindet sich auf der amerikanischen Seite des Atlantiks und hat keine Ahnung, wie das Leben in P. ist. Gary arbeitet in einer Behörde, aber wir dürfen nicht sagen, in welcher. Im Internet kursieren Fotos von ihm. Auf einem zweiten Bildschirm sieht Beatrice Gary auf einem Golfplatzfoto. Es zeigt Lässigkeit und Reichtum, aber auch etwas, das darüber hinausgeht ... nennen wir es maritime Markigkeit.

Gary ist jedenfalls auch Segler. Beatrice braucht Männer, die eine Hotelrechnung, egal in welcher Höhe, gleichgültig begleichen. Gary sieht aus wie ein Prachtexemplar. Starkes Kinn. Gute Zähne. Große Hände. Ein prahlerischer Egoismus steht ihm auf die Stirn geschrieben.

Er sieht aus, als könne er den Ozean im Galopp überqueren und einfach hereinschneien, ein Boss in XXL, unbeschwert, unerbittlich, selbstverständlich durchgreifend.

In Gedanken umschmeichelt Beatrice ihn mit ihrem schönsten Odalisken-Vokabular. Ihr Repertoire umfasst auch einen Einakter, in dem sie eine tscherkessische Schönheit verkörpert. Sie ist eine osmanische Beute von königlichem Geblüt. Eine echte Prinzessin, die dem Pascha zum Fressen vorgeworfen wird. Für den Pascha ist die fremde Prinzessin nur ein Snack. Doch sie will mehr sein und sucht deshalb nach einem Hinweis auf die geheime Natur des Herrschers. Ihre Haut ist alabasterweiß. Ihr Haar ist schwarz. Ihre Augen sind blau. Dies ist übrigens der Prototyp der weißen Türkin im Gegensatz zur schwarzen Türkin. Sklavinnen haben diesen Bosporus-Typus ausgebrütet. Ohne die Beziehungen zwischen tscherkessischen Frauen und türkischen Männern gäbe es keine hellhäutigen, blauäugigen Türken, die mit Istanbul identifiziert werden.

Zurück zu Gary. Sein Blick überbrückt den Abstand zwischen Kontinenten. Er sitzt an einem Computer in Washington. Beatrice bittet Gary, die Skype-Funktion auszuschalten.

„Ich möchte mich von deinen Worten berühren lassen. Stell dir vor, es sind Hände oder was auch immer, so weit sind wir noch nicht, ich meine, ich bin immer zu schnell, das kostet mich so viel. Also, bitte, bau es langsam auf."

Bitte schreib mir. Schreib meinen geheimen Namen richtig, damit ich dich erkennen kann. Im Gegenzug mache ich dich zu meinem König. Beatrice sagt das vorsichtshalber nicht, obwohl sie es gerne sagen würde. Es laut auszusprechen ist ein Vergnügen, es aufzuschreiben das nächste. Beatrice will sich Männern überlassen, die ihr Vater erdrosseln lassen würde, käme sie mit einer Beschwerde zu ihm. Sie raubt solchen die Vorsicht, die wissen, mit wem sie es zu tun haben, und was ihnen blüht, falls Beatrice den Daumen senkt. Ihr erst einmal zurückhaltendes/zurückgehaltenes und fadenscheinig kostümiertes Begehren zu entfachen, so wie man in eine Glut bläst, um später, ganz leise anklopfend, daran zu erinnern, in welchem Spiel sie ihren Einsatz wagen: das ist Beatrices Pläsier. Wenn auch nicht in diesem Fall. Gary weiß nicht, mit wem er spricht. Beatrices Legende für ihn ist äußerst irreführend.