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2022-08-04 06:50:10, Jamal

Als Zaungast des Wirtschaftswunders hatte der alte Baron schon verloren, bevor er auch nur die leiseste Chance bekam, etwas zu begreifen. Ich bin in der Nähe solcher Männer aufgewachsen. Sie hatten ihre Stunde mit achtzehn, mit achtundzwanzig waren alle Spielräume verschwunden. Sie blieben die Haltestellenjugendlichen im Schwungrad der abgesoffenen Korpulenz. In ihren Vierzigern erkannte man sie auch an ihren Sonnenbränden. Das waren Wundmale der Verstocktheit. Die Klapper der Boomer-Unterschicht ging so: Die kleinkindliche Wundergläubigkeit verlor sich im Geschrei überforderter Erwachsener. Es folgten Rotztrotz, Resistenz, Renitenz, Resignation.

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Angela Hampel, Minotaurus, gesehen am 28.07. 2022 im Stadtmuseum Dresden © Jamal Tuschick

Ewiges Heimkind

In Willy Winklers Welt „setzt man sich nicht auseinander, sondern rauft sich zusammen“. Man lernt im Kino fürs Leben, und lässt Fünfe gern gerade sein. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Auch andere kochen nur mit Wasser. Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Froh zu sein bedarf es wenig, doch wer froh ist, ist ein König.

Willy findet Bud Spencer, diesen Pfundskerl mit dem Herzen am rechten Fleck, vorbildlich. Er schwankt zwischen Enttäuschung und Irritation, da seine Töchter Mira und Juli nicht mehr als Indifferenz für Papas Idol übrighaben. Sie sitzen im Kino nur ihre Zeit ab, während das Universum, es gehört Fritz Walter, manchmal arbeitet Walters Frau Italia noch an der Kasse, für Willy eine Schule war. Nie hätte er bei der Fremdenlegion angeheuert, „hätte er nicht Sindbad der Seefahrer gesehen. Wäre er je solch ein geduldiger Mann geworden ohne Rio Bravo?“

Christian Baron, „Schön ist die Nacht“, Roman, Claassen, 378 Seiten, 23,-

„Das Universum, das „Fritz-Walter-Kino“ in der Karl-Marx-Straße, öffnete am 20. August 1956.“ Quelle

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Willys Jugendfreund, der irrlichtende Horst Baron, fasst schließlich Fuß in einer familiären Notgemeinschaft, um Erna, Ottes und Peter. Man haust armenhäuslich in der Berliner Straße - und doch gar nicht so schlecht, fragt man Horst.

Das ewige Heimkind hat das „Nachtasyl im Blut“ (Paul Morand). Der Sohn einer Sexarbeiterin und eines Trinkers haucht seiner Erbärmlichkeit einen kriminellen Touch ein. Für einen „Automatenraubzug“ mit Explosivkörpern wählt Horst die kürzeste Nacht des Jahres. Er zieht seinen auf Anstand bedachten Kumpel Willy in die Sache hinein.

Willy zittert sich durch die Partie. Einiges läuft schief. Doch dann sitzt er wieder daheim. Er wohnt nun im Hochhaus am Opelkreisel - in einer eheähnlichen Konstellation mit der Polizistin Susanne Notnagel. Das Glück währt nicht lange. Auf einer Baustelle stolpert der Zimmermann über eine Latte und stürzt „ungebremst zwanzig Meter in die Tiefe“.

Christian Baron ist nicht nur ein Enkel des von Geburt an gescheiterten Horst B., sondern auch von Willy Winkler, der sich stets redlich bemühte, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen. Die narrative Stoßrichtung drängt Willy und Horst in Rollen sinnlos Verworfener im „Wunderland“ Bundesrepublik. Das unterschlägt einiges.

Millionen Menschen verkörperten im Nachkriegswestdeutschland eine untere Mittelschicht, die in den (zumal sozialdemokratisch grundierten) Teilhabeprozessen keine größeren Spielräume aufreißen konnte als Willy. Solche Bürger:innen* erlebten sich nicht als Versager:innen*. Sie wähnten sich in der Mitte der Gesellschaft. Dazu bald mehr.

Abstrakte Feststellung mit Rahmenfunktion

Als Kind im Dritten Reich verleugnete er seine Eltern. Willy Winkler, geboren und wohnhaft in Kaiserslautern, ist der Sohn von Kommunisten, die nie zum Hakenkreuz krochen. Die Mutter lebt noch in der 1970er-Romangegenwart.

Ein Ereignis am 14. Januar 1973 liefert der Orientierung eine solide Marke. Was Willy unzufrieden im Kreis seiner Familie sieht, sah ich gemeinsam mit meiner hochzufriedenen Mutter: Die erste Satellitenübertragung eines Solokünstlerkonzerts - Elvis Presley auf Hawaii. Meine Mutter schwelgte in Erinnerungen, während sich ihr fettgewordenes Idol bemühte.

Willy sieht den Abgesang kritischer.

