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2024-01-06 12:25:21, Jamal

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Betrachtungen mit dem Spazierstock - Bemerkungen aus dem Jahr 1929

„Banalitäten feierlich gesagt, einfache Vorgänge barock dargestellt.“ - In einem Feuilleton von 1929 analysiert Kurt Tucholsky das Genre der Sexschmonzette. Der Kritiker stellt eine „Betrachtung mit dem Spazierstock“ darüber an, „wie man es nicht machen soll“. Er scheidet „geniale Psychopathen“ …

„Ich möchte nur noch für die Ekstase leben. Die kleine Dosis, die gemäßigte Liebe, die Halbschatten lassen mich kalt. Ich liebe das Außerordentliche, Briefe, dass der Postbote davon einen steifen Rücken bekommt … Sexualität, dass die Thermometer bersten.“ Anaïs Nin

… von jenen Laumännern, deren „erhitzte Impotenz“ schwüle Niederschläge zeitigt.

Michel Foucault zitiert irgendwo Demokrit, der den Geschlechtsverkehr mit „einem kleinen Schlaganfall“ vergleicht. „Die heftigen Bewegungen, die mit dem Koitus einhergehen“ gehörten nach Rufus von Ephesos „der Familie der Spasmen“ an.

Tucholsky erinnert daran, dass es in Klassikern keine Sexszenen gibt. Er findet Gründe, weshalb gewisse „Koitusschilderungen“ verboten sein sollten. Er will nicht unter „grinsenden Verhinderten“ sitzen. Er spricht von „abschreckend schönen“ Beispiele für Verkehrsberichte; verfasst von Autoren die ein „Barock aus Gänsegrieben für den Inbegriff des Stils“ halten. Tucholsky schwankt zwischen Ekel und Erheiterung. Er variiert und paraphrasiert. Er führt „Paradepferde des Geschmacksmangels“ am kurzen Zügel der scharfen Kritik.

Schöner schreiben im Tessin; am Lago Maggiore am 02.10. 2022 © Jamal Tuschick

Revolutionäre Regierungsgremien

Nach Robespierres Hinrichtung 1794 beginnt in den revolutionären Regierungsgremien eine Ära der Rotation und Jonglage mit Bausteinen der repräsentativen Demokratie. Die Verbürgerlichung der Revolution verlegt die Gewalt von links nach rechts. Eine Jeunesse dorée macht Jagd auf Jakobiner. Die Entmachteten kehren zu außerparlamentarischen Kampfformen zurück, können sich aber nicht mehr durchsetzen. Im Oktober 1795 erheben sich in Paris Königstreue, Napoléon leitet die Beschießung der Empörten. Der General spielt den Bluthund der nouveaux riches, den im Verlauf der Revolution zu Vermögen gelangten Liebhaber:innen des schönes Scheins (und Gegner:innen des Tugendterrors). Seine Feldherrenerfolge halten Frankreich in Bewegung, die republikanische Armee wird im ständigen Einsatz zum revolutionären Faktor. Als Garantin der von Monarchien umstellten Republik lässt sie sich nicht einschränken, anders als klerikale Restaurations- und frühkommunistische Umsturzbestrebungen. Napoléon schafft (Satelliten-)Staaten, Stichwort Frieden von Campo Formio 1797. Achtundzwanzigjährig vertritt er Frankreich in Verhandlungen mit dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, dem Habsburger Franz II. Er zerlegt Italien und reicht Franz ein Stück. Zwei Jahre später stößt er seinen Gönner Paul de Barras vom Balkon der Macht in die Verbannung.

Alexander the Great was born in 336 BC; Frederick the Great was born in 1712 of our era. In between are roundabout 2000 years. Nevertheless, both rode and both fought with edged weapons.

Napoléon vergleicht sich mit Alexander. Er sieht sich als Vorstand der Könige. Er will die Monarchen Europas wie Delegierte (als ihm allein verpflichtete Lehensmänner) in Paris versammeln und ihre Staatsarchive in einer Bibliothek zusammenfassen. Napoléon vermutet auf seiner Seite ausreichend Gravitation. Metternich nicht. In einer vernichtenden Einschätzung listet er Napoléons Schwächen auf. Der Diplomat kehrt Allgemeinplätze. Metternich findet Napoléon lediglich robust, er vermisst wahre Größe. Er bezieht sich auf Claire Élisabeth Jeanne Gravier de Vergennes, Comtesse de Rémusat et Dame du palais, eine Hofdame der Kaiserin Joséphine de Beauharnais und Gattin von Napoléons Kammerherrn. Napoléon komme ohne Takt aus. Er verstünde nur Militärisches und gäbe einer Kamarilla-Politik allein deshalb den Vorzug, weil er jede Legitimation als Begrenzung seiner Machtvollkommenheit betrachte.

Das ist hilflos gedacht. Claire hängt von Napoléon ab. Metternich nicht. Er achtet auf die kleinen Gleichgewichtsstörungen des großen Mannes. Napoléon kann sich nicht amüsieren, ihn langweilt das Unterhaltungsprogramm für Fürsten. Metternich erkennt in der höfischen Langeweile ein besonderes Versagen. Napoléon erlaubt es keinem, geistreicher zu sein als er. Er übernimmt Gewohnheiten geschlagener Häupter und besteht auf die Defiliercour mit Knicks und Diener. Er verwirft und erneuert überkommenen Repräsentationspomp.

Falsch geschult

Er weigert sich, die Ansprüche der besten Künstler:innen zu achten. Das ist ein Kulturbruch. Kein Bourbone würde von seinen Pflichten als Mäzen dermaßen ablassen. Zugleich ahmt Napoléon aristokratische Artigkeit falsch nach. Er exponiert seine Defizite mit Etikettefehlern. Schwerwiegender erscheint Metternich Napoléons fadenscheiniges Verhältnis zum Esprit public. Der Kaiser lenkt die öffentliche Meinung mit Lügen. Journalistisch fängt er Filterblasenstimmungsbilder ein. Stets gibt er (postfaktisch) dem Effekt den Vorzug. Wahrhaftigkeit bedeutet wenig. Napoléon lehrt das Volk der Franzosen zwischen den Zeilen zu lesen. Das Theater wird zur Informantin. Das ist gut für das Theater und schlecht für die Kunst, sagt Heiner Müller. Metternich erkennt in Napoléons Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit das Hauptversagen. Wer sich Lügner:innen hält, der kann nur belogen werden. In diesem Fazit nimmt Metternich Napoléons Niedergang vorweg. Morgen mehr.