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2024-03-02 17:19:26, Jamal
Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt Berlin das Renommee eines literarischen Reiseziels.
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Berlin an der Spree © Jamal Tuschick

Verstolperte Anfänge

Von jeher arm war die Gegend. Ursprünglich diente sie Vogtländer Bauleuten als Quartier. Im Sommer zogen die von Friedrich II. nach Berlin geholten Arbeiter Überwältigungsarchitektur an der nördlichen Stadtgrenze hoch. Im Winter brachten sie sich an Spinnrädern über die Runden. Das Neu-Vogtland an der Linienstraße war verrufen; eine Brutstätte „der Armut und des Elends“, wie Ulrich Gutmair in seinem Berlinbuch „Die ersten Tage von Berlin“ schreibt.

Aus der Vorstadt am Rosenthaler Tor kam nichts Gutes nach bürgerlichen Maßstäben. Ringvereine entstanden außerhalb der Ringmauer. Bald nach 1989 wurde das angestammte „Hauptquartier des Pöbels“ schick in einer überraschenden Volte nach der Wende. Die Gentrifizierung schob das Rotlichtmilieu vor sich her. Die Flurbereinigung erfolgte nach Schema F.

Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt Berlin das Renommee eines literarischen Reiseziels. Von da an prägt sich das Berliner Weichbild als Brandenburger Wahrzeichen dem Selbstverständnis ein, mit dem über deutsche Fürstentümer gesprochen wird. Der Soziologe Hagen Pechstein bemerkt in seinen Aufzeichnungen Genese einer Kapitale verstolperte Anfänge und eine verschleppte Adoleszenz. Die Doppelstadt blieb Jahrhunderte ihren Jugendstilen verhaftet. So lange war sie weit davon entfernt, neben Paris und London Geltung zu beanspruchen. Ihre Mutterstadt war Brandenburg (Stadt), ihre Schwesterstadt war Frankfurt/Oder. Geht man von der Referenzdynamik aus, erkennt man leicht, wie wenig prädestiniert Berlin für eine große Rolle war.

Die Mark existierte lange ohne Zentrum. In den Augen der Brandenburger Kurfürsten hatte Berlin keinen Vorrang. Die Stadt entwickelte sich in der Abwehr fürstlicher und geistlicher Ansprüche. Sie erwarb die Gewalt, durchfahrenden Kaufleuten eine Gebühr aufzudrücken. Sie stützte das Innungswesen. Schuster und Bäcker genossen das höchste Ansehen. Ein gemeinsamer Rat beider Städte legte dem urbanen Kern einen Speckgürtel an. Man kaufte Rixdorf und Marienfelde.