Er war mal bei der Fremdenlegion und kam sogar als Deserteur und Regimentskassendieb davon. Willy liebt seine Frau, seine sieben Töchter und seine Arbeit als Zimmermann. Doch bleibt die nährende und eben nicht nur zehrende Kraft der Liebe auf der Strecke - und in den Konfrontationen mit dem Alltag eine abstrakte Feststellung mit Rahmenfunktion. Nach der Devise: Man hat die Seinen zu lieben. Fertigaus.

Seine von Zuständen erfasste Frau Rosi begreift ihre Liebe zu Willy oft nicht (mehr).

„Du Spatzenhirn“, sagt sie dann von Herzen fies (verätzt von Daseinsumständen, die alle Hoffnungen töten), „kannst fressen, was übrig ist.“

Von den fünf Töchtern, die aus dem Haus sind, will keine etwas von Willy wissen. Keine geht mit einer Ausbildung an den Start. Nur Ella, die Älteste, verstand es, sich mit einem brauchbaren Mann zu verbinden. In seiner Bescheidenheit ist Willy stolz auf Ellas Lebensspielzug. Immerhin ein Ingenieur. Wenigstens das.

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Der Titel spielt auf eine Tango-Serenade an, die in den Vierzigerjahren des XX. Jahrhunderts zum Schwofen in Tanzcafés anregte: Schön ist die Nacht. Es ist das Lied von Rosi und Willy.  

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Mit von der Romanpartie ist Horst Baron, Willys Kumpel seit der schlimmen Zeit. Christian Baron hat bereits einem Baron ein Denkmal gesetzt. Horsts Sohn erscheint in „Ein Mann seiner Klasse“ wie eine Figur aus dem kollektiven Gedächtnis der alten Bundesrepublik. Im Jetzt der Ereignisse schlägt sein Vater sich durch. Schlägt über die Stränge. Wird zusammengeschlagen und jubelt auf dem Betzenberg (heute Fritz-Walter-Stadion). Udo Scholz ist Stadionsprecher. Bernd Gersdorff fliegt vom Platz. Es ist eines der wenigen Spiele des gebürtigen Berliners im Bayerntrikot und zugleich eines der verrücktesten der Bundesligageschichte. In der sagenhaften Begegnung vom 20. Oktober 1973 glücken Gersdorff die ersten beiden Treffer. Die Bayern führen 4:1, bevor sie 7:4 verlieren. Der 1. FCK schießt binnen einer halben Stunde sechs Tore. Live erleben das vierzigtausend Zuschauer:innen*.  Der FC um Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Uli Hoeneß erscheint grundsätzlich wie ein Sonnenkönig im Plural. Doch kommt an diesem Nachmittag ein Josef Pirrung an einem Sepp Maier vorbei. Erich Ribbeck trainiert die Roten Teufel. Horst ist aus dem Häuschen. Bald mehr.

Meine Bemerkungen zu Horst Barons Sohn, der sich als Vater des Autors identifizieren lässt.  

Prost

Wiederholt lässt der möbelpackende Vater Dinge aus den Kisten mitgehen, die er für andere und vor allem für amerikanische Besatzungssoldaten durch die Treppenhäuser von Kaiserlautern hievt. Den Nachwuchs sediert er mit der Erklärung, das sei zwar „nicht recht, aber gerecht“. Die Aneignungen verschaffen dem Erzähler Konsolen, „die wir uns in hundert Jahren nicht hätten leisten können“.

Christian Baron, „Ein Mann seiner Klasse“, Roman, Classen, 280 Seiten, 20,-

Daran erinnert ihn ein Zufallsfund im Keller. Christian Baron ist mit neunzehn weg aus Kaiserslautern, seither neun Mal umgezogen und stets zog unbemerkt ein „Nintendo-Kasten“ mit, der zum narrativen Madeleine wird. Das Relikt beschwört Erinnerungen herauf, die mir bekannt vorkommen. Camus würde sagen: Seit die Unterschicht weiß, was Literatur ist, erzählt sie ihre Geschichten. Ich werde nicht müde, sie zu lesen.

Der Erzähler entdinglicht den Kindheitskasten und gibt ihm eine Speicherfunktion. Er lässt ihn aufsteigen zur Konserve. Was er verdrängt hat, steckt im Kasten.

Ein starker Verdrängungsmotor ist die Voraussetzung für jeden Aufstieg. Die geringe Außenwirkung von Aufstiegen aus der Hilfsarbeiterklasse in die defensive Oberunterschicht und offensive untere Mittelschicht, die als Transformationsphänomen ungemein ergiebig bleibt, da sich in ihr die stärksten Ungleichzeitigkeiten und Verdichtungen auswirken, verschleiert die vulkanischen Aktivitäten oft sogar vor den Akteuren. Baron spielt das allerdings nicht herunter, was ihn von seinem Vater trennt.

