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2022-06-05 07:36:53, Jamal Tuschick

Atompilztorte

“Success is counted sweetest/ By those who ne’er succeed./ To comprehend a nectar/ Requires sorest need.” Emily Dickinson

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Gabriela Jaskullas Romanbiografie „Niki de Saint Phalle und die Pracht der Frauen“ lädt mich zur Fortschreibung ein. Die Heldin erscheint in den frühen 1960er Jahren als transkontinental aktive Avantgarde-Agentin mit Emma-Peel-Appeal und einem action-orientierten Kunstbegriff. Art-Gunner Niki „malt“ mit ihrer Flinte. Sie kollaboriert mit Jean Tinguely bei einem explodierenden Kunst-Kommentar, der kurz vor der Kubakrise auf die Fährnisse des Atomzeitalters reagiert. Der (für uns) alte Hut, dass sich die Menschheit selbst auslöschen kann, zirkuliert noch als Aufreger. Gleichzeitig sind die Nuklearwaffentests in der Wüste von Nevada touristische Attraktionen. Tausende setzen sich so freiwillig wie ekstatisch dem Fallout aus.

„Bomb Partys“ sind le dernier cri. Im Mafia-Eldorado Las Vegas hält man die Bombe für ein Geschenk des Himmels. „Atomic Drinks“ werden serviert. Ein besonders strahlendes Showgirl tritt als „Miss A-Bomb“ auf. Bereits 1946 gab es eine „Miss Nagasaki“. Sechzehn Jahre nach dem Menetekel von Hiroshima und Nagasaki kreieren Konditor:innen Atompilztorten.

Kinetische Skulpturen

Am 6. August 1945 fällt die Bombe auf Hiroshima. Siebzigtausend Menschen sterben in der Unmittelbarkeit des Detonationsgeschehens. Der Atomblitz sorgt für bizarre Formate. Hundertsechzigtausend Tote zählt man im weiteren Verlauf, bevor der Schleichtot eintrifft. Im Verlauf der kommenden Jahrzehnte werden Chronistinnen daran erinnern, wie ungerührt der erste Atombombenabwurf, kaum verschleiert als Test, in Amerika abgehandelt wurde.

Antiker Atomalarm

Sieger:innen kennen keine Reue, und wenn doch, fliegen sie aus dem Verband. Das Beste, was ihnen dann noch passieren kann, ist eine solide Krankengeschichte. Ein Beispiel liefert der angeblich bereuende, sogenannte „Hiroshima-Pilot“ Claude Eatherly, der mit der Tat unmittelbar nichts zu tun hatte, wie ein Hauptakteur mit ehrabschneidenden Absichten wiederholt erklärte.

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Bei vielen Zeitgenoss:innen des antiken Atomalarms nach Fünfundvierzig geht es ab einem bestimmten Punkt stets um die Bombe so wie Stanley Kubrick sie im Strangelove Modus sieht. Diese apokalyptische Zuspitzung vollzieht sich unter anderem in der Gleichzeitigkeit des Wettlaufs zum Mond und La dolce vita nach Motiven von Federico Fellini. Die einen schicken Hunde ins All, die anderen steigen zum Beweis ihrer Gleichgültigkeit gegenüber einer Zukunft im atomaren Winter in den Fontana di Trevi.

„Das süße Leben (Originaltitel: La dolce vita) ist ein Schwarzweißfilm von Federico Fellini aus dem Jahr 1960 …Weltberühmt wurde die Szene mit Ekberg im Trevi-Brunnen.“ Wikipedia

Fontana di Trevi © Jamal Tuschick

Art-Gunner

Auch Jean Tinguely (1925 - 1991) und Niki de Saint Phalle (1930 - 2002) arbeiten mit den Knalleffekten der Kubrick-Ära. Sie kaufen Schrott, „ausrangierte Maschinenteile, Eisen, Draht, Kühlschränke und bauten alles (1962 zuerst in Las Vegas) auf: fünf Meter hoch, sieben Meter breit, wie Tinguely penibel vermerkte“.

Die „Bumm-Skulptur“ entsteht noch einmal in der Mojave-Wüste von Nevada, gemessen am US-Maßstab nicht weit von der tiefsten nordamerikanischen Depression, dem Death Valley. Siehe Study for an End of the World No. 2.

Eingebetteter Medieninhalt

Gabriela Jaskulla, „Niki de Saint Phalle und die Pracht der Frauen“, Romanbiografie, Insel Verlag, 18,-

In der Hochzeit von John Wayne und John Ford liefert die Gegend idealtypische Hollywood-Westernkulissen. Auch als Science-Fiction-Mars funktioniert die Desert Depression.

Art-Gunner und kinetischer Bildhauer

Niki und Jean sind noch nicht verheiratet. Die Kunstkomplizen wählen eine hoch aufladbare, superikonografische, in einem endorheischen Becken gelegene Fläche namens Jean Dry Lake. Szenen aus Casino, Fear and Loathing in Las Vegas und The Hangover werden auf diesem Landschaftshotspot gedreht werden; so als führe die Verfolgung bestimmter kultureller Spuren exakt zu dieser Naturmarke. Als gäbe es vor Ort eine ursprüngliche Beschriftung, die zu Komplementärtexten einlädt. Heute wirkt die Land Art Installation Seven Magic Mountains als Signal der ungewöhnlich ergiebigen Bildfundstelle.

Art-Gunner Niki malt mit einem Gewehr. Sie baut Bomben in einem Hotelzimmer, während Jean den Schrott in eine skulpturale Einheit bringt. Er arbeitet auf einem, für ihn abgesperrten Casino-Parkplatz. Am 21. März 1962 schaffen Niki und Jean das Werk in die Wüste, wo sie es in die Luft jagen. Beide verstehen ihre gemeinsame Arbeit als politischen Kommentar zwischen Ironie einerseits und einer Beschwörung der atomaren Apokalypse andererseits.

Ihre Skulptur betrachten Niki und Jean als Objet trouvé aka Ready-made in einer Spielart des Militärisch-Industriellen-Komplexes mit Mini-Ground-Zero-Appeal. Außer Frage steht die Evidenz eines geografischen Zusammenhangs mit dem 1951 eingerichteten - und am 27. Januar mit einer Parade vor dem Abwurf eingeweihten - Nevada Test Gelände circa hundert Kilometer nordwestlich von Las Vegas.

Aus der Ankündigung

Sie wurde geliebt und gehasst, als Femme fatale bewundert und sexistisch beleidigt – die Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) war eine einzige Herausforderung für ihre Zeit. Berühmt wurde sie für ihre knallbunten Nanas, die Gartenplastiken und Brunnen, ihre selbstbewussten Auftritte und ihre »Schießbilder« – aber dahinter steckt das Schicksal einer sensiblen und oft verletzten Frau.

In der Romanbiografie begibt sich Gabriela Jaskulla auf die Spur der großen Künstlerin und erzählt, wie aus der »adeligen Lady«, dem Missbrauchsopfer und der Femme fatale die größte Plastikerin des 20. Jahrhunderts wurde – eine Künstlerin, die von einer »Stadt der Frauen« träumte und von einer gerechteren Welt.

Zur Autorin

Gabriela Jaskulla wurde 1962 in Franken geboren, wuchs in Hessen auf, lebte in Spanien, liebt Hamburg, kleinere Inseln und lebt heute bei Berlin. Sie ist Kunsthistorikerin und Journalistin, arbeitete 17 Jahre für den Rundfunk und lehrt Kulturjournalismus und Kreatives Schreiben an der Hochschule in Hannover.