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2023-01-24 09:01:52, Jamal

„Schwerkraft (ist) bloß das Heimweh der Dinge, die zurück zu ihrem Ursprung wollen.“ Franzobel

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“Everything in the world began with a yes. One molecule said yes to another molecule and life was born.” Clarice Lispector

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„Er sprach langsam und bequem, so wie man sich wohl einen bejahrten Monarchen denkt, wenn er redet.“ Eckermann über Goethe 1823

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„Wir sind Überlebensmaschinen - Roboter, blind, programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden.“ Richard Dawkins

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„Weder der Erfolg noch die Leistung sind meine Rechtfertigung. Auch nicht die Anstrengung. Es ist die Begeisterung!“ Reinhold Messner, Quelle

Das Heimweh der Dinge

Er sieht aus wie „ein verweichlichter Clint Eastwood“. Thomas Stoltz Harvey fürchtet, „frühzeitig kahl“ zu werden. Seit 1950 Mein Freund Harvey in die Kinos kam, hat der Pathologe den Spitznamen „weißer Hase“ weg.

In Mein Freund Harvey spielt James Stewart den Millionär Elwood P. Dowd. Der Exzentriker zieht mit einem unsichtbaren weißen Hasen um die Häuser.

Harvey hält an der unprätentiös (und so dezent-weltlich wie die Versammlungen der Anonymen Alkoholiker:innen) zelebrierten Religion seines Quäker-Vaters fest. Sie bietet Harveys Lebensangst solide Bemäntelungen.

Schauplatz seiner Existenz ist Princeton, New Jersey. Im Augenblick der Handlungsgegenwart gibt es in dieser Ostküstenoase der Gelehrsamkeit „zwei Verkehrsampeln, vierhundertsiebzig Telefonanschlüsse, zwölf Kirchen, zwei Supermärke und ein Spital“.

Franzobel, „Einsteins Hirn“, Roman, Zsolnay Verlag, 28,-

Mit seiner Gattin Elouise und drei Söhnen, die so „lebhaft wie Eichhörnchen auf Speed“ sind, bildet der weiße Hase eine Vorzeigefamilie. Ausgerechnet an seinem, im Vorjahr mit fürchterlichen Folgen vergessenen Hochzeitstag, fällt ihm die Aufgabe zu, den an einem 18. April im Princeton Hospital verstorbenen Nobelpreisträger und Begründer der Relativitätstheorie Albert Einstein (1879 - 1955) „aufzubrechen“.

„Weiß wie Mozzarella“ ist der „kaum behaarte“ Leichnam des Genies.

Die historisch verbürgte Autopsie fand ohne die Einwilligung der Angehörigen statt. Harvey entnahm Einsteins Gehirn. Es wog gewöhnliche 1.230 Gramm. Der Arzt präparierte das Organ, zerlegte es und platzierte es auf Objektträgern. Quelle

Franzobel umkreist die Folgen eines Zufalls. Zufällig gerät ein durchschnittlicher Zeitgenosse an eine Genie-Trophäe. Harveys Eigenmächtigkeit beschränkt sich nicht allein auf die Leichenöffnung. Die Hirnentnahme erfüllt einen eigenen Tatbestand. Harvey deponiert den in Formaldehyd badenden „Eiweißklumpen“ in seinem Keller. Einsteins Gehirn präsentiert er Leuten, die am kleinen Einmaleins scheitern. Harvey führt das Hirnaquarium seinen Quäkerfreundinnen und -freunden vor. Dem Autor gefällt es, das Panoptikum zu spezifizieren. Die Sensation zu sehen, kriegen ein „pensionierter Hausbesorger, zwei Witwen, eine Sekretärin (und) ein Altwarenhändler“. Nichts könnte Einsteins Sphäre in Princeton ferner liegen als die Quäkerklitsche. Und doch befindet sich der Versammlungsort keinen Katzensprung entfernt vom Institut for Advanced Study, „wo Einstein und (Kurt) Gödel immer spazieren waren“.

Extrem formlos

Franzobel zitiert hier den Titel „Als Einstein und Gödel spazieren gingen: Ausflüge an den Rand des Denkens“. Das Vergnügen an kapriolenden Gegensätzen teilt sich mit. Der Autor erzählt „die Geschichte einer Obsession“. Harveys Überschreitungen, seine Anmaßung, gewinnt Dimensionen eines Sakrilegs. Seine Mittelmäßigkeit würde die Totenruhe eines Einzigartigen beleidigen, wäre Einstein nicht - extrem formlos - verbrannt worden.

Harvey läuft Gefahr, bei jedem sozialen Schritt auszurutschen. Eine bildschöne Laborantin tritt als Gefährderin seiner Ehe auf.

Macht sie Harvey ein Angebot, dass er nicht ausschlagen kann?

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Hat sie einen Narren an dem Tölpel gefressen? Und wenn ja, warum? Dazu bald mehr. 

Aus der Ankündigung

Wie im „Floß der Medusa“ erzählt Franzobel eine neue erfundene wahre Geschichte: Der Pathologe Thomas Harvey stiehlt Einsteins Hirn und behält es sein Leben lang.

Am 18. April 1955 kurz nach Mitternacht stirbt Albert Einstein im Princeton Hospital, New Jersey. Seinem Wunsch entsprechend wird der Körper verbrannt und die Asche an einem unbekannten Ort verstreut. Vorher jedoch hat der Pathologe Thomas Harvey Einsteins Hirn entfernt, danach tingelt er damit 42 Jahre durch die amerikanische Provinz. Mit ihm erlebt Harvey die Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten und die erste Landung auf dem Mond, Woodstock und Watergate und das Ende des Vietnamkriegs; und irgendwann beginnt das Hirn, mit Harvey zu sprechen.
Franzobels neuer Roman ist ein hinreißender Trip durch wilde Zeiten und zugleich die Lebensgeschichte eines einfachen, aber nicht gewöhnlichen Mannes, den Einsteins Hirn aus der Bahn wirft. 

Zum Autor

Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt der Krimi Rechtswalzer (2019) sowie die in zahlreiche Sprachen übersetzten historischen Romane Das Floß der Medusa (2017) und Die Eroberung Amerikas (2021).