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2022-07-24 09:28:04, Jamal

Eroberte Wüsten

„Beispiel Punischer Krieg. Wir hatten ihn aus dem besten Grund geführt, nämlich um die afrikanische Konkurrenz niederzukämpfen, aber was wurde daraus? Man machte Karthago dem Erdboden gleich. Unsere Feldherren sagten stolz: Wo meine Legionen hintreten, da wächst kein Gras mehr. Aber genau auf dieses Gras waren wir eben aus. Es gibt ein Gras, daraus wird Brot gemacht. Was mit immensen Kosten erobert wurde, das waren Wüsten.“

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„Seit grauer Vorzeit verteilten dreihundert Familien unter sich alle hohen Ämter Roms. Der Senat war ihre Börse. Dort handelten sie aus, wer von ihnen auf der Senatsbank, wer auf dem Richterstuhl, wer auf dem Schlachtross, und wer nur auf dem Landgut sitzen sollte.“ Bertolt Brecht

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Judit Reigl, 1958, Dominanzzentrum, Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, gesehen im Museum Barberini am 21.07. 2022 © Jamal Tuschick

Brecht und der Punische Krieg

Das Wesen jeder feudalen und aller bürgerlichen Ordnung ist Repräsentation. Nach Stuart Hall ergibt sich im 20. Jahrhundert „eine kulturelle Revolution mit dem Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation“. Brecht zeigt in die andere Richtung. In dem Fragment gebliebenen Roman Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar analysiert er eine Karriere mit dem Besteck des historischen Materialismus. Brecht nimmt Caesar sämtliche heroischen Attribute. Die Plünderung von Völkern, der Sklavenhandel und die Korruption konsolidieren die Macht des Tribuns.  

1972 adaptieren Jean-Marie Straub & Danièle Huillet die „Geschäfte des Herrn Julius Caesar“ unter dem Titel Geschichtsunterricht in sechsundfünfzig Einstellungen. „Geschichtsunterricht“ ist eine Deutschstunde in Rom. Der Film beginnt vor einem Standbild. Eine römische Weltkarte zeigt dem Geschehen das Jahrhundert an. Ein Mann fährt Fiat. Minutenlang verfolgt die Kamera den Fahrer. Mehr geschieht nicht. „Von einer lapidaren Lenkung des Blicks“ ist in der Rezeption die Rede. Die Kameraführung sei „zugleich dokumentarisch und metaphorisch“.
Die Route wird immer labyrinthischer und lausiger, der Fahrer hat die Hauptstraßen verlassen. Die Regisseure nannten die inszenierte Ereignisarmut „automobile Spaziergänge“. Sie wählten solche Stellen im Fragment, die materialistische Geschichtsschreibung exemplarisch erscheinen ließen.

Der Fahrer hängt an visuellen und akustischen Ketten, „ein Gefangener der Kamera“. In der nächsten Einstellung spricht ein gewesener Bankier so wie Brecht schreibt. Er erklärt „den Kampf der City mit dem Senat. Der Senat will die City mit Gesetzen kontrollieren ... doch kann man mit Gesetzen alles, nur nicht den Handel aufhalten“, weiß Mumilius Spicer, von Gottfried Bold wie auf dem Theater im historischen Kostüm gespielt.

Der Fahrer heißt Benedikt Zulauf.  

Caesar ist der kommende Mann, als Rom den Sklavenhandel monopolisiert. Da liegt der Zusammenhang zwischen Imperialismus, Ökonomie und Verelendung der Landbevölkerung auf der Hand. Der Fahrer trifft einen Anwalt (Henri Ludwigg). Der tischt auf: „Nicht nur der Hunger tötet, auch der Appetit nach Austern.“
Den Senat erklärt er so: „Man muss bestochen haben, um sich selbst ordentlich bestechen lassen zu können.“
„Der Handel tötet wie jeder Krieg.“
Der Fahrer besucht einen Ex-Legionär, Bauer im Jetzt vergangener Tage. Johann Unterpertinger referiert Gallische und Punische Kriege:

„Beispiel Punischer Krieg. Wir hatten ihn aus dem besten Grund geführt, nämlich um die afrikanische Konkurrenz niederzukämpfen, aber was wurde daraus? Man machte Karthago dem Erdboden gleich. Unsere Feldherren sagten stolz: Wo meine Legionen hintreten, da wächst kein Gras mehr. Aber genau auf dieses Gras waren wir eben aus. Es gibt ein Gras, daraus wird Brot gemacht. Was mit immensen Kosten erobert wurde, das waren Wüsten.“