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2023-07-07 07:00:35, Jamal

Galionsfigur der Salonextremistinnen

Ulrike Meinhof erlaubt es der Gruppe, die Zukunft ihrer Kinder „zu planen“. Die beiden 1970 siebenjährigen Zwillinge Bettina und Regine sollen in einem palästinensischen Kinderguerilla-Ausbildungslager untergebracht werden. Klaus Rainer Röhl, Vater der dem Wahnsinn Anheimgefallenen, schaltet Interpol ein. Die Ermittler:innen ermitteln vergeblich. Die kaum geschulten Politkrieger:innen halten Bettina und Regine vorläufig auf Sizilien versteckt.

Zitate aus: Stefan Aust, „Zeitreise - die Autobiografie“, Piper, 26,-  

Jetzt kommt Aust ins Spiel. Er kriegt den Aufenthaltsort der Kinder spitz, fliegt nach Palermo und gibt sich als Akteur der Gruppe aus. Die Unterstützer:innen lassen sich eine Bärin aufbinden, so dass sich Aust mit den Mädchen aus dem Staub machen kann. Der Befreier führt die Kinder (noch in Italien) ihrem Vater zu, dem sie einigermaßen entfremdet sind. Die Mutter hat ihnen den Vater als Faschisten klargemacht.

Meinhof steuert in den bewaffneten Kampf. Sie rivalisiert mit Gudrun Ensslin. Bald droht die Galionsfigur der Salonextremist:innen an ihren Ansprüchen zu scheitern.  

Ich überspringe den Deutschen Herbst. Aust erzählt eine kuriose Geschichte aus der Spätphase der RAF. Von Aden kommend, schwebt ein Kader bewaffnet in Ostberlin ein, und legt erst einmal die Waffen auf den Tisch der konspirativen Unterkunft. Repräsentant:innen der Staatsorgane bemühen sich bei den Terrorist:innen um Verständnis für die Parteilinie. Das Politbüro möchte, dass die Schmidt/Genscher-Regierung im Amt bleibt. Die RAF-Mitglieder unterwerfen sich der DDR-Doktrin. Sie wissen nicht, dass keine vier Kilometer entfernt, RAF-Aussteiger:innen zu DDR-Bürger:innen umgeschult werden. 

Sehen Sie auch hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier.

Um 1980 © Jamal Tuschick

Lose Liaison - Was zuvor geschah

Hartmann Klingenberg, Erbe und Geschäftsführer der Schuhbodenkomponentenfabrik Klingenberg & Söhne, sondiert seine Chancen bei Hanna Overath, die mit ihrer Familie ausgerechnet in Hartmanns Heimatkaff Mainweiler gezogen ist. Die aus dem hessischen Lauterbach gebürtige Kunstpädagogin machte die üblichen Familienfehler im Verlauf ihrer Berlindekade.

Idyllisch herb und laubbläserisch aufdringlich liegen die Verhältnisse, in die Hanna, Katinka, Clemens und Leo mit entzündeten Existenzzahnhälsen aufgeschlagen sind, als wäre in Berlin kein Platz mehr. Die Familie hat nichts mitgebracht, was in Mainweiler zählt. Die Neuen fühlen sich trotzdem großstädtisch überlegen, während die Rohrzange Anpassung sie kleinstädtisch kneift. Hanna jobbt für ein besseres Taschengeld in einer Schulkantine, während Hartmann als größter Arbeitgeber vor Ort die Bürgermeisterin jederzeit zur Bittstellerin machen kann.

Hanna und Hartmann verbindet eine lose Liaison; bei Bedarf zu einer verflossenen Liebe hochjazzbar. Das Kolorit lieferten Pampadiskos im unterfränkisch-osthessisch-südthüringischen Grenzland in der Smooth-Operator-Ära. Hanna und Hartmann erinnern sich gemeinsam an adoleszente Tanzereien nach dem Modern-Heuschober-Komment der Landjugend. Sie sind noch jung genug, um die unterbrochene erotische Spannung jederzeit wieder aufzubauen. Es knistert, wenn sie sich sehen, so wie gerade in einer Gartenszene.  

