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2022-05-30 05:59:13, Jamal Tuschick

“History is a nightmare from which I am trying to awake.” James Joyce

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„Inklusiv ist unsere Erinnerungskultur nicht einmal da, wo es ausschließlich um den Holocaust geht.“

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„Als 1942 die ‚Endlösung‘ beschlossen wurde, waren bereits zwei Drittel der Juden von Vilnius ausgelöscht.“

Westfälische Omertà

„Als die deutschen Armeen im Mai 1940 die Niederlande überfielen, lebten dort 140.000 Juden … Nur 5.000 von ihnen kehrten nach dem Krieg zurück.“ Quelle

Das „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“ lag fünfzehn Kilometer von Amen entfernt. Von dort fuhren die Deportationszüge nach Auschwitz und Sobibór.

„Am 20.07.1943 verließ ein Sonderzug mit 2209 Jüdinnen und Juden Westerbork. Der Zug erreichte das Vernichtungslager Sobibór am 23.07.1943. Von diesem Transport verloren bis zur Auflösung des Lagers alle ihr Leben.“ Wikipedia

2007 beginnen in Sobibór und in Westerbork archäologische Grabungen. Das als Restaurationsprojekt zum Denkmal gewordene Lager, zählt zu den touristischen Sehenswürdigkeiten im Naturschutzgebiet Hingsteveen.

Das Phänomen schildert Charlotte Wiedemann in ihrer Analyse redlicher und bigotter Gedenkpraktiken am Beispiel des Stammlagers VI K (326) nahe Stukenbrock im Kreis Gütersloh. Auch dieses Lager wurde in einen ökonomischen „Begriffskosmos katapultiert: Machbarkeitsstudie, Mobilitätskonzept, Einbettung in regionale touristische Infrastruktur – es gibt ja den Safari-Erlebnispark nebenan“. Dies geschah nach Jahrzehnten aller möglichen Versäumnisse. Für eine Safari des Grauens standen jene Millionen zur Verfügung, die den Opfern vorenthalten worden waren.

„Nun fließt Geld, das den Leidtragenden des Lagers zu Lebzeiten als Entschädigung verwehrt wurde.“

Charlotte Wiedemann, „Den Schmerz der anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis“, Propyläen, 22,-

Blickdicht verbarg der Mantel des Schweigens den Schauplatz von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ausgestoßen wurde, wer gegen die westfälische Omertà verstieß.

„Die zivilgesellschaftliche Kultur des Erinnerns“ etablierte sich vor Ort in Opposition gegen die herrschende Meinung der Verschweiger:innen. Blumen für Stukenbrock kam besonders früh; viele Graswurzelinitiativen entstanden in den 1980er-Jahren.“

Erinnerungspolitische Mauer

„Und Europa, verwahrlost, gehüllt in ein raues Laken“ Tomas Venclova

„Gegen Hitler zu sein, hieß: über Stalin zu schweigen.“ Heiner Müller

Vor dem Hintergrund der aktuellen russischen Aggression und Putins postsowjetischem Hegemonialpostulat versteht man noch einmal anders und besser hoffentlich, was die Balt:innen seit Jahrzehnten umtreibt in jenem Herzen von Mitteleuropa, dass für Ignorant:innen viel zu lange bloß osteuropäische Peripherie im Hinterhof einer regressiven Weltmacht war.

Während der geografische Mittelpunkt Europas mit einem topografischen Detail in Litauen koinzidiert, es handelt sich um eine Stelle bei Purnuškės, verläuft die „erinnerungspolitische Mauer zwischen West- und Osteuropa“ da, wo die einen Nationalsozialismus und Stalinismus für „Verbrechen in vergleichbarer Größenordnung“ halten und die anderen, diese Gleichsetzung für unzulässig halten.

