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2023-08-04 10:37:59, Jamal

Sakraler Schrott

„Antike Rituale zu verstehen, ist … ungefähr so, als wollte man als Taubstummer Klavierspielen lernen.“ 

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Schockwellen aus Staub und Asche

Religiöses Handeln war im antiken Alltag nichts „Überweltliches“. Die Gebrauchskultur gedieh in Gemeinschaften, die vom Ritus bestimmt wurden. Die Verkehrsformen waren keineswegs so klassisch wie sie in den neuzeitlichen Antike-Verherrlichungsnarrativen erscheinen, sondern archaisch.

„Der Ritus ist wie eine eigene Sprache, die alle Bereiche der Gesellschaft gliedert und deren Grammatik und Vokabular untrennbar mit dem verbunden sind, was sich in dieser Gesellschaft kommunizieren lässt.“

Reliquienmüll

Die Griech:innen betrachteten ihre römischen Überwinder:innen mit kulturnationalistischem Hochmut. Die Usurpator:innen übernahmen die olympische Mythologie der Verlierer:innen und strichen sie altrömisch an. Das erläutert Gabriel Zuchtriegel in „Vom Zauber des Untergangs. Was Pompeji über uns erzählt“, Propyläen, 29,-

Bauchläden des Glaubens

Der Direktor des Archäologischen Parks Pompeji bemerkt bei den antiken Gottheiten Verheißungsversäumnisse. Ihre spirituellen Auslagen boten das überschaubare Angebot fliegender Händler:innen. Sie lockten kaum mit „Heilsversprechen“. Das Defizit habe dem Christentum Vorschub geleistet.

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Die vom Schlamm eines Vesuvausbruchs im Jahr 79 unserer Zeitrechnung wundersam konservierte Stadt Pompeji entwickelte sich aus einem Weiler, den auch der Bruch von Artefakten bezeugt. Zuchtriegel spricht von „23800 Tonscherben“, die in dem seit der Bronzezeit besiedelten Latium im Dunstkreis des inzwischen trockenliegenden Vulkankratersees Lago di Castiglione und in nächster Umgebung der italischen Stadt Gabii aufgelesen wurden. Sie stammen von Gefäßen, die bei Ritualen im lokalen Sanktuarium Verwendung fanden. Der sakrale Schrottplatz ergab sich aus der Regel, dass heilige Gegenstände im geweihten Bezirk bleiben mussten.

Zuchtriegel erklärt: Weil wir den Ritus-Kode der Prä-Pompejischen Bevölkerung nicht kennen, bleibt uns der einfachste Aufschluss verwehrt.

Pompeji-Parlando

Kurzweilig erzählt der Autor, wie ihn in Paris einmal Koryphäen seines Fachs in die Mangel nahmen. Das ist eine Story für sich. In seinen Aufzeichnungen zieht Zuchtriegel Register im Spektrum zwischen Archäologiehistorie, autobiografischen Einlassungen voller anekdotischer Evidenz, didaktischen Sentenzen - und den Folgen der Pandemie. Stichwort: Einnahmeverluste. Zuchtriegel erläutert die Volten der Ausgrabungspolitik. Im 19. Jahrhundert entreicherten Altertumsforscher:innen Pompeji planmäßig, um die Schätze im Nationalmuseum von Neapel zu konservieren. Zuchtriegel stellt fest, dass sie so ihrer wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht genügten. Der Modus Operandi entsprach dem technischen Standard unter Open-Air-Bedingungen. Die Leser:innen erfahren, dass alliierte Luftstreitkräfte im Zweiten Weltkrieg Pompeji mit der Idee bombardierten, die Wehrmacht bunkere Munition in vorchristlichen Lagerräumen.  

Ausführlich schildert Zuchtriegel die Entdeckungs- und Ausgrabungsgeschichte der Villa dei Misteri - Mysterienvilla. Die unweit der Porta di Ercolano, sprich Herculaneum-Tor, gelegene Anlage verdient sich ihre besondere Prominenz mit Fresken, die eine dionysische Mysterien-Erzählung überliefern. Auch darum ging es bei dem Pariser Streit. Gabriella Pironti, Professorin für antike griechische Religionsgeschichte, findet es problematisch, „dass die meisten Archäologen … den antiken Polytheismus unbewusst als ein (monotheistisches) Nebeneinander konzipieren“.

Zuchtriegel bildet einen eigenmächtigen Plural zu Monotheismus - „Monotheismen“. Er bekräftigt Piontis These, die sich im Geburtsland des Katholizismus beinah von selbst anschaulich macht.

