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2022-01-16 08:37:02, Jamal Tuschick

Altmeisterlich

In seinen vermischten Aufzeichnungen kommt Hans Magnus Enzensberger auf den cordon sanitaire zu sprechen. Er erwähnt Clemens Brentanos Pestprosa.

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Enzensberger sieht zeitgenössische Augur:innen „im wissenschaftlichen Kostüm“ so irren wie ihre antiken Vorgänger:innen einst im archaischen Fellmantel irrten.

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Der Diagnostiker erscheint altmeisterlich im Elder-Statesman-Modus. Längst dominiert das Gallige eine verwehte, das Mühelose einst feiernde, allzeit federnde Easy-Peasy/No-hard-feelings-Leichtigkeit.

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Die Neuzeit begann mit einer Pandemie. Ungefähr Egon Friedell

Andreas Mühe, Beispiel aus der Hagiographie Biorobotica © Jamal Tuschick

Pestprosa

Enzensberger vergleicht den Limes mit einer „Membran, die einen osmotischen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen und Verkehrsformen beförderte“. Die Römer:innen seien zu klug gewesen, um sich abzuschotten.

Jede Verriegelung erschafft eine Verarmung.

Doch gebe es Lagen, so Enzensberger, in denen ein cordon sanitaire als beste Lösung angesehen werden müsse, etwa bei Territorien, die sich Desperados unter die Nägel zu reißen wussten.

Hans Magnus Enzensberger, „Fallobst. Nur ein Notizbuch“, mit Zeichnungen von Bernd Bexte, Suhrkamp, 15,-

„Statt zerfallene, von Sekten oder Warlords beherrschte Gebiete zu bombardieren oder mit Bodentruppen zurückzuerobern, ließen sie sich mit relativ geringem Aufwand umstellen und mit Waffengewalt isolieren.“

Der Diagnostiker nennt den Kaukasus vor Somalia. Er spricht ferner vom Kongo und vom Irak. Auch „in Teilen Syriens und Afghanistans“ könne ein Kordon despotische Machenschaften vielleicht unterbinden.

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Enzensberger beruft sich auf Clemens Brentano. Im Herbst 1817 veröffentlichte Brentano in dem illustrierten Periodikum Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz in feuilletonistischen Fortsetzungen eine Geschichte mit dem umständlichen Titel Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter.

„Die Kunst aber ist die Kanaille, die mich mit diesem sorgenvollen Ehrgeize behängt hat, und die Trägheit ist es, der ich verdanke, daß ich so edel bin.“ Clemens Brentano

„Brentano erzählte ... von einer Pestepidemie in Kroatien. Ein ungarisches Grenadier- und Husarenregiment war damit beauftragt, den cordon sanitaire zu sichern. Selbst Briefe konnten den Pestkordon nicht passieren …“

Feuilletonistische Fortsetzungen

Wir begegnen dem fahrenden Maler Wehmüller auf dem Weg zu seiner Frau, die ihn in der alten ungarischen Krönungsstadt Stuhlweißenburg, heute Székesfehérvár, erwartet.

Ein drängender Brief befördert Wehmüller an den Rand der Selbstbeherrschung. Seine avisierte Reisegeschwindigkeit setzen lauter amtliche Vorkehrungen im Rahmen der Seuchenbekämpfung herab. Kurz gesagt, Wehmüller kommt nicht nur nicht voran, er ist „durch die Quarantäne (auch dermaßen) zerstochen und durchräuchert“, dass es ihm schwerfällt, die Handschrift der Gattin zu entziffern. Bis zum Anschlag beunruhigt, sucht er Trost bei einer so wie er abgestiegenen, trostlos beliebigen Compagnie.

„Ich muss gleich auf der Stelle fort nach Stuhlweißenburg.“

Wehmüller flitzt davon, um nach seinen neununddreißig Nationalgesichtern zu sehen.

„Sie waren nichts mehr und nichts weniger als 39 Porträts von Ungaren, welche Herr Wehmüller gemalt hatte, ehe er sie gesehen. Er pflegte solcher Nationalgesichter immer ein halb Hundert fertig bei sich zu führen.“

Der Maler verbessert die Machwerke nach den Wünschen der Kunden. Manches erledigt er mit, anderes ohne Aufpreis. Zur Eile drängt ihn auch ein Konkurrent, der Wehmüllers Geschäftsmodell kopiert und seinen Vorteil in ein paar das biedere Original aufreizenden Finessen sucht.

Die Rede ist von einem Klagenfurter namens Froschhauer. Doch stößt der Bedrängte nicht auf den Plagiator, sondern auf Doppelgänger. Wo immer er hinkommt, da war bis eben ein falscher Wehmüller.

Ich erzähle das jetzt nicht weiter. Ich habe mich nämlich verlaufen bei meinem Vorhaben, Enzensberger, Brentano, die Pest im frühen 19. Jahrhundert und eine Person zusammenzubringen, auf die Enzensberger als Referenz verzichtet. Ich meine Marcels Vater Adrien Proust, einen kolossal-vehementen Verfechter der seuchenpolitischen Abschottung aka des cordon sanitaire.

Adrien Achille Proust (1834 - 1903) war ein unfassbar tüchtiger Mann und insofern das schiere Gegenteil seines Stammhalters, der von den flüchtigsten Erscheinungen des Lebens förmlich aufgehalten wurde. Der Epidemiologe versah seine Aufgaben mit leidenschaftlicher Autorität, während sein Erstgeborener von Geburt an kränkelte und in der handfesten Realität nie richtig Fuß fasste. Schon mit knapp dreißig war der Titan Chef der Pariser Charité. In der III. französischen Republik trat er als staatspolitisch ausschlaggebender Mann auf.

1884 avancierte Professor Proust zum Generalinspekteur des französischen Gesundheitswesens. In der Hygiene fand er einen Zivilisationsschlüssel. Seine herkulische Natur versicherte Frankreich gegen manchen Schrecken, der sich im Schatten von Seuchen vorschleicht. Nebenbei verfasste er, angeregt auch von den Zuständen des Sohnes, ein Standardwerk zur Behandlung von Neurastheniker:innen.

P.S.

Die koloniale Dynamik der Cholera-Pandemien findet in der Recherche keinen Widerhall.