“When the Soviets occupied Lithuania, a year before the Nazi invasion, they dissolved the Jewish organizations, closed the Jewish newspapers, imprisoned most of the Zionist leadership and exiled thousands of Jews to Siberia.” Joseph A. Melamed

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In totalitären Gesellschaften „badet und atmet … (man) in der Lüge … in jedem Augenblick seiner Existenz (wird man) von der Lüge versklavt“. Alexandre Koyré

In Osteuropa, so Wiedemann, dominiert „die Erinnerung an die Opfer stalinistischer Verbrechen die Erinnerung an die Shoah“. Positionen, die in Deutschland revisionistisch sind, unterliegen in den baltischen Ländern anderen Diskursen. Nirgendwo kam der Nationalsozialismus der ‚Endlösung‘ näher als in Litauen. Man vernichtete eine von Jüdinnen und Juden beinah paritätisch-geprägte Gesellschaft.

„Judentum, das bedeutete (1935) in Vilnius mehr als hundert Synagogen und Gebetshäuser, es bedeutete Geistesleben, Bibliotheken, Parteien, Gewerkschaften.“

„Wir wurden auch spirituell ermordet“, erklärt eine Jüdin Wiedemann in Vilnius, eines das Jerusalem des Ostens. Die Autorin erlebt die Gewährsfrau als ein Mensch gewordenes „Kunstwerk des Gedenkens“.

Militante Aversion

„Litauen hatte die schlechteste Bilanz aller von den Nazis besetzten Länder. Fast 94 Prozent des litauischen Judentums wurden während der deutschen Besatzung vernichtet. Die meisten Morde wurden von den Litauern ausgeführt. Das Abschlachten unschuldiger Menschen wurde mit unglaublicher Geschwindigkeit und Brutalität durchgeführt.“ Joseph A. Melamed, Quelle

Die litauische Erinnerungskultur versteift sich im Pathos des antisowjetischen Widerstands. Die Auf- und Ablehnung schuf einen elastischen Mythos, der sich seine Updates im kollektiven Gedächtnis nach wie vor garantiert. Litauische Nazi-Kollaborateure, die Jüdinnen und Juden ermordeten, und in den Nachkriegsjahren als Partisanen im Kampf gegen den UdSSR-Usurpator fielen, avancierten zu Nationalhelden. Die Glorifizierung der militanten Aversion gegen die sowjetische Fremdherrschaft „überblendet“ die nationale Schuld im Zusammenhang mit der Ermordung litauischer Jüdinnen und Juden.

In einer „radikalen Ausweitung“ der offiziellen Definition wird zudem der sowjetische Terror in Litauen als Genozid dargestellt.

Bald mehr.

Unfreie Befreier

„Der eigene Schmerz wird meist für bedeutsamer gehalten als der Schmerz der Anderen.“

Die Kluft zwischen weißer und Schwarzer Erinnerung

Auf der Triumphbühne der Sieger:innen über Nazideutschland sieht man nur Weiße. Obwohl „Millionen Menschen aus Europas Kolonien zum Sieg“ über den Faschismus beitrugen, verweigert ihnen das kulturelle Gedächtnis eben jene Würdigung, mit der wir die Freiheitsgewinne der Altvorderen bedenken.

Die Autorin weist auf einen wenig beachteten, ein toxisches Missverhältnis implizierenden Umstand hin. Viele Schwarze Soldaten kämpften unter rassistischen Befehlshabern gegen ein rassistisches Regime. Schwarze GIs trugen ihren Teil unter den Bedingungen weitreichender Segregation bei. Sie mussten mit der Absurdität leben, dass ihre deutschen Feinde als Einwanderer in Amerika ad hoc mehr Rechte beanspruchen konnten als sie.

