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2022-06-12 08:24:17, Jamal Tuschick

Imperialer Expansionsdrive

Ein Perser entließ die Juden aus der von Nebukadnezar II. 597 vor unserer Zeitrechnung erzwungenen babylonischen Knechtschaft. Um 539 v. u. Z. erteilte Kyros II. „die Erlaubnis, nach Zion zurückzukehren“. Schon damals gab es Salonzionistinnen und Edel-Exilantinnen, die so Michael Wolffsohn, auf das Wort mehr gaben als auf die Tat. Die antiken Diaspora-Akteure suchten (unter veränderten politischen Vorzeichen) ihre Chancen weiter im mesopotamischen Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Sie avancierten im Achämenidenreich.

Michael Wolffsohn, „Eine andere Jüdische Weltgeschichte“, Herder Verlag, 364 Seiten, 28,-

Wolffsohn bemerkt an dieser Stelle bereits „den innerjüdischen Riss zwischen Universalisten und Partikularisten“.

© Jamal Tuschick

Stilles Begehren

„2014 (setzt) während der Publikation des Romans Judas eine Zusammenarbeit zwischen Amos Oz und der Lektorin Shira Hadad ein.“ Quelle

Oz, geboren 1939, gestorben 2018, befindet sich auf den letzten Metern vor der Zielgerade seiner irdischen Laufbahn. Hadad kommt mit dem „Erzähler Israels“ massiv ins Gespräch. Oz zeigt sich so konziliant wie konzentriert. Er nutzt die Gelegenheit, in der Gegenwart einer anziehenden, ihm gewogenen Person, sich noch einmal zur Sprache zu bringen. Er erinnert sich und sie an die Zeit „prophetischen Zorns“, als er „Aufsätze mit Feuer und Schwefel“ schrieb.

Bürgerliche Coverversion

Judas - Rhoda Abencabre (spanisiert: Ibn Zabara) sieht das Buch mit seinem Originaltitel הבשורה על פי יהודה in den hochmütigen Händen ihres Kollegen Ramon Locha (spanisch: Steinbeißer). Er liegt unter dem Schindelvordach der überwiegend gläsernen Ferrari Sky Pool Terrasse fünfzehn Metern über dem Grat einer schroffen Dolomitenwand im Trentino. Zweifellos hält ihn seine Höhenangst vor einer expansiveren Nutzung der Freifläche ab. Doch würde Ramon seine Angst niemals Argument werden lassen. Man gibt keine Schwäche zu. Gegebenenfalls leugnet man das Offensichtliche.

Enttäuscht registriert Rhoda eine arrogante Gleichgültigkeit. Ramon hat sie noch nie so ausgezogen gesehen, obwohl Rhoda und er seit vier Jahren ein Team bilden.

Rhoda zieht Bahnen. Akkurat und konzentriert und so nackt wie für eine Follower-Falle. Sie sehnt sich nach einem still begehrenden Be-Gleiter. Die geschiedene Anwältin, geboren in Jerusalem, aufgewachsen in Montreal und Saint Andrews by-the-Sea, einem Weiler an der Mündung des St. Croix River in der kanadischen Provinz New Brunswick, wohnhaft in Paris seit 2010, begütert mit einer traumhaften Kapitänsklause in Carnac im französischen Département Morbihan … Wir genießen Paris, solange wir jung sind, später geben wir der Provinz den Vorzug … Mutter eines Sohnes, der bei seinem Vater in Leeds (England) lebt, bewegt sich auf ein Entgrenzungserlebnis zu, dass das in schwindelerregender Höhe ohne sichtbare Träger installierte Becken seinen Nutzern (laut Prospekt ohne Ausnahme) beschert. Die Suggestion, frei zu schweben, löst in Rhoda Vieles gleichzeitig aus.

Wieder überwältigt sie das Gefühl, ihre Umgebung mit Coverversionen der Bürgerlichkeit zu täuschen. Wie oft hat sie schon Quellen erfunden und ihnen hochtrabende Namen gegeben. Sie spürt das Interesse der italienischen Alpinisten, die unmittelbar vor ihr eingecheckt haben und jetzt kongenial vor einer überragenden Kulisse auflaufen. Große schmale Männer mit Silhouetten wie Giacometti-Stelen. Scherenschnitte im Gegenlicht. Überdimensioniert selbstbewusst. Turiner Manager. Am-Limit-Junkies. Sie erinnern Rhoda an Black Cube-Agenten. Sie kennt den BC-Chieftan Avi Yanus. Ab und zu führt sie ihm Magnaten zu, die dafür blechen, dass Black Cube ein Bild von der Wirklichkeit designt, dass mit der Wahrheit konkurrieren kann.

„Black Cube ist ein privater Nachrichtendienst mit Niederlassungen in London, Madrid und Tel Aviv und der Handelsname von BC Strategy Ltd. Das Unternehmen wurde 2010 von den ehemaligen israelischen Nachrichtendienstoffizieren Dan Zorella und Avi Yanus gegründet.“ Wikipedia

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Rhoda ringt ihr Haar vor Ramon auf seiner Liege aus. Die Pfütze ist im Preis inbegriffen. Ramons Vater ist Campingplatzwart. Er müsste die Pfütze aufwischen. Der Sohn trägt sich so vor als sei sein Wohlstand dynastisch. Dünn wie eine Fliege, schwer wie ein Stein. Das ist ein Zitat. Rhoda weiß nicht mehr, aus welchem Buch. Ihr persönlichstes Motto stammt von Helene Dmitrievna.

„Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nichts anfasst.“

Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Er stieg in eine Menage à trois ein, von Éluard ermutigt. Elsa Jurewna Kagan, die mit Aragon glücklich wurde, befand im Gegenzug: Mit einem Mann muss einen mehr verbinden als die Liebe.