So geht es weiter

Ich strampele mich aus der Liegestuhlstoffbahn und versorge den soeben eingetroffenen Familienbuhmann mit Kaffee und Streuselkuchen, als sei ich Gastgeber. Es gibt eine Ebene der Betrachtung, auf der sehe ich mich tatsächlich als Gastgeber dieser unglücklichen Familie. Das trockene Gebäck käme bei mir zuhause in die Tierfutterdose.

Clemens beziffert die Auslandsschulden von Ulan Bator auf sechs Milliarden Dollar. Leute, die kein Geld haben, neigen dazu, hohe Beträge anzuführen. Clemens macht eine gute Figur im Anzug. Man sieht ihm die Niete nicht an.

Mainweiler ist für ihn noch nicht mal mehr eine herbe Idylle, seit er einen Knaben zu rügen wagte, der ihm vor die Füße gerotzt hat. Er wurde beinah umgebracht, wenigstens in seiner Darstellung. Clemens schaltete die Polizei ein. Die Beamten weigerten sich, eine Straftat zu erkennen. Das Selberschuld stand ihnen auf der Stirn geschrieben. Die Quittung für die Denunziation folgte auf dem Fuß. Man zerlegte Clemens‘ Fahrrad. Das war lediglich eine Warnung.

In ihrer Betrachtung der Tat rückt Hanna von Clemens ab. Ich glaube, sie bringt es fertig zu glauben, dass ihr Mann die Abreibung verdient hat. Sie gibt nicht zu, wie unheimlich sie den Vorgang findet. Sie lebt unter Feind:innen, die als Nachbarn halbwegs nett sind.

Clemens verbreitet Pendlerwissen aus liegengebliebenen Zeitungen. Er gehört zu einer in der Langeweile vergammelnden Menschheit.

Am Zaun bekundet ein Nachbar bodenständiges Interesse. Er grunzt Rauchzeichen, für die er einen Stumpen unter Feuer hält. Er stößt die Gartentür auf, mit erlaubtem Mutwillen. Er steht da wie ein Eigentümer oder wie der Klempner. Seine Legitimation steht in jedem Fall außer Frage.

„Der Spinner“, presst Hanna hervor. Sie wendet sich dem Hund zu. „Leo, kommst du?“ 

Leo hechelt hinter Hanna ins Haus. Ich ignoriere Clemens‘ Mann-zu-Mann-Schnappatemübungen. Der Zaungast dirigiert seinen Vortrag rechthaberisch mit dem Stumpen. Er beklagt das Los der Obstbäume. Früher habe man dem Bestand besser zu helfen gewusst. „Das war gängig. Was tragen konnte, wurde gepfercht.”

Ein Sprichwort sagt mit verdunkeltem Sinn: Was gepfercht werden muss, taugt nicht zum Besten.

Ich überlasse Clemens dem Nachbar und suche Hanna im Haus. Unerklärlicherweise erhöht Clemens‘ Nähe Hannas Reiz. Wir könnten einmal wieder zusammen in großstädtischer Ferne ins Kino gehen.

„Ist er nicht schrecklich?“ fragt Hanna.

Ich frage nicht, wen sie meint. Mich hebt das Gefühl, von allen negativen Betrachtungen ausgeschlossen zu sein. Ich bin ein Bringer in Hannas Welt. Ihr Wille, sich einem ungnädigen Schicksal entgegenzustemmen, ist mit Händen zu greifen. Plötzlich sind wir beide in einem Sog.

„Nimm mich mit“, bittet sie. „Lass mich hier nicht verrotten.“

Ich taumle aus der Umarmung. Mich weht der hässliche Gedanke an, Hannas Pech könnte ansteckend sein. Sie lässt nicht ab von mir. „Bitte“, sagt sie. „Wir können doch mit Kati und Leo auf den Rummel.“

„Was sagst du Clemens?“

„Der kann uns mal.“

Ich finde das uns zu familiär.