Persönliche Steinzeit
Nora: „Mein liebster Leser, wo bist du? Ich vermisse dein Interesse an meinem Hintern. Schläfst du? Wenn ja, hoffe ich, dass du von mir träumst.“
Albrecht: „Ich bin hier und lese gerade einen Satz aus einer Nachricht, die für Sten bestimmt war: ‚Ich möchte mich mit dir in den Chimären verlieren, die wir erschaffen haben.‘ Kannst du das nicht auch zu mir sagen?“
Stunden später ...
Nora: „Es tut mir so leid, dass ich dich so lange warten ließ, aber ich hatte gerade ein Gespräch mit einem weltweit tätigen Literaturagenten, der mich unbedingt vertreten möchte. Bis jetzt war ich ein literarisches Mauerblümchen und jetzt sagen Leute, die Bescheid wissen, dass ich nicht nur im echten Leben eine Fleischfresserin bin.“
Am nächsten Tag
Nora: „Deine Zusammenfassung gefällt mir. Ich füge meine eigenen Ideen hinzu. Deine und meine Ideen passen gut zusammen. Ich habe vorhin meinen Slip ausgezogen, für dich. Ich hoffe, du nimmst das nicht zu persönlich. Ich reite mich selbst, indem ich nur mit Oberschenkeldruck arbeite. Das konnte ich schon früh. In Gesellschaft kommen, ohne es mir anmerken zu lassen. Wusstest du das, du Lordsiegelbewahrer der Geheimnisse meiner Wollust?“
Albrecht: „Mal was anderes. Ist Sten nicht eifersüchtig, wenn du ohne Höschen an deinem Schreibtisch sitzt und es allen erzählst? Ich glaube nicht, dass du an mich denkst, wenn du dich mit deinen Kollegen amüsierst. Ich schätze, du denkst immer nur an Sten, der dich in drei Sekunden von null auf hundert bringen kann.“
Nora: „Sten kennt keine körperliche Eifersucht. Unter uns, er sieht es gern, wenn sich Männer den Arsch aufreißen, um an meinen Arsch zu kommen. Seine Position berührt das überhaupt nicht. Er weiß doch, dass ich keinen Augenblick weiterleben könnte, ohne seine Präsenz.“
Nora geht gern als gut angezogenes Aschenputtel unter die Leute. Sie genießt Situationen, die andere gähnend langweilig finden. Verführung ist eine Triebfeder ihrer Existenz. Sie hat stets ein erotisches Projekt, auch in den Phasen stabiler Beziehungen. Das Enigmatische hält sie in Gang. Sie reagiert auf Sprache und Stimme und auf das Timbre der Intelligenz. Sie kann sensationelle Dinge an öffentlichen Orten erleben, da sie eine Meisterin der Manifestation ist. Manchmal bewegt sie sich wie von Schleiern gestreift und so, als gäbe es auch sonst nur wehende und flüchtige Dinge auf der Welt.
Die Grandiosität droht wie eine Blase zu platzen. Nora muss an einen ihrer verheirateten Verehrer denken. Sie weiß, dass ihre Funktion in dieser Beziehung nicht darauf beschränkt ist, dem Mann als Trophäe der Selbstbestätigung zu dienen. Ben würde sie für ehrgeizigere Ziele benutzen, wenn sie ihn ließe. Er macht seine Angebote bei jeder Gelegenheit, und ab und zu erlaubt sich Nora ein kleines Erliegen, eine Miniatur des Gesamtbildes. Tief in seinem Herzen kommt Ben mit seiner eigenen, gut verborgenen und selten in Frage gestellten Unzulänglichkeit nicht klar. Seine Frau hat einen Sohn mit einem anderen Mann. Sie arbeitet in der Firma des Vaters des Kindes. Ben hätte sich gern in Academia versteckt. Die intellektuelle Welt als Refugium. Ben beweist Geschick in der Vermeidung. Er ist zu einer Leidenschaft für sich selbst geworden - in der Perfektion seiner Arrangements. Er geht spazieren, wenn andere mit geplatzten Rohren und anderen Alltagsproblemen kämpfen. Sein vermeidender Lebensstil führt zu geistigem Muskelschwund.
Ich (der allwissende Erzähler) will keine forcierte Schilderung, vielmehr sehne ich mich - genau wie hoffentlich auch ihr - nach lautloser Genauigkeit. Nora schlägt den Schaum namenloser Empfindungen. Sie spürt (noch) nicht, wie eng das Evolutionskorsett anliegt. Die Unbegrenztheit ihrer Perspektive entspricht ihrem Selbstbild wenigstens in manchen Stunden. Sie bewegt sich in einem Kraftstrom.
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Bei manchen Menschen schwindet die körperliche Lust, wenn sie zu körperlich angesteuert wird. Sie wächst mit dem Einsatz von Stimme, Bildung und Intelligenz. Deshalb wirken anders tickende Zeitgenossen wie Zerstörer auf Leute, deren Lustzentrum mit Worten stimuliert werden muss. Die Krux ist, irgendwann müssen auch die Hirnfreier - so werden sie von erfahrenen Sexarbeiterinnen genannt - zur Sache kommen. Sie müssen sich ausziehen und aufeinanderlegen und dieses Programm kann für solchen Leute der absolute Killer sein.
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Nora und Albrecht sitzen in einem Café, es ist furchtbar trist und laut, aber das spielt überhaupt keine Rolle. Die beiden brennen füreinander. Albrechts Lippen suchen Noras Mund. Nora dreht den Kopf zur Seite. Der Kuss scheitert in der Nähe eines sehnsüchtigen Mundwinkels. Albrechts Züge entgleisen in der Enttäuschung.
Nora holzt gern mal mental grobmotorisch. Sie ist nicht ätherisch, sondern ganz und gar von dieser Welt. Ihre Ästhetik verbirgt eine routinierte Abwehr von Störungen. Wer ihren Schick nicht versteht, ihren Pfiff nicht begreift, segregiert sich selbst. Nora ist nicht darauf angewiesen, verstanden zu werden. Unter dem Seminartitel „Die Kunst, einen Kugelfisch zu filetieren“ könnte sie unterrichten, wie man sich das Gute nimmt, ohne sich mit dem Schlechten zu belasten.
Der Kugelfisch ist eine giftige, japanische Delikatesse. Sein Verzehr kann für Menschen tödlich enden. In Deutschland dürfen Fugu-Fische nicht zubereitet werden. In Japan entspricht der Verzehr des Fugu Kugelfischs einem kulturellen Statement. Beherzigen Sie die Prinzipien, erleben sie mit der Zubereitung und dem Verzehr des Kugelfischs den Genuss von etwas potenziell Tödlichem.
Nora ergreift Besitz von Albrecht mit abwehrenden Bewegungen. Sie unterläuft das Offensichtliche. Sie braucht eine größere Konzentration, die stets dann erlischt, wenn die Prozesse des Vollzugs nach Schema F ablaufen. Noras dunkle Augen blicken direkt in Albrechts Feuer. Das Verlangen zerreißt sie und doch gebietet sie Albrecht Einhalt.
Albrecht ist drauf und dran die Fassung zu verlieren. Er will die Frau der Welt entziehen. Du gehörst mir, verlangt es ihn zu sagen. Nora rührt die Vehemenz. Der Ausbruchsbereitschaft fehlt die Umgebung. Ja, sagt sie, obwohl Albrecht gar nichts gesagt hat, ja, ich habe dich verstanden und ich sage ja in ewiger Vorläufigkeit.