MenuMENU

zurück

2022-03-16 07:52:35, Jamal Tuschick

Trugbild der Lieblichkeit

Zu Allerheiligen 1755 forderte das große Erdbeben von Lissabon auf der Stelle dreißigtausend Tote. Goethe fasste das Glück im Unglück:

„Und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist.“

Das Ereignis bestimmte die Richtung des aufgeklärten Katastrophendiskurses. Es transformierte das europäische Denken nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass zwar so gut wie alles in der Erde versank, dass Rotlichtquartier Alfama aber verschont blieb. Der als maurische Siedlung ursprüngliche Bezirk lag höher als die übrige Stadt. Während die Kathedralen im Furor eines dreifachen Angriffs - Erdbeben/Tsunami/Feuer - zusammenbrachen, widerstanden die Bordelle auf ihrem Felsfundament.

Während das Ausmaß der portugiesischen Verheerungen seine Konturen allmählich erkennen ließ, wurde in Paris getanzt. Die Feststellung dieser Gleichzeitigkeit verdanken wir Voltaire. Für Goethe gewann die Kunde vom Beben und der mit dem Beben einhergehenden „Wasserbewegung“ (Immanuel Kant) aka Tsunami die Kraft eines Schlüsselerlebnisses:

„Durch (das) außerordentliche Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert.“ (Originale Rechtschreibung aus „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“)

Voltaire dichtete empathisch: „Betrogene Philosophen. Ihr schreit: „Alles ist gut!“

Er riet der Gemeinde: Kommt her und seht selbst. Guckt euch das Desaster an … die schwelenden Ruinen und abgesprengten Gliedmaße.“

Voltaire verlor seinen Glauben an die Gleichzeitigkeit von harmloser Geselligkeit und massenhaftem Sterben.

Rombo

Der Titel bezeichnet einen alarmierend aufsteigenden Nachhall unterirdischer Ausbrüche, die, so überliefert es eine Quelle des 19. Jahrhunderts, in Kalabrien il rombo genannt wird. Esther Kinsky zitiert den Geologen Friedrich Hoffmann (1797 - 1836) mit einer poetischen Fassung der Präliminarien von Erdbeben.

Subterrestrischer Donner/Erdgeschichtliche Theatralik/Tektonisches Furiosa

Die Autorin eröffnet ihren Reigen mit einer narkotisierenden Schilderung der voralpin-norditalienischen Region Friaul-Julisch Venetien. Die Gegend prägt sich auf dem erdgeschichtlich-gewaltsamen Stillstand einer Stirnmoräne aus. Esther Kinsky exponiert die titanische „Materialverschiebung“. Der nicht begradigte Verlauf des Tagliamento dient einer vehementen Ursprünglichkeit als metaphorischer Notnagel. Bei guter Sicht sieht man die Lagune von Grado.

Esther Kinsky, „Rombo“, Roman, Suhrkamp, 24,-

„Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.“

In Esther Kinskys Paraphrase wächst sich der Aphorismus von Cees Nooteboom aus:

„Die Erinnerung ist ein Tier, das aus vielen Mäulern bellt.“

Anselmo, ein Gemeindearbeiter, der sich gern und kompetent auf dem Friedhof zu schaffen macht, und den Leuten leutselig „Risse in den Wänden der prunkenden Familiengrabstätten“ zeigt, so dass sie wissen, was Grabstellen in dem unsicheren Gebiet blüht, erscheint als erster Zeuge jener Katastrophe, der sich Kinsky mit einnehmend-ausufernden Bildern nähert.

Im Präsens der verlorenen Zeit

„Die Sonne ist