Charlotte Wiedemann spricht von der Macht des Gedenkens. Sie schreibt:

„In Dachau durchbrach ein Afroamerikaner, William McBurney, mit seinem Panzer als Erster das Lagertor.“

Es gibt dazu eine Diskussion, die sich auch auf Buchenwald erstreckt. Aus der New York Times:

“Mr. Rappaport, the Sixth Division veteran, said: ‘I got in touch with Bill Miles, who was very polite. I told him our division was the Sixth Armored and that we liberated Buchenwald. I was there. I saw no black troops.’” Quelle

Bezogen auf McBurney, entdeckt man die abschwächende Einlassung, McBurney sei zwar in Dachau gewesen, jedoch nach der Befreiung – “after the camp’s liberation“. Quelle

Gleichwohl steht als ungeheuerlicher Vorgang außer Frage, dass „Unfreie für die Freiheit kämpften“.

„Als die Wehrmacht in Frankreich einfiel, machten Afrikaner bereits einen beträchtlichen Teil der französischen Armee aus; die Infanterie bestand zu fast vierzig Prozent aus Maghrebinern.“

Die französische Erinnerungspolitik gibt das nicht wieder.

Kein Schulterschluss im Schützengraben

Wiedemann skizziert die Laufbahn eines Angehörigen der Tirailleurs Sénégalais. Addi Bâ trat 1939 in die französische Armee ein. Er geriet in Gefangenschaft. Ihm glückte die Flucht. Er schloss sich der Résistance an und kämpfte für Frankreich bis zur zweiten Gefangennahme am 18. November 1943, die mit seiner Hinrichtung endete.

Es gab keinen einschlägigen Schulterschluss im Schützengraben. Die Politik der Herabsetzung unter kolonialen Vorzeichen endete nicht auf den Schlachtfeldern. Die institutionalisierten Erniedrigungen waren einfallsreich. So hatten „die Uniformen der King’s African Rifles keine Hosenschlitze …; die Männer mussten beim Urinieren stets die Hosen herunterlassen“.

Frantz Fanon erlebte, so Wiedemann, als Freiwilliger auf den europäischen Schlachtfeldern die vollständige Desillusionierung. Nichts verband Schwarze und PoC mit ihren Mutterländern, dass nicht mit Demütigungen kontaminiert gewesen wäre.

Tage des Ruhms (Indigènes) ist ein Meilenstein auf dem Weg, dass kulturelle Gedächtnis genauer und umfassender werden zu lassen. Der Spielfilm schildert eine (auf weißen Plattformen ignorierte) rassistische Ungerechtigkeit, deren Selbstverständlichkeit ein eigenes Sujet bildet.

Eingebetteter Medieninhalt

Eine maghrebinische Einheit verblutet bei der Verteidigung eines Dorfes bis auf einen Infanteristen. Der Überlebende muss erleben, wie nachgerückte, vor Ort überhaupt nicht zum Schuss gekommene weiße Soldaten der französischen Armee sich mit Einheimischen auf einem „Siegerfoto“ verewigen und sich als „Befreier der Vogesen“ feiern (lassen).

Wiedemann verweist darauf, dass der lokale Fokus ein nationales Ziel verkleinerte.

„Der Sieg sollte weiß sein.“

Der staatliche Selbstbetrug hielt vor. Erst sechzig Jahre nach dem D-Day gehörten erstmals auch Schwarze Repräsentant:innen zu den Ehrengästen eines Gedenkgroßereignisses im ehemaligen „Mutterland“.

Wiedemann erwähnt ein Denkmal aus den 1990er Jahren in „Malis Hauptstadt Bamako“. Die Autorin zitiert die anmaßende Widmung: „In Anerkennung den Adoptivkindern Frankreichs, gestorben im Kampf für Freiheit und Zivilisation.“

So als hätte in Afrika irgendwer um seine europäische Bevormundung gebeten; so als ließe sich im Zusammenhang mit Kolonialismus noch etwas anderes konstatieren als Ausbeutung.

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„Obwohl die Mehrzahl der (von Japan provozierten) Kampfhandlungen in China und Südostasien stattgefunden hatten“, allein China beklagte zwanzig Millionen Opfer des japanischen Angriffskriegs, tauchen „die asiatischen Nachbarländer … (im) japanischen Erinnerungsdiskurs“ nicht auf. Die japanischen Aufarbeitungs- und Gerichtsprozesse nach dem II. Weltkrieg erschöpften sich im Verhältnis zu dem übermächtigen Gegner USA, der mit einer Mischkalkulation aus Anpassung, Unterminierung und Schmähung behutsam weiter bekämpft wurde.