Das akademische Milieu, das ihn wie einen anderen Steffen Mau oder Didier Eribon aufgenommen hat, liefert den zurückgebliebenen Angehörigen parallelgesellschaftliche Szenen durchaus in der herablassenden Perspektive, die man für ein Panoptikum übrig hat. Diese Resistenz ist wunderbar, ein Fest für alle, die das Glück haben, von unten zu kommen und sich das eigene Leben als Entwicklungsroman erzählen zu können.

Baron bekennt sich öffentlich zum Fernsehen als der herkunftsadäquaten Weltläufigkeit. Privat versteckt er den „Flachbildschirm“ vor Besucher:innen*. Wäre er biografisch in der Mittelklasse vorgefahren, würde er das nicht tun. Dass Baron den Fernseher versteckt, bedeutet leider auch, dass ihn keiner von früher mehr irgendwo mitspielen lässt. An dieser falschen Schamgrenze scheiden sich die Geister. Da endet die Toleranz des an seinen Leisten klebenden Backwarenfilialleiters, bei dem der Fernseher (mit einem hoheitlichen Grundton) auch läuft, wenn Besuch da ist.

Die Barons sind so arm, dass es wehtut und man schnell wegsterben will. Der Vater schafft es mit dreiundvierzig und einem „Multiorganversagen“. Vor eben war er noch stärker als Hulk und eben schon zu schwach zum Atmen. Christian verpasst die letzte Gelegenheit einer kathartischen Begegnung. Die vermiedene Klärung am Sterbebett zwingt ihn zum Nachsitzen. Er schreibt den Aufsatz seines Lebens, auch um erkennen zu dürfen, dass sein Vater keine Wahl hatte.

„Unser Vater war ein Mann seiner Klasse.“

Als Zaungast des Wirtschaftswunders hatte er schon verloren, bevor er auch nur die leiseste Chance bekam, etwas zu begreifen. Ich bin in der Nähe solcher Männer aufgewachsen. Sie hatten ihre Stunde mit achtzehn, mit achtundzwanzig waren alle Spielräume verschwunden. Sie blieben die Haltestellenjugendlichen im Schwungrad der abgesoffenen Korpulenz. In ihren Vierzigern erkannte man sie auch an ihren Sonnenbränden. Das waren Wundmale der Verstocktheit. Die Klapper der Boomer-Unterschicht ging so: Die kleinkindliche Wundergläubigkeit verlor sich im Geschrei überforderter Erwachsener. Es folgten Rotztrotz, Resistenz, Renitenz, Resignation.

Prost Papa

Barons Mutter bindet ihre poetische Ader ab, man gönnt sich schließlich auch sonst nichts. Sie löst den Verband wieder und schreibt weiter Gedichte bis zu ihrem Tod.

Das muss man sich vorstellen, mit diesem seelisch abgetauchten, bestenfalls unangenehm vorhandenen Mann und vier Kindern. Der Fürchterliche überlebt seine Frau um acht Jahre. In dieser Zeit gelingt es ihm, Christian von allem zu trennen, was ihn mit einem Vater verbinden könnte. Erst lange nach seinem Tod erlaubt er seinem Sohn, Papa zu sagen. So postum wie man Prost sagt, beim Erheben des Glases im Andenken an einen, der einem nichts mehr sagen kann.

Aus der Ankündigung

Willy sehnt sich nach nichts so sehr wie nach einem normalen Leben. Er will seine Arbeit als Zimmerer gut machen, er will für seine Familie sorgen, er träumt vom eigenen Häuschen. Mit seiner ehrlichen Art stößt er immer wieder an Grenzen, was nichts an seinem Entschluss ändert, anständig zu bleiben.

Horst, ein ungelernter Hilfsarbeiter, glaubt schon lange nicht mehr daran, auf ehrliche Weise nach oben zu kommen. Er greift zu halbseidenen Mitteln, und seine Existenz entgleitet ihm in dem Maße, in dem er seine Aggressionen nicht im Griff hat. In die Spirale des Abstiegs zieht er seinen Freund Willy hinein – mit katastrophalen Folgen für beide.

Schön ist die Nacht ist ein Roman über die westdeutschen Siebzigerjahre, der Roman einer ganzen sozialen Klasse. Zwischen ihren nach Emanzipation strebenden Frauen und streikwilligen „Gastarbeitern“, zwischen ihnen entgleitenden Kindern und sie unter Druck setzenden Chefs, zwischen Spekulantenträumen und Baustellenwirklichkeit führen Willy und Horst aussichtslose Kämpfe um ihren Anteil am Wohlstand. Müssen wir sie uns als glückliche Menschen vorstellen? 

Zum Autor

Christian Baron, geboren 1985 in Kaiserslautern, lebt als freier Autor in Berlin. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier arbeitete er mehrere Jahre als Zeitungsredakteur. 2020 erschien bei Claassen sein literarisches Debüt Ein Mann seiner Klasse, wofür er den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Literaturpreis »Aufstieg durch Bildung« der noon-Foundation erhielt.  Die von ihm zusammen mit Maria Barankow herausgegebene Anthologie Klasse und Kampf erschien 2021 bei Claassen.