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2026-01-12 11:28:03, Jamal

Kreml der Gelehrsamkeit/Reizende Blöße

Flüchtigkeiten aus Wahrnehmungs- und Erinnerungsessenzen. Tagträume. Gedankentreibgut … die Geschichte spielt in der fiktiven nordhessischen Universitäts- und ehemaligen Residenzstadt Ederthal. Die Hochschule wurde im Mittelalter unter protestantischen Vorzeichen gegründet. Sie ging aus einem Ritterkolleg hervor und heißt nach ihrem Gründer Landgraf Philipp Universität. Ihrer ersten Gestalt nach war sie eine Burg. Heute (in den 2020er Jahren) entspricht der Campus einem Epochenmix. Einzelne Gebäude sind eingerüstet. Einige sind wegen Baufälligkeit vom Publikumsverkehr ausgeschlossen. Es gibt einen toten Trakt, in dem auch schon erotische Scharaden aufgeführt wurden. Zu den klandestinen Bezirken innerhalb dieses Kremls der Gelehrsamkeit zählt die seit bald zweihundert Jahren nicht mehr genutzte Fürstenwohnung. Nach dem Ende der Ederthaler Residenzherrlichkeit diente sie hessischen Landgrafen und Kurfürsten als Unterkunft bei Stippvisiten. Sie hat einen weitgehend unzugänglichen, geradezu verwunschenen Garten. Nana von Eisenreich liebt den Blick auf das mit seltenen Gewächsen besonders gehaltene Kleinod. Der Garten zählt nach ihren Begriffen zu den Privilegien, die sich mit der fast schon intimen Nähe zum Dekan des Germanistischen Seminars verbinden. Professor Goya bekleidet sein hohes Amt in dem beinah noch jugendlichen Alter von zweiundvierzig Jahren.  

Goya ist der Sprachmeister. Das ist ein historischer Titel.

Doch geht es im Augenblick nicht um Goya. Zum ersten Mal ist Nana bereit, ihr süchtiges Interesse an Chet zuzugeben. Die Verlässlichkeit ihres Begehrens lässt sie moussieren. So ausdauernd scharf war sie noch nie auf einen Mann. Mit der Ernsthaftigkeit einer Novizin wendet sich Nana Chet zu. Der Dozent zitiert Didier Eribon: Emanzipation braucht Urbanität und Freizügigkeit. Er erinnert an Transvestitenbälle in New York als Magneten für heterosexuellen Voyeurismus. Subkulturen sind Erben uralter Lebensweisen. Eine Reflexion der Belle Époque und der Années folles beleuchtete die Ikonographie und Barmetaphorik der Pariser Treffpunkte, als James Baldwin in der Stadt war. In Gedanken führt Nana Chets Finger. In Wirklichkeit braucht sie das nicht. Die Worte bilden einen Körper mit den richtigen Eigenschaften.

Nana verbirgt ihre Entschlossenheit. Sie offenbart sich nicht in den Kleinigkeiten des Alltags. Was sie nicht will, ist ein schlecht nachgeahmter venezianischer Karneval mit Masken und Fackeln und abgenutztem Fetischkram. Sie will keine angestrengte Klugscheißerei. Vorhin hat sie Chet in einer Vorlesung sagen hören: Concierge leitet sich ab von Comte des cierges – Graf der Kerzen. Das reichte für einen Moment zwischen Vorglühen und Nachbeben. Es gibt so viele leere Räume in dem alten Unikasten und sogar einen toten Trakt voller mumifizierter Mäuse. Nana weiß, dass Chet seinen Studierenden Pierre Bourdieus „Anamnese der verborgenen Konstanten“ empfiehlt. Er ist also ein Komplize. Nana sehnt sich nicht nach einem Komplizen. Sie will auf die richtige Weise falsch verstanden werden. Chet hört auf, sich vorzutasten. Jetzt sitzt er im Sattel. Noras Gesicht täuscht einen aufmerksamen Ernst vor. Noch immer liegen zwei Lagen Stoff zwischen Chets suchenden Händen und Noras reizender Blöße. In der chinesischen Kampfkunst unterscheidet man zwischen Wu Sao und Man Sao. Wu Sao bezeichnet die sichernde Hand, Man Sao die neugierige Hand. Chet hat keine sichernde Hand mehr.

Das Timbre der Intelligenz

Bei manchen Menschen schwindet die körperliche Lust, wenn sie zu körperlich angesprochen wird. Sie wächst mit dem Einsatz von Stimme, Bildung und Intelligenz. Anders Inklinierte wirken sich mitunter zerstörerisch auf Leute aus, deren Lustzentrum mit Worten aktiviert wird. Wir reden hier nicht über Trash Talk. Die Krux dabei ist, dass irgendwann auch die Hirnf***innen (wie erfahrene Sexarbeiterinnen sie nennen) zur Sache kommen müssen. Sie müssen sich ausziehen und sich aufeinanderlegen und dieses Programm kann ein absoluter Killer sein.

