MenuMENU

zurück

2026-01-15 10:26:28, Jamal

Philologische Passion

Was zuvor geschah - Clarice Carangaria verliert ihre angolanischen Eltern auf dem Weg nach Europa. Als unbegleitete Minderjährige gelangt sie auf Lampedusa in die Fänge eines Tributpflichtigen in Deodato Gagginis mafiöses Imperium. Clarice geht durch die harte Schule der Feldarbeit. Sie existiert in der Erniedrigung und erfindet da eine Capoeira-Variante. Überbordenden Einfallsreichtum beweist sie, sobald es darum geht, einen Feind zu bekämpfen. Sie strukturiert, ordnet und mathematisiert das Thema, bis endlich das ganze Gebiet so überschaubar wie ein Kinderspielplatz erscheint. Martialische Typen mit Verbrecherstammbäumen bis in die Steinzeit kapitulieren vor Clarices Raum-Zeit-Scharaden.

Die effiziente Verwaltung von Zeit und Raum generiert Konfliktkapital. Clarices Konzept lässt sich schließlich auch der Pate erklären. Restlos überzeugt, vertraut Deodato der Aufsteigerin sein Wertvollstes an.

Clarice bewacht Deodatos Tochter Beatrice.

*

Beatrice im Café, bei der Massage, auf dem Laufband, in der Bibliothek, im Hörsaal, auf einem Klo der ehrwürdigen Universität von P., gegründet im Jahr des Herrn 1222, mit Professor Ágio Páscha, den es seltsam berührt, von einer Studierenden mit gut gefülltem Schulterhalter geküsst zu werden. Beatrice legt zwar den Büstenhalter, aber doch nicht den Holster für ihre Beretta ab.

Die Bewaffnung törnt den Pascha an. Beatrice hat nichts gegen solche Benefits des Erotischen. Was geil macht, ist gut. So hat Beatrice es von ihrer Waffenmeisterin gelernt. Beatrice studiert Germanistik und genießt ihre Wirkung auf alles, was da kreucht und fleucht.

Gern nimmt sie einen Kaffee im Stehen am Tresen einer Bar.

Beatrice pflügt Lachs von einem Avocadobett und verlängert einen Tagtraum in der Bar ihres Verweilens - Illycaffé, free WiFi, originelle Backpackerbewertungen und stummgeschalteter Rai Uno auf einem zweiundvierzig Zoll Plasmabildschirm. Sie stellt sich vor, wie der offenbar skandinavische Barista - Beatrice hält ihn für einen Schweden - um sie herumstreicht und die Nähe ihres Hinterns seine Glut entfacht. Neben ihr saugt eine Frau ihren Smoothie aus einer aufgepeppten Schnabeltasse. Beatrice baut die Frau in ihre Geschichte ein. Die Frau trägt ein Kleid aus erhabener - reliefierte Rankenmotive zeigender - Spitze, mit einem fest vernähten Chiffonüberwurf, der wie ein Schleier kaum aufliegt.

Ob ihr der Tod einmal so gut angezogen begegnen wird? Das internationale Auftragsmordwesen ist längst eine weibliche Domäne.

Verstohlen registriert Beatrice abgewetzte Stellen, geborstene Kanten, gesplitterte Kacheln, den Routinen entgangene Staubinseln; antike Zeichen, die zurückweisen in die Zeit, als in Bars noch geraucht wurde. Beatrice fürchtet jede Auffälligkeit. Ihre Sicherheitschefin Clarice Carangaria erstattet Beatrices Vater täglich Bericht. Beatrice darf nicht den Eindruck einer Saumseligen erwecken. Man erwartet Tatkraft von der designierten Nachfolgerin auf den Patenthron.

*

Wenn Beatrice an einer Engstelle (wie einer Kaufhausdrehtür) Männern absichtslos zu nahe kommt, erleben jene etwas, das sie sofort anhebt und zwingt, sich nach Beatrice umzudrehen. Ihr Duft steigt ihnen zu Kopf. Beatrices Antlitz taucht in den Träumen der Passanten wieder auf.

Ihrem amerikanischen Chat-Lover schreibt sie: "Please give me something else, a little something, a little something for my intensity. Give me a gift that will make me explode."

Auch in der Universität, deren mittelalterlicher Charakter viele Arrangements filmreif erscheinen lässt, findet Beatrice Mittel und Wege zur Steigerung der Spannung. Mit dem Ziel, dass Absichtliche am Zufälligen herauszustreichen, exploitiert Sigmund Freud die eigenen Grenzgänge. Wie „eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenützt werden kann", illustriert er am Beispiel einer unter dem Vorwand der Hilfsbereitschaft herbeigeführten Überschreitung. „Plötzlich (stand) ich dicht hinter ihr ... und meine Hände trafen sich einen Moment lang vor ihrem Schoss ... es schien ... keinem aufzufallen wie geschickt ich diese ungeschickte Bewegung ausgebeutet hatte."

Beatrice ist eine Meisterin solcher „ungeschickten Bewegungen". Schon als Jugendliche konnte sie so navigieren und sich herauspicken, was und wer ihr gefiel. Jemand hat mal zu ihr gesagt, ihre Sexualität sei männlich. Man kann falsch nicht steigern, also lässt sich nur sagen, das war empörend falsch. Beatrice ist weiblich bis auf die Knochen. Sie spürt ihre Weiblichkeit in jeder Sehne. Lange war ihre Weiblichkeit weiter nichts als Jagd. Jetzt ist ihr etwas passiert, dass sie in manchen Stunden denken lässt, sie könnte nicht nur Jägerin, sondern auch Hüterin sein. Die Hüterin eines eigenen Stammesfeuers.