La Valise ou le Cercueil - Koffer oder Sarg*

*Der Slogan kursierte seit 1946 auf Flugblättern der Algerischen Volkspartei.

Dem Dekolonisierungsfuror zum Trotz, stand die konkrete Nachkriegsordnung auf einem Sockel weißherrlicher Gewissheiten. Die Beförderung Großbritanniens und Frankreichs zu ständigen Mitgliedern im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ignorierte die Tatsache, dass beide Staaten in ihren überseeischen Territorien wüteten und Vorstellungen von weiß-imperialer Suprematie in ihrer Politik perpetuierten.

Wiedemann analysiert den Algerienkrieg (1954 - 1962). In diesem Konflikt sahen sich französische Intellektuelle zu Vergleichen mit dem faschistischen Deutschland veranlasst. Insofern ergaben sich Verbindungslinien zur Résistance.

„Häufig waren es dieselben Männer, die erst für Frankreich gegen Deutschland kämpften und dann für Algerien gegen Frankreich.“

Die staatliche Repressionsbereitschaft hing an einer großen Glocke. Rassistisch konnotierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit fanden keineswegs im Verborgenen statt. Die Bürger:innen des Globalen Norden nahm die Publizität des Grauens in die Pflicht, entweder ihre Gleichgültigkeit oder ihre Gegnerschaft zu erklären.

Unter den deutschen Unterstützer:innen der algerischen Unabhängigkeitsbewegung stach Winfried Müller als schillernde Figur hervor.

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„Wir sind ein Land, wohin man Lebensmittel spendet, deren Verfallsdatum abgelaufen ist; wir sind ein Abfallland.“ Ein Kambodschaner

Wiedemann weist auf gravierende Unterschiede bei der Betrachtung von Völkermorden hin. Der Blutrausch der Roten Khmer am eigenen Volk wurde im Schatten geostrategischer Hegemonialansprüche durchgewunken.

„So erzählt Kambodscha bis heute von einem Menschheitsverbrechen im schlecht beleuchteten Hinterhof der Weltgeschichte.“

Wiedemann wünscht sich, „dass sich Begriffe wie Peripherie und Zentrum einmal auflösen, wenn es um die Lehren aus den großen Fehltritten der Menschheit geht“.

Aus der Ankündigung

Über Erinnerung und Solidarität

Orientierung und Ermutigung zum Handeln: Wege zu einer neuen Gedenkkultur

In einem Moment, in dem hitzige Feuilleton-Debatten den Eindruck erwecken, es ginge um einen kurzlebigen Positionsstreit, stellt Charlotte Wiedemann klar: Was wir erleben, ist eine Zeitenwende – wir müssen unsere Haltung zur deutschen Geschichte aus einer kosmopolitischen Perspektive neu begründen. Das heißt: nicht-europäische, nicht-westliche Sichtweisen ebenso einbeziehen wie die Ansprüche einer jungen, diversen Generation in Deutschland. Wie lässt sich in Zukunft an den Holocaust und an die kolonialen Verbrechen erinnern? Globalhistorisch fundiert und persönlich zugleich denkt Charlotte Wiedemann die Idee des Antifaschismus neu und entwirft ein empathisches Gedenkkonzept für unsere Zeit.

Zur Autorin

Charlotte Wiedemann, geboren 1954, ist freie Auslandsreporterin, ihre Beiträge erschienen u.a. in Geo, Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, Merian und Le Monde Diplomatique. Sie gehört dem Wissenschaftlichen Beirat des Zentrums Moderner Orient in Berlin an und hält Vorträge zu interkulturellen Themen und zur Erinnerungskultur. Sie ist Kolumnistin der taz und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt erschien Der lange Abschied von der weißen Dominanz (2019).