Mit der Mysterienvilla verband sich das erste archäologische Sponsoring. Die Banco di Napoli finanzierte einen Ausgrabungsabschnitt. Zuchtriegel beschreibt den Star des Fries-Ensembles als „Gott … des Pöpels“. Dionysus sei eine Schöpfung „traditioneller Agrarkulte“ gewesen. Die römischen Adaptionen erzeugten gesellschaftliche Spannungen. Eine unter dem Bacchus-Siegel vereinte, einigermaßen klassenlose Exzess-Gemeinschaft sorgte 186 vor unserer Zeitrechnung für einen Skandal im Themenkreis der religio prava - verkehrten Religion. Die Obrigkeit sanktionierte drakonisch.

„Die Zahl der Hingerichteten übertraf die der ins Gefängnis Geworfenen.“

Ein Verbot des Bacchanal-Kultes begleitete das stände- und geschlechterübergreifende Strafgericht. Vor diesem Hintergrund gewinnt der in Rede stehende Dionysus- aka Bacchus-Fries eine besondere Bedeutung. War die Mysterienvilla der klandestine Schauplatz einer illegalen Praxis? Zeigte das Bandgemälde eine Initiationsstätte an? Eine kultische Flüsterkneipe? Ein antikes Blind Pig? 

Die Forschung dementiert das Phantasma der okkult-sakralen Nutzung. Die Anordnung der Räume widerspricht jeder Vorstellung von Heimlichkeit, Separation und Exklusivität über das herrschaftlich-repräsentative Wohnen in einer Villa mit Meerblick hinaus. Amedeo Maiuri lieferte eine plausible Erklärung. Bei der Szenenfolge handelt es sich um eine gesellschaftlich vermittelnde Interpretation, der mit Dionysus identifizierten Mysterien. Entschärfte Bacchus-Ritualvereine unterliefen das im Weiteren lax gehandhabte Verbot. Der Kult wurde immer wieder neu belebt. Frauen aus angesehenen Familien gaben den Ton an. Die Hausherrin könnte eine Priesterin im Rahmen einer anerkannten Gemeinschaft gewesen sein.

Aus der Ankündigung

Ein neuer Blick auf Pompeji und die befreiende Kraft der Kultur 

Garküchen, ein Sklavenzimmer, griechische Theater, Villen, Thermen und Tempel – die Ausgrabungen in Pompeji offenbaren eine Welt. Doch was hat sie mit uns zu tun? Gabriel Zuchtriegel, der neue Direktor des Weltkulturerbes, legt eindrucksvoll dar, dass verschüttete Altertümer, starre Ruinen und schweigende Bilder uns noch heute verändern können.  Fast täglich kommt Gabriel Zuchtriegel bei seiner Arbeit an der Kreuzung der zwei Hauptachsen Pompejis vorbei, steht da, wo am Morgen des 25. Oktober im Jahr 79 n. Chr. eine ganze Stadt unter Asche und Geröll versank. Wenn Zuchtriegel die Skulptur des im Schlaf überraschten Fischerjungen sieht, muss er an seinen Sohn denken, der sich genauso einrollt, um nicht zu frieren. Dass solche Momente wesentlich sind, um zu vermitteln, was die Antike mit uns zu tun hat, darum geht es in diesem Buch. Gabriel Zuchtriegel bringt uns anhand der archäologischen Entdeckungen vom 19. Jahrhundert bis heute neben Ausgrabungstechniken auch Fragestellungen näher, die mit dem Wandel der Gesellschaft und unserer Gegenwart verknüpft sind. Das alles verbindet er mit seinem Werdegang als Archäologe, der Pompeji nicht nur als Weltkulturerbe erhalten möchte, sondern sich dafür einsetzt, dass alle diesen Ort als den ihren begreifen.   »Ein kluges und auf zurückhaltende Weise persönliches Buch« FAS  »Liebeserklärung an die Archäologie« FAZ

Zum Autor

Gabriel Zuchtriegel, geboren 1981, studierte in Berlin und Rom Archäologie und griechische Literaturgeschichte. Nach seiner Promotion an der Universität Bonn erhielt er ein zweijähriges Forschungsstipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Süditalien. Doch daraus wurden mehr als zehn Jahre, in denen er in Italien forschte, lehrte und im Denkmalschutz arbeitete. Seit April 2021 ist er Direktor des Archäologischen Parks Pompeji.