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2022-07-28 06:13:55, Jamal

Sascha Wiederhold, Wiederentdeckung eines Künstlers, gesehen am 15.07. 2022 in der Berliner Nationalgalerie © Jamal Tuschick

„Mir ist … klar, dass wir nichts über die Menschen wissen, die uns am nächsten stehen.“

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Realitätstüchtigkeitsschübe

Endpunkte vertrauter Verläufe

Wünscht sie in ihren eigenen vier Wänden etwas zu essen, gibt die Mutter, „eine elegante Frau ohne Sinn fürs Praktische“, eine Bestellung bei ihrer Köchin auf. Mit der Ankündigung, den Kühlschrank abtauen zu wollen, fällt sie aus dem Rahmen ihres Repertoires. So lässt sie ihre Tochter, die als Ich-Erzählerin auftritt, aus allen Wolken fallen. Die ebenso Solvente wie Kultivierte, verpasst ihrem Schwiegersohn François einen albernen Kosenamen. Das sieht ihr gar nicht ähnlich.

Anne Serre, „Im Herzen eines goldenen Sommers“, aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky, Berenberg Verlag, 118 Seiten, 24,-

Die Mutter erscheint wie ausgewechselt und zudem erotischer als zuvor. Den Einwand, „das ist nicht deine Art zu reden“, quittiert sie hämisch.

Außerdem raucht sie plötzlich.

Die Szene eröffnet einen Reigen. Ein Ensemble von Miniaturen transportiert lauter Endpunkte vertrauter Verläufe. Bis eben war alles so wie stets. Nun ist nichts mehr so.

Der Unterschied zwischen Modus und Tempus

Die Erzählerin kritisiert die Rechtschreibfehler einer Postkartenschreiberin. Sie unterstellt der Schreiberin, den Unterschied zwischen Modus und Tempus nicht zu kennen. Sie rezensiert das Motiv. Es zeigt eine Esplanade, bepflanzt mit Palmen, die sich unter einem zu blauen Himmel …“

Die Esplanade ist komplett verwaist und deshalb nicht nach dem Geschmack der Kritikerin. Ein „menschenleeres Meeresufer“ findet sie „trist“. Trotzdem begibt sie sich auf dem Vehikel ihrer Phantasie auf eine Reise.

Einer weiteren Skizze liefert der Piazza del Campidoglio einen Schauplatz. Da treffen sich „Menschen, die wie geschaffen (sind), einander zu verstehen“. Ein übergeordnetes Ich, vielleicht die Autorin, es könnte auch die Erzählerin einer früheren Episode sein, schildert ein unter Römerinnen und Römern sprichwörtlich gewordenes Drama der verfehlten Liebe.

Allmählich wird klar, die Erzählinstanz changiert. Biografien werden angerissen, Lebensläufe gleich nach dem Start abgebrochen. Das Ich erinnert sich an ein großfamiliäres Zusammenleben mit anachronistischem Gepräge. Fellini, Hitchcock und Proust fungieren als Paten untergegangener Formate im Spektrum des Bürgerlichen.

Eine Erzählerin hält sich für „sehr geschickt, wenn es um die Verfertigung von Träumen geht“. Plötzlich schließt sich ein Kreis. Die Tochter einer extravaganten Mutter (siehe Einstiegsszene) beschwört die Beschwerlichkeiten, die sich aus dem stationären Aufenthalt ihres Vaters in einer psychiatrischen Klinik ergeben. Der Kranke hält sich für Alfred de Musset und seine Tochter für George Sand. Der Wahn dichtet ihn nicht vollständig ab.

Immer wieder durchbrechen Realitätstüchtigkeitsschübe die Schranken der Verstiegenheit und verschaffen (bei seltenen Begegnungen) einer familiären Intimität von überwältigender Kraft Raum, vielleicht sogar im Geist von Mussets Contes d'Espagne et d'Italie.

Das Genie gibt der geschlossenen Anstalt das Air einer ebenso exklusiven wie gediegenen eidgenössischen Rekonvaleszenzinstitution und sich selbst den Anschein vollkommener Sanatoriums-Solvenz mit Kurschatten-Aspiration und Zauberberg-Chichi.

Auch eine seiner Töchter führt ein abgeschlossenes Dasein - und zwar in Combleux. Während der Vater grandiose Krankheitsgewinne erzielt, erleidet Inès ihr Schicksal so nüchtern und dürftig, wie es einer prosaischen Natur zukommt. 

Einseitige Großzügigkeit

Seit Jahren bewirtet Charles Freunde in seinem Haus. Die Liebenswürdigkeit des Gastgebers wirkt ein bisschen wie aus der Luft gegriffen; als sei sie kein bilaterales Resultat, das in Abhängigkeit von Stimmungen und im Entgegenkommen Anderer entsteht.

Charles bleibt ewig und drei Tage zuvorkommend. Der Erzählanlass erschöpft sich in einem Wort. Eines Tages, die Freunde haben eine Abreisefrist verstreichen lassen, nennt Charles die Verweilenden „Parasiten“. Es kommt dann noch zu einem Vergleich mit Renny Whiteoak aus der Jalna-Saga der kanadischen Schriftstellerin Mazo de la Roche.   

„Jalna ist der Name des fiktiven Herrenhauses, in dem die Familie Whiteoak lebt.“  Quelle

Interessant an der brüsken Zuschreibung ist selbstverständlich ihre Verspätung. Man versteht beinah nicht, warum Charles nicht früher Missmut, Überdruss und Ablehnung zuzugeben bereit war. Besuch ist wie Fisch, nach drei Tagen stinkt er. Warum wollte ausgerechnet Charles zu einem Rekordjäger gastgebender Verträglichkeit werden? Die einstige einseitige Großzügigkeit ist jedenfalls viel unplausibler als der verkappte Rauswurf.  

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Eine unbekannte Mutter, die Liz Taylor ähnelt, ein zärtlich geliebter Vater, der sich für Musset hält, ein verheirateter Liebhaber, der mit einem Revolver spielt, ein anderer, der an Becketts Todestag auftaucht, Freundinnen in Deutschland, Korsika und England, deren Erinnerung manchmal fast verschwunden ist, und ein mal weibliches, mal männliches, verletzliches oder mörderisches Ich erscheinen abwechselnd, wie man Karten aufdeckt, in diesem neuen Spiel von Anne Serre, das unter dem Zeichen von Lewis Carroll steht. Ein Selbstporträt in dreiunddreißig Facetten.

Zur Autorin

Anne Serre, geboren 1960 in Bordeaux, hat seit ihrem Romandebüt 1992 sechzehn Romane und Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Für »Im Herzen eines goldenen Nachmittags«, ihre erste Veröffentlichung auf Deutsch, erhielt sie 2020 den Prix Goncourt de la nouvelle.