"Sugar Ray Robinson was a master under pressure." Alexis Argüello
Opportunistisches Fluchttier
Der moderne Mensch hält sich für einen Prädator. In Führungsmodellen, Männlichkeitsbildern und Erfolgsnarrativen erscheint er als dominantes Alpha-Wesen, das sich durchsetzt, Risiken sucht und an der Spitze natürlicher Hierarchien steht. Dieses Bild wirkt archaisch und biologisch legitimiert – ist aber bei genauer Betrachtung ein Missverständnis. Es ist nicht nur kulturell überzeichnet, sondern neurobiologisch falsch.
Evolutionär ist der Mensch kein Spitzenprädator. Er ist ein omnivorisches, opportunistisches Fluchttier, dessen Überleben nicht auf Angriff, sondern auf Antizipation, Kooperation und Vermeidung beruhte. Unsere größte Stärke lag nie in physischer Überlegenheit, sondern in der Fähigkeit, Gefahren früh zu erkennen, Energie zu sparen, Szenarien zu simulieren und uns sozial zu organisieren. Was wir „Jagen" nennen, ist meist kein direkter Angriff, sondern ein Produkt aus Ausdauer, Planung und Gruppensynchronisation. Unser Nervensystem ist nicht auf Dominanz, sondern auf Schadensprävention optimiert - auf die Vermeidung von Schmerz, Ausschluss und Kontrollverlust.
Full Attention on the Point of Contact
Im Zauberland der Absichtslosigkeit ist alles einfach. Man atmet ein, man atmet aus. Der Gegner kommt wie gerufen. The first contact is my chisao, sagt die Meisterin. Transform the force of your opponent. Let him feel what it means to have full attention on the point of contact.
Es gibt keine Geheimnisse. Jeder ernsthaft Praktizierende beginnt als Gläubige und geht durch die Schluchten der Ernüchterung, bis er wieder ergriffen wird. Er übt unter allen Umständen. Die körperliche Praxis ist ihm unentbehrlich. Das Training steht an erster Stelle. Du kann es mit einem Gottesdienst vergleichen. Der Training versetzt den Praktizierenden in einen Zustand der Übergangslosigkeit. Aus dem Schlaf, der Kontemplation oder der Hocke geht er zum Angriff über. Forward locomotion engages the neural logic of attack. Die Vorwärtsbewegung entspricht der Angriffsbewegung.
Menschliche Bewegungen sind Produkte der biologischen Evolution und kultureller Prägung. Untersuchungen archaischer Bewegungsmuster, historischer Kampfkünste und moderner Bewegungspraktiken zeigen, dass Energietransfermuster wie Spinal Wave und Spiral Force universelle Konstanten darstellen. Das sind Methoden des Körpers. Sie verbinden physiologische, biomechanische und energetische Aspekte und erklären uns indirekt, warum bestimmte Bewegungsformen natürlicher und ökonomischer sind als andere.
1. Spinal Wave als phylogenetisches Prinzip
Spinal Wave bezeichnet die wellenförmige Bewegung entlang der Wirbelsäule. Sie ist direkt ableitbar vom Flossenschlag, der sich vor etwa 400 Millionen Jahren entwickelte. Die Welle ermöglicht eine effiziente Kraftübertragung und bildet die Grundlage für Bewegungen im Spektrum von Laufen, Klettern, Springen, Ringen und Tanzen.
2. Spiral Force - Rotation als integraler Bestandteil der Bewegung
Spiral Force bezeichnet die spiralige Kraftübertragung in Gelenken und Faszien, die die lineare Wirbelsäulenwelle ergänzt. In der Kombination von Welle und Spirale entsteht eine kinetische Kette, die den gesamten Körper als organisches Kraftsystem nutzt. Diese Integration erlaubt effiziente, verletzungsarme und energetisch ökonomische Bewegungen, sowohl im Vierfüßlergang als auch im aufrechten Gang.
3. Tierprinzipien als Bewegungslehrer
Antike chinesische Kampfkünstler nutzten Tiere als archetypische Lehrer. Die Tiere verkörpern ewig gültige energetische, biomechanische und psychologische Prinzipien:
Tiger – Kraft und Durchsetzungsvermögen.
Kranich – Balance, Präzision und Leichtigkeit.
Schlange – Flexibilität, Spiralkraft, zielgerichtete Energie.
Affe – Spontaneität und Anpassungsfähigkeit.
Die Nachahmung der Tiere dient nicht nur der äußeren Technik, sondern dem Erspüren und Integrieren der Spinal Wave und Spiral Force im eigenen Körper.
4. Ringen vs. Boxen - Evolutionäre und kulturelle Perspektiven
Archaische Gesellschaften praktizierten überwiegend Ringen. Boxen taucht erst in Hochkulturen auf. Die Gründe sind biomechanisch und energetisch. Der aufrechte Gang beansprucht bereits das gesamte muskuläre System. Ein explosiver Faustschlag erfordert eine künstliche Höchstleistung. Ringen hingegen ermöglicht eine Rückkehr zur Vierfüßigkeit, reduziert Belastung und harmonisiert Spinal Wave und Spiral Force.
5. Integration in moderne Bewegungspraxis
Traditionelle Bewegungskünste wie Capoeira verbinden archaische Prinzipien mit Kulturtechniken.
