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2020-02-14 09:51:17, Jamal Tuschick

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Jahrhundertroman „Der Leopard“ erzählt von einer alten Familie, die sich erneuern muss, um keinem Dutzendschicksal unterworfen zu werden.

Das italienische Brett

Eines Tages erscheint der teuflisch gutaussehende, superb smarte Tancredi Falconeri unangekündigt und von Starkregen bis ins Mark unterkühlt auf der Freitreppe des Stammhauses seines Onkels und Vormunds Salina in einem entlegenen Winkel Siziliens. Ich sehe förmlich, wie Tomasi di Lampedusa die Szene aufs Papier wirft, unter einem Kronleuchter, der bessere Tage gesehen hat. In drei Sätzen liefert er einen Roman im Roman. Mit der Raffinesse eines Marcel Proust erzeugt er lauter Spiegelungen.

Bloßgestellte Spielfigur

Zumindest offensichtlich macht niemand Don Fabrizio seine fürstliche Vormachtstellung streitig. Sein Urteil gibt in jeder Affäre den Ausschlag, während die Wertschätzung des lebenden Denkmals schwindet. Ahnen von weit geringerer geistiger und körperlicher Größe übertrumpften spielend den amtierenden Fürsten von Salina, da sie in einfacheren Zeiten zur Herrschaft berufen waren.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, Roman, Deutsch von Burkhart Kroeber, 398 Seiten, Piper, 24,-

Der Fürst ist eine bloßgestellte Figur auf dem italienischen Brett. Sein Chef war bis eben der König beider Sizilien Francesco II. Maria Leopoldo, kurz Franz, abschätzig Fränzchen. Garibaldi hat Franz abserviert. Das Reich, in dem der Fürst von Salina Kammerherr war, existiert nicht mehr.

Salina fehlt die Jugend, um sich neu freischalten zu lassen und irgendwo einzusteigen; sich einzukaufen mit dem Prestige seines Namens. Einige seiner Vorgänger konnten im fliegenden Loyalitätswechsel dem Haus von Salina einen Fortbestand im Hagel der Interferenzen sichern. Jene provinzabsolutistischen Besitzstandswahrer fielen keinem Chronisten je als Verräter oder auch nur als wankelmütige Charaktere auf. Sie hatten bloß das Richtige getan, wie unter ihnen das biegsame Gras in der Mehrzahl seiner Halme.

Die Rolle des Retters übernimmt im „Leoparden“ der Familienhusar Tancredi Falconeri. Seine Mannschaft ist seit tausend Jahren im Spiel. Sie dient der Macht, wer immer sie hat. Der alte Leopard wäre nur zu gern an Tancredis Stelle. Er hasst seinen Platz auf dem Brett als abgehalfterter Günstling eines kaltgestellten Königs.

Der Fürst kann nur noch beobachten, wie sich Niedrige aufführen.

Blau versus Rot

Sein Schöpfer treibt es auf die Spitze, indem er dem Aristokraten astronomische Neigungen andichtet. Salina guckt jedoch nicht besonders oft in die Röhre. Sein Blick bleibt fast konstant den irdischen Abteilungen der Welt zugewandt.

Zuerst fällt dem Gastgeber auf, dass der ungebührlich abgenutzte Heimkehrer nicht mehr die rote Tracht jener Garde trägt, die Garibaldi auf sich eingeschworen hat. Stattdessen lässt Tancredi einen von Nässe zentnerschweren Mantel der piemontesischen Kavallerie fallen. Das Stück ist blau. Es macht dem Fürsten in seiner Semi-Eremitage klar, woher der politische Wind weht.

Garibaldi war gestern. Der republikanische Revolutionär hat seine Schuldigkeit getan. Jetzt übernimmt der Spieler, der die Puppe Garibaldi tanzen ließ. Er tritt aus den Kulissen und präsentiert sich als künftiger König des vereinten Italiens.

Tomasi di Lampedusa beweist seine Unabhängigkeit als Autor, indem er bestimmte Dinge nicht erklärt. Das aber leistet Wikipedia: „Der heutige italienische Staat entstand während des Risorgimento im Jahr 1861 durch die Eingliederung der alten italienischen Staaten in das von den Savoyarden regierte Königreich von Sardinien-Piemont. Der letzte König Sardinien-Piemonts, Viktor Emanuel II., war unter diesem Namen, und unter Beibehaltung dieser Zählung, erster König von Italien. Die piemontesischen Institutionen wurden damals auf ganz Italien ausgedehnt und in „italienisch“ umbenannt, weswegen fast alle Institutionen des heutigen italienischen Staates älter sind als dieser selbst.“

Tancredi tritt als Bote der Zukunft sowie als Herold des neuen Königs auf. Er putzt die Freischärler herunter, mit denen er im Handstreich die alte Ordnung außer Kraft gesetzt hat. Vorderhand stellte sich Tancredi in der Gesellschaft der Partisanen gegen seine Klasse. In Wahrheit ging es ihm nur darum, den Privilegien dieser Klasse eine breite Gegenwart zu verschaffen.

Tancredi holte für sich und die Seinen die familienfeudalen Kartoffeln aus dem republikanischen Feuer.

Doch jetzt sind die Gefährten von eben „unanständige“ Zeitgenossen.

„Mamma mia, was für ein Pack.“

Die neue Ordnung steht in Italien wie überall in Europa unter den Vorzeichen der Restauration. Tancredi kann nun wieder seinen Stand herauskehren und so aufgedonnert wie ein Pfau seiner Verlobten Angelica die nötige Aufregung (dann doch nicht) verschaffen.

Tomasi di Lampedusa rühmt die Schönheit der Bürgermeisterstochter, deren Reichtum ihre Vorzüge unterstreicht. Sie kam so abgebrüht zur Welt wie Tancredi. Es begegnen sich Ebenbürtige in Salinas labyrinthischem Palasttheater. Das Paar hat viel Platz, um sich zu verbergen.

In den Räumen, über die der Fürst gebietet, fand schon alles statt von Sodom in den Farben des Rokokos bis zur katholischen Ekstase mit Selbstgeißelung. Die Liebenden entdecken vergoldete Folterinstrumente, aufwendig verziertes Werkzeug, bizarre Stuckaturen, obszöne, halb zerhackte Intaglios, freizügige Dekorationen, verkrustete Bodensätze in Apothekengläsern, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr gesehen hat. In dieser Menagerie dominiert die Heraldik. Wo sie stehen und gehen entdecken Angelica und Tancredi zeitgebundene Interpretationen des Wappentiers. Der Leopard hält sich überall auf. Er folgt den Heimlichen auf Schritt und Tritt. Er verweist auf eine magische Vermehrung. Tomasi di Lampedusa gibt dieser Vorstellung Raum und lässt sie so großzügig mit dem fortgesetzten Verlust fürstlicher Güter kollidieren.

Nun kehrt das Angestammte zurück. Angelica transferiert es als Mitgift. Der Autor schildert sie in grandioser Ungerechtigkeit als „schöne Kanaille“, deren „leerer Kopf“ nicht versteht, warum ihr Bräutigam es nicht zum Letzten kommen lässt.

Tancredi stürmt im Leerlauf. Was die guten Sitten verlangen, garantiert ihm ein andauerndes Vorspiel, während sich Angelica in der Peinlichkeit pubertärer Annäherungen widerständig einrichtet. Sie fragt sich: „Wozu das ganze (Schmierentheater)?“