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2023-09-29 11:02:50, Jamal

„Man kennt die Geschichte niemals, bevor sie nicht geschrieben worden ist. Bevor nicht die Umstände verschwunden sind, die bewirkt haben, dass der Autor sie geschrieben hat.“ Marguerite Duras

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„Und so wuchs Ivy wie ein eigenwilliger Ast. Versehen mit denselben Wurzeln wie ihre Familie, doch nach etwas greifend, was außerhalb ihrer Reichweite lag.“

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Susie Yang erzählt eine paradoxe Geschichte. Während in der Volksrepublik China der Wohlstand ausbricht, und Leute, die sich eben noch über ein Fahrrad zu freuen in der Lage waren, Kataloge nach Luxusartikel durchforsten, die sie für einen Augenblick nur an die Spitze des Konsumwettbewerbs setzen, konkurrieren chinesische US-Migrant:innen mit anderen Minderheiten um Nebenstellen und Randpositionen des Mainstream-Flows. Sie isolieren sich in ethnisch definierten Gemeinschaften. Für Susie Yangs Heldin Ivy geht es stets darum, dem Community-Knast und seinen Ideologien zu entkommen. Ivy fühlt sich ganz und gar als Amerikanerin.

Echte Momente

Mit einer sozial nicht-deklassierten weißen Amerikanerin „einen echten Moment“ zu erleben, ist für die siebenundzwanzigjährige Migrantin etwas Besonderes. Ivy leidet unter der klaustrophobischen Enge ihrer häuslichen Verhältnisse und unter den radikalen Urteilen ihrer nächsten Angehörigen. Bis zum verbitterten Starrsinn halten Mutter Nan, Großmutter Meifing und Vater Shen Li an importierten Maßstäben fest. Mit mitunter groteskem Hochmut kämpfen sie um gesellschaftliche Teilhabe unter den Vorzeichen freiwilliger Segregation.   

Susie Yang, „Die kleinen Lügen der Ivy Lin“, Roman, aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp, Penguin Verlag, 18,- 

Gleichzeitig reisen in China reich gewordene Parvenus „auf der Suche nach teuren Dingen …um die Welt“ (Desmond Shum). Susie Yang schildert den Gegensatz aus der Perspektive einer Eigensinnigen. Ihre Zwischenlage verhilft Ivy zu innovativer Autonomie. Sie verkörpert etwas, dass es vor ihr nicht gab. Deshalb fliegt sie unter jedem erkennungsdienstlichen Radar. Das konfuzianische Regelwerk, auf das sich die Kernfamilie bezieht, entstand in einer Welt ohne Ivys. Das gilt auch für die amerikanischen Lebensstile. Niemand kann Ivy identifizieren.

Zu den Leistungen des Romans gehört, dass Susie Yang das so erzählt, wie die überforderten Zeitgenoss:innen es erleben: als etwas Unfassbares.

Zur Chronologie der Ereignisse

Die ersten Lebensjahre verbringt Ivy in der Obhut ihrer Großmutter in Chongqing. Von der Ahne lernt Ivy im Einklang mit Widersprüchen zu existieren. Zu Meifings Daseinskonzept passen „Eigenständigkeit und Opportunismus“. Als Fünfjährige schließt Ivy zu dem US-amerikanischen Migrantenmilieu auf, in dem die Eltern ihren Aufstiegswillen unter Beweis stellen.

Shen Li qualifizierte sich als Stipendiat an der Bostoner Suffolk University. Zwei Jahre später verstärkt Meifing die Einheit. Die Großmutter äußert sich so über ihre einst wunderschöne und auf höchstem Niveau (vergeblich) umworbene Tochter:

„Nan sei zwar unbeugsam, doch wie ein morscher Baum, der bei der ersten starken Böe (umkippt).“ Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

Ivy Lin ist eine ausgesprochen talentierte Lügnerin. Doch das würde niemals jemand erahnen. Ihre Lügen erlauben es Ivy, ihre ungeliebte Vergangenheit für immer hinter sich zu lassen und in ein Leben zu schlüpfen, das reicher und auch viel schöner als ihr eigenes ist. Niemand verkörpert diese Zukunft, nach der sie sich so sehr verzehrt, besser als Gideon Speyer. Und so arbeitet Ivy mit jeder Lüge darauf hin, endlich Gideons Ehefrau zu werden. Bis plötzlich ein Mann aus ihrer Vergangenheit auftaucht und ihr gesamtes Leben infrage stellt. Im Alleingang könnte er Ivys Lügengerüst ins Schwanken bringen. Dennoch kann sich Ivy ihm nicht entziehen.

Zur Autorin

Susie Yang wurde in China geboren und kam als Kind in die Vereinigten Staaten. Nach ihrer Promotion im Bereich Pharmazie gründete sie in San Francisco ein erfolgreiches Tech-Startup. Sie hat kreatives Schreiben in Tin House und Sackett Street studiert. Ihr Debüt Die kleinen Lügen der Ivy Lin schaffte es auf Anhieb auf die New York Times-Bestsellerliste.