Spinal Wave an der Eder
Ein Graureiher schwieg reglos im Fluss. Ein Eisvogel schoss über den Spiegel, ein blitzender Splitter aus Azur und Kupfer. Das kaum kniehohe Wasser schimmerte effektvoll, es spiegelte flirrende Hitze. Kleine Wirbel, flüchtige Signaturen der Strömung, bildeten sich hinter polierten Kieseln, die in einem von Schieferplatten unterbrochenen Buntsandsteinbett lagen. Der Bundsandstein markierte eine Zeit vor mehr als 240 Millionen Jahren, als das Edertal ein Wüstenbecken der Trias war. Die Schieferformationen bezeugten das Devon und waren fast doppelt so alt. Sie erzählten von einer ozeanischen Totalität voller Korallenriffe, Ammoniten und Panzerfischen.
Wüste, Meer und eine Zwischenzeit von 160 Millionen Jahre. Das Tal verdankte sich keiner Gletscherformung, sondern einem älteren Erosionsgeschehen. Ariane von Schauenburg hatte sich am Vortag mit der Vermutung vorgewagt, das Edertal sei in der letzten Eiszeit (Würm-Kaltzeit, vor ca. 115.000 - 11.700 Jahren) entstanden. Sie war ein Geschöpf der Gegend, umso peinlicher fand sie die Belehrung des Turko-Texaners Aslan Coogan aka Hei Long, seines Zeichens Dozent an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Während der letzten Eiszeit lag Nordhessen am Rand des Eisschilds. Damals herrschten Periglazial-Bedingungen - Frostwechsel, Schuttflure, Schmelzwasser, Lössablagerungen.
Für Ariane war Aslan ein Wissender und ein Erwachter. Sie behalf sich mit einem Jargon aus dem Esoterik-Discounter und einer eher fadenscheinigen Argumentation, auch um die Absichten ihres Mentors vor sich selbst zu verschleiern. Es ging nicht darum, dass Aslans Interesse an Ariane so wenig vornehm war wie das Interesse anderer Männer.
Die Monotonie der Verehrungsgesänge. Das war alles furchtbar langweilig. Aslans Spielräume erlaubten es Ariane, in ihm einen besonderen Mann zu sehen. Er schenkte ihr einen neuen Blick auf die Welt. Die Kiesel unter ihren Sohlen waren Archive des Klimas, geschliffen von Zeit. In Aslans Gegenwart realisierte Ariane erdgeschichtliche Ausblicke, die ihr bis beinah heute an Ort und Stelle stets entgangen waren. Dabei war das gar nicht Aslans Thema. Der Meister sprach von der „Spinal Wave”.
„Schau, Ariane, alles beginnt mit der Spinal Wave. Das ist die älteste Bewegung der Menschheit. Vor 400 Millionen Jahren hat der Flossenschlag der Fische diese Welle in die Wirbelsäule eingeschrieben. Wir tragen sie noch immer in uns. Ohne sie könnten wir nicht einmal atmen.”
Ariane entgegnete:
„Du meinst, diese Welle ist nicht bloß Bewegung, sondern das Grundmuster unseres Daseins?”
Aslan:
„Genau.”
Ariane spürte ihre umwerfende Wirkung im Spiegel der Aufmerksamkeit, die Aslan ihr schenkte. Seine Präsenz, die Kraft, das Wissen, das alles rückte sie ins rechte Licht. Ariane war nicht nur akademisch ehrgeizig. Sie würde ihr Potential nicht an einen Mann verschwenden, der ihre Exzellenz nicht wahrnahm. Der Stammbaum ihrer Familie reichte bis in die Anfänge der Althessischen Ritterschaft. Sie war mit dem Haus Hessen verwandt. In den Glanzzeiten des europäischen Adels waren ihre Vorgänger bei jedem königlichen Großereignisse geladen. Ihr Klan gehörte zu den Herrenständen des Großherzogtums Hessen.
„Ariane,“ begann Aslan, „Spiral Force synchronisiert Spinal Wave mit Rumpf, Brustkorb und Becken. Wenige Menschen nutzen diese Kombination bewusst. Viele bewegen sich ineffizient, verschwenden Kraft. Wer die Synchronisation beherrscht, kann sie gezielt einsetzen - von der Lunge bis zu den Fußballen in einer kinetischen Kette.“
Aslan demonstrierte die Wirbelsäulenwelle. Für einen Moment glich er einem Delfin. Die Luft spielte mit ihm, sie schien ihm die Vergünstigungen des Wassers zu gönnen. Ariane stockte der Atem. Beinah gegen ihren Willen fühlte sie sich überwältigt. Sie sortierte für sich einen Mix aus Bewunderung, Erstaunen und einem erotischen Wetterleuchten.
Aslans Arme entsprachen dem Rotationsfluss, Ariane ahmte nach. Sie spürte, wie die Welle sich von ihrem Rücken über die Rippen, den Brustkorb und die Hüften bis in die Füße ausbreitete - ein Gefühl von Schwerelosigkeit und Verbindung.
„Im Vierfüßlerstand“, fuhr Aslan fort, „bilden Spinal Wave und Spiral Force ein Aggregat. Da funktioniert alles automatisch. Je mehr wir uns der horizontalen Verschaltung annähern, desto effizienter werden unsere Bewegungen.“
Ariane sah ihm in die Augen.
„Und wir können das gemeinsam üben?“
„Schritt für Schritt,“ entgegnete Aslan zu prompt.
Ariane spürte einen Anflug von Enttäuschung. Aslan sollte ihr Entgegenkommen mit Achtungsbezeugungen quittieren. Die Welle floss durch ihren Körper, die Kraft gehörte ihr allein. Aslan durfte sie führen, inspirieren, herausfordern - aber niemals kontrollieren. Er konnte ihr zeigen, wie man Spinal Wave und Spiral Force synchronisiert, aber die Resonanz, das lebendige Feuer dieser Lektion, gehörte ihr allein.