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2022-03-11 06:56:22, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

“The impediment to action advances action. What stands in the way becomes the way.“ Marcus Aurelius

Kuratierte Biografien

Natasha Brown über den Suprematie-Anspruch, die Empire-Nostalgie und den imperialen Impetus im Schlafrock des Liberalismus der britischen Erb-Elite:

„Heute ist es offensichtlich, ist im Rückblick so unanfechtbar wie die Irrationalität der Quadratwurzel aus zwei, dass diese Supermächte weder unfehlbar noch überlegen sind. Sie haben nichts, ohne ihre mit äußerster Brutalität erzwungene Vorherrschaft. Eine organisierte, systematische Brutalität, die ihre verweichlichten, schwächlichen Kinder kaum ertragen, nicht mal zur Kenntnis nehmen können. An die sie sich trotzdem als Wahrheit klammern. Ihr Absolutheitsanspruch war nie legitimiert, es gab keinen Befehl von Gott. Bloß bösartigen, willkürlichen Zufall. Und dann, Verzinsung.

*

„There Ain’t No Black in the Union Jack.“ Paul Gilroy

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Da gibt es diese Szene: vor den Augen der namenlosen Heldin heben die distinguiert reichen Eltern ihres Liebhabers den Vorhang und erlauben dem wohlhabenden Niemand einen Blick auf die Verhältnisse wahrhaft Nobilitierter zu werfen. Die Inhaber: innen kuratierter Biografien geben sich leutselig. Meghan Markle, The Duchess of Sussex, setzt gerade neue Maßstäbe. Die Schwester des Türöffners taucht in der Mutterrolle auf. Natasha Brown schreibt: „Hauchfein und klebrig, wie Spinnweben, landet ihr Blick auf meiner Haut. Ich drehe mich um und schaue die beiden an, Mutter und Tochter.“

Mich erinnert der vor lauter Klassengegensätzen vibrierende Moment an eine Bemerkung von/in Giacomo Joyce: “Cobweb handwriting, traced long and fine with quiet disdain and resignation: a young person of quality.”

Übrigens charakterisiert Joyce so die Tochter von Italo Svevo.

No-Mercy Beat

Natasha Brown erzählt von einer Schwarzen Aufsteigerin, die sich dem No-Mercy Beat der Londoner City im Kerngeschäft - der Finanzindustrie - gewachsen zeigt. Olympisch erschöpft sie sich in der Fokussierung, dem reinen, wie sie weiß, selbstmörderischen Streben. Sie spiegelt Herrschaftsattitüden und „transzendiert alle ethnischen Kategorien“. Dabei durchschaut sie die Vehikel ihres Empowerments als „erbarmungslose, effiziente Geldmaschinen mit dem Nebenprodukt sozialer Mobilität“.

Sie bilanziert:

„Ich tauschte mein Leben ein für ein Scheibchen Mittelklassekomfort.“

*

„Es gibt keinen Erfolg, nur das vorläufige Abwenden des Versagens.“

Natasha Brown, „Zusammenkunft“, Roman, aus dem Englischen von Jackie Thomae, Suhrkamp, 20,-

Natasha Browns namenlose Heldin trägt einen Mantel aus „mattem Lyocell (durch) … architektonisch interessante Straßen“.

„Die Faser Lyocell ist seit einigen Jahren in der öko-fairen Modebranche nicht mehr wegzudenken.“ Quelle

Sie trifft ihren Liebhaber auf ein Bier im Park nahe der U-Bahn-Station Blackfriars. Der an schmerzfreie Lösungen gewöhnte, von glücklichen Verläufen ausgehende, reich geborene Freund nimmt beruhigende Mitteilungen in seinen Erwartungen vorweg. Das an dieser Stelle angerissene Wir könnte weniger Substanz haben als eine solide Fiktion.

Bei den Eltern ihres Freundes firmiert die Namenlose als „die aktuelle Herzensdame unseres Jüngsten“. Die Gastgeberin (eingeheiratet) und der Gastgeber (altes Geld, konservativer Thinktank) arrangieren die Parvenu wie einen Stängel Sauerampfer im „diskret schillernden“ Bouquet.

Die Namenlose penetriert die herrschende Klasse, indes ihr einen liberalen Anstrich verpassend. Sie navigiert in fremden Gewässern. Sie erntet ausstrahlende Akzeptanz. Dass der Adel ihr an seinen Hauptaufgängen entgegen lächelt, entspannt die plebejischen Zocker:innen an ihrem Arbeitsplatz. Offenbar verfügt die Namenlose „über die richtige Art von Diversität“.

Im nächsten Erzählaugenblick weicht sie vom Beziehungskurs ab und schwenkt um zu einer Szene mit Rach, einer Lean-In-Feministin, die strategisch mit einem Akteur aus der Chefetage verkehrt/verschmilzt, und ihren Kaffee mit Mandelmilch trinkt. Die Namenlose skizziert Rachs Verbraucherinnenprofil. Gemeinsam trainieren die Bankerinnen für „die Teflon-Bauchmuskeln, die wir brauchten, um unsere Vorhaben durchzuziehen“.

Sie sind Migrant:innen ohne Migrationserfahrungen; Bindestrich-Britinnen „mit geschwächten Bindungen … uns verband keine gemeinsame Heimat oder Kultur … es ging nur ums Überleben, so wie ein Meme im Internet überlebt. Generationenübergreifendes Durchhalten, ohne Bedeutung oder Erinnerung“.

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„Hier geboren, Eltern hier geboren, immer hier gelebt - trotzdem, nie von hier. Ihre Kultur wird auf meinem Körper zur Parodie.“

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Einer histologischen Untersuchung folgt eine beängstigende Biopsie. Trotz der verheerenden Diagnose genießt die Namenlose den „hellen Empfangsbereich der onkologischen Privatpraxis“ mit ihren adretten, den Patientinnen stets zuvorkommend begegnenden Sprechstundenhilfen, „jung, hübsch, austauschbar“; den sorgfältigen, an exklusiven Sanus-per-aquam-Resorts orientierten Arrangements, dem polierten Dekor und dieser Suggestion: für die Dauer des Aufenthalts der Zeit enthoben zu sein.

„Ohne Hektik, in der Sicherheit eines Zeitfensters, in Outlook geblockt … durchsetzt von schuldiger Benommenheit in Anbetracht der absurden Luxusästhetik meiner privaten Krankenversicherung.“

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„Nichts ist eine Entscheidung.“

Die Namenlose unternimmt nichts gegen den Feldzug der Metastasen, der sie verwüstet.

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Ein Manager scheitert an den Spielregeln. Die Todkranke ersetzt den Verlierer gemeinsam mit einem Kollegen, der sich ihr angenehm zu machen versucht, indem er der Rivalin die Armut seiner Kindheit vor Augen führt. Angeblich sei er in einer Baracke in Bedford aufgewachsen.

Aus der Ankündigung

Nach oben kommen. Das war immer der Plan. Seit Jahrhunderten. Dafür hat sie, dafür haben alle vor ihr gekämpft. Und als Schwarze Frau stand ihr letztlich nur ein Weg offen: Völlige Verausgabung, Oxbridge, Londoner Hochfinanz, ein Freund mit Geld so alt und dreckig wie das Empire. Doch als sie endlich eingeladen wird, Mitglied einer Familie, Angehörige einer Klasse, Teil eines Landes zu werden, muss sie am eigenen Körper erfahren, dass die erlittenen Ungerechtigkeiten tiefere Wurzeln geschlagen haben. Wie kann sie sich retten? Wie mit dem Erbe der Geschichte leben?

Mit Zusammenkunft ist Natasha Brown die literarische Sensation gelungen: ein virtuoser, verdichteter Roman über die Anstrengungen der Gegenwart und die toxische Wirkung der Vergangenheit in unseren Worten, Werten, Besitztümern. Natasha Brown stürzt Schuld und Schönheit und Menschlichkeit ununterscheidbar ineinander, mit elektrisierenden Folgen.

Natasha Brown arbeitete nach ihrem Mathematikstudium an der Universität Cambridge für zehn Jahre im Londoner Finanzsektor. 2019 gewann sie den London Writers Award und konzentriert sich fortan auf das Schreiben. „Zusammenkunft“ gilt in England als das erfolgreichste literarische Debüt 2021. Zum Erscheinen zierte Natasha Brown das Cover des Vogue Magazine, hymnische Besprechungen folgten in allen namhaften Zeitungen.