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2023-12-02 17:49:27, Jamal

Giganten des Geistes

„Ein Schriftsteller, der seine Autobiografie verfasst, beschreibt sich nicht, er erfindet sich.“ Sandra Langereis, „Erasmus. Biografie eines Freigeists“

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„Wer mit weiser Einsicht durch die Tragödien des Lebens gehen würde, würde sich sofort des Lebens berauben. Nur die Dummheit ist ein Trost: sich zu verirren, zu irren, unwissend zu sein, ist nichts anderes als Mensch zu sein.“ Johan Huizinga, „Erasmus und das Zeitalter der Reformation“

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„Der Grundton des Enchiridion militis Christiani ist bereits das, was der Grundton des Werkes von Erasmus immer sein wird: der Mann, der es nicht ertragen kann, dass der Schein so verschieden ist von der Substanz der Welt, dass die Welt diejenigen wertschätzt, die sie nicht wertschätzen sollte, dass Blindheit, Alltagssorgen und Gedankenlosigkeit die Menschen daran hindern, den wahren Zusammenhang der Dinge zu sehen.“ Johan Huizinga

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„Das Bewusstsein, dass unsere Worte die ganze Welt auf einmal erreichen können, ist ein Impuls, der unbewusst die Art und Weise beeinflusst, wie wir uns ausdrücken, und ein Reichtum, den nur die größten Giganten des Geistes ungestraft ertragen können.“ Johan Huizinga

Apokalyptische Landschaften 

Für Bertolt Brecht sind die Bauernkriege das größte deutsche Unglück, da sie, so Brecht, zu früh losbrachen. Stefan Zweig malt in seiner Geniedeutung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ einschlägige Verheerungen aus. In seinem historischen Panorama brennt „die verhängnisvolle Flamme des religiösen Wahnes“. Der Nachgeborene addiert militärisch abgetragene Städte zu militärisch entkernten Höfen in „apokalyptischen Landschaften“.     

Zweig erwähnt den spanischen Arzt Miguel Servet, der vor der Inquisition zuletzt nach Genf floh und da 1553 - auf Geheiß von Johannes Calvin - als Ketzer hingerichtet wurde.

Ausführlich charakterisiert Zweig Servet an anderer Stelle. In „Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt“ erscheint der doppelt Verfolgte so bedeutend wie ein Korn zwischen Mühlsteinen. In einer „weltanschaulichen Auseinandersetzung“ mit epochalen Dimensionen verliert sich die Persönlichkeit des Gehetzten.

Servets Rolle verdankt sich keiner politisch relevanten Größe. Der Spielball titanischer Kräfte trudelt durch alle Stadien der gesellschaftlichen Belanglosigkeit, bis ihn ein „fürchterliches Ende“ exponiert.  

Zweig konzediert Servet immerhin einen „eigenwilligen Intellekt“; findet ihn jedoch „irrlichternd“ und unfähig, das Hochplateau „schöpferischer Klarheit“ zu erreichen.  

„Einmal allerdings flammt in dem Buch seiner prophetischen Verkündigungen eine wahrhaft wegweisende Beobachtung auf, die medizinische Entdeckung des sogenannten kleinen Blutkreislaufs, aber Servet denkt nicht daran, seinen Fund systematisch auszuwerten und wissenschaftlich zu vertiefen; wie ein einzelnes verfrühtes Wetterleuchten verlischt dieser Genieblitz aus der dunklen Wand seines Jahrhunderts.“

Zweig erkennt in Servet einen anderen Don Quichotte; einen exzentrisch Vereinzelten, bar jeder Selbstkritik; einen Phantasten, der „in blindwütigem Idealismus gegen alle Widerstände der Realität (anrennt)“.

Gärender Geist

„Wer in so schroffer Selbstüberschätzung ständig allein gegen alle steht, muss es sich geradezu zwangsmäßig mit allen verderben.“

Bereits dem adoleszenten Aragonesen brennt der Heimatboden unter den Füßen. Von katholischen Aufsehern gejagt, setzt er sich nach Toulouse ab. Als Sekretär eines Vertrauten von Kaiser Karl V. gelangt er in den Dunstkreis der Macht. Im humanistischen Ornat verfällt er „der zeitpolitischen Leidenschaft für den großen Kirchenstreit“. 

„Sein unruhiger Geist gerät beim Anblick der welthistorischen Polemik zwischen alter und neuer Lehre in Gärung. Wo alles streitet, will er mitstreiten, wo alles die Kirche zu reformieren sucht, mitreformieren, und mit dem Radikalismus der Jugend erachtet der Heißblütige alle bisherigen Lösungen und Loslösungen von der alten Kirche als viel zu lau.“

Die Revolutionäre im Namen eines unbefleckten Evangeliums enttäuschen den Sturmläufer. „Mit der Intransigenz eines Zwanzigjährigen“ will Servet nicht eine Kompromissdelle im Schild der Radikalität. Die Unbedingtheit bricht ihm rasch das Genick.  

Ganz anders, nämlich anti-flamboyant, präsentiert sich Erasmus den streitenden Parteien. Beinah könnte man übersehen, dass er allen Parteien die besten Argumente liefert. Zweig attestiert dem Weltmann „eine gelassene Resignation“.  

P.S.

„Wer mit weiser Einsicht durch die Tragödien des Lebens gehen würde, würde sich sofort des Lebens berauben. Nur die Dummheit ist ein Trost: sich zu verirren, zu irren, unwissend zu sein, ist nichts anderes als Mensch zu sein.“ Johan Huizinga, „Erasmus und das Zeitalter der Reformation“

Aus der Ankündigung

Erasmus von Rotterdam, »der erste bewußte Europäer, der erste streitbare Friedensfreund, der beredteste Anwalt des humanistischen, des welt- und geistesfreundlichen Ideals«, wurde durch seine Kritik an Theologie und Kirche zum Wegbereiter der Reformation. Doch als Kurfürst Friedrich ihn im Glaubensstreit zwischen Luther und dem Papst um sein Votum bat, scheute der wohl berühmteste und gelehrteste Mensch seiner Zeit die Verantwortung einer Entscheidung. Zweig fasst Triumph und Tragik seines Lebens mit der Sympathie eines Wesensverwandten zusammen: »der freie, der unabhängige Geist, der sich keinem Dogma bindet und für keine Partei entscheiden will, hat nirgends eine Heimstatt auf Erden«.

Zum Autor

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und lebte ab 1919 in Salzburg, bevor er 1938 nach England, später in die USA und schließlich 1941 nach Brasilien emigrierte. Mit seinen Erzählungen und historischen Darstellungen erreichte er weltweit in Millionenpublikum. Zuletzt vollendete er seine Autobiographie ›Die Welt von Gestern‹ und die ›Schachnovelle‹. Am 23. Februar 1942 schied er zusammen mit seiner Frau »aus freiem Willen und mit klaren Sinnen« aus dem Leben.