Lüsternes Halbwissen

Eine Beobachtung, wie mit einem Skalpell aus dem Leben geschnitten - eine göttliche Offenbarung riss Nanas Freundin Lale einst aus dem Rinnstein und expedierte sie in die Küche des sagenhaften Vincent. Der Dinosaurier seines Fachs gehört einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Labor-Gastronomie den Weg wiesen. In der Handlungsgegenwart lässt sich der Veteran sogar in G. nur noch historisch erklären. Vincent profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu verehren. Ihr kulinarisches Halbwissen interpretiert die Restaurantküche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Vincent spielt in diesem Szenario den König der Tiere. In Wahrheit schmeißt Lale den Laden. So was sieht man nicht von außen. Das wäre geschäftsschädigend. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und Vincents Preise akzeptabel zu finden. Der Gast zahlt für eine gelungene Täuschung. Vincent, längst vollkommen verschlissen, raucht über seinem Creuset-Equipment, der Schweiß überrennt das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionieren mit den Dingen in den Töpfen.

Es ist eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformiert. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Vincent manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt werden.

Mise en place let's roll.

*

Der Asket bringt die Bereitschaft mit, sich gegen seine Natur zu wenden. Wird diese Tendenz dynamisiert von Optimierungserwartungen, heißt Erziehung der Schlüssel zum Erfolg. Im 5. Jahrhundert breitet sich „eine geregelte, reflektierte und kontrollierte Praxis der Askese“ aus. Einen architektonischen Rahmen liefern Klöster. Die Wissensgesellschaft formiert sich. Das erste Informationszeitalter bricht an. Ihrem Wesen nach ist die mit sich selbst befasste Kirche eine Akademie und so auch ein Weltraumzentrum, in dem Himmelfahrten organisiert werden. Was ist erforderlich, dass du mitfliegen darfst?

Drei Begriffe greifen ineinander: Keuschheit – Reinheit des Herzens – geistiger Kampf. Die Keuschheit des Körpers koinzidiert mit der Keuschheit des Geistes. Die Gedanken sind nicht frei. Phantasie ist gefährlich. Die Erziehung bricht auf in der Zucht. Das Gegenstück: Unzucht; ein Wort, das sich lange hält und bis heute nach Urinstein, Waisenhaus und Jugendstrafvollzug stinkt.

Unzucht. Das Wort atmet in Nana. Sie will Unzucht treiben, wie soll das überhaupt gehen in einer säkularen Gesellschaft.

„Lass‘ uns heute Abend noch unzüchtig werden“, bittet sie Chet via WhatsApp, während sie die Lebensgefährtin eines anderen Liebhabers breit anlächelt. Die Frauen sitzen im legendären ‚Da Vincent‘ an verschiedenen Tischen und doch nah genug, um ihre Parfüms riechen zu können. Eine mörderische Spannung liegt in der Luft. Nana und Madeleine kennen sich aus einer öffentlich-intimen Konstellation. Madeleines Mann Roger hatte das Vergnügen Nana vor den Augen eines begeisterten Auditoriums in einem Frankfurter Club zu penetrieren, während Nana außerdem das Vergnügen hatte, von Madeleine geleckt zu werden. Der am Hintern der Graduierten klebende Grandseigneur gab vermutlich ein Bild für die Götter ab.   

Um Chet in Schwung zu bringen, formuliert sie: „Ich möchte auf etwas bewegt werden, dass ich für einen Altar halten darf.“ Sie wünscht sich Führung, um wiederum die Führung vorzuführen, sofern ihr das möglich ist.

Ich möchte bewegt werden. Die vier kleinen Worte reichen für ein bilaterales Aufrauschen. Sie kommen Chets Wunsch entgegen, Nana in den Griff zu kriegen und ihren Scharaden ein handfestes Ende zu bereiten. Nana erregt Chets Verzweiflung, die sie heraufbeschworen hat. Er kann sich nicht sicher fühlen. Er darf sich nicht sicher fühlen. Sonst könnte er nachlassen. Er könnte seine Anstrengungen verringern; anstatt sie zu verdoppeln. Kurz gesagt, Simone fordert Chet wie eine Trainerin, um ihn an seiner Leistungsgrenze zu halten. Trotzdem baut er ab. Etwas klemmt in dem aufgeladenen Verhältnis. Noch ahnt Nana nicht, was es ist. Allerdings spürt sie eine gewisse Einseitigkeit, wie einen Gleichgewichtsverlust.

Zur gleichen Zeit doziert Grandmaster Goya über Michel Foucault. Die Antwort auf alle Unwägbarkeiten lautet Erziehung. Das stellt Foucault beinah am Ende seiner Reise zu den Quellen des Nils der „Sexualität und Wahrheit“ im vierten Band fest. Er beschreibt das Projekt des Christentums als eine post-antike Verbesserung des Menschen in Glauben und Verzicht. Foucault zeigt, dass die Ökonomisierung der Sexualität, die sich bis in den Regelvollzug fortsetzt, nicht erst vom Christentum ausgelöst wurde, sondern vorher da war. Die apostolischen Einlassungen basieren auf Milieuübereinkünften in einer nicht christlichen Welt. Am Anfang vom Ende einer langen Strecke des Begreifens zeigt Foucault, dass die Kirchenväter zu Anfang der christlichen Zeitrechnung stoische Leitsätze kopierten. Er durchforstet die Reglements von Taufe, Sünde und Buße in der Gemeinschaft der Gläubigen.

„Die Vielseitigkeit und Unbeständigkeit“ des Menschen verlangen Regulation. Über die Vereinfachung gelangt man zur Askese.

Zitiert aus Michel Foucault, „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit", Band 4., herausgegeben von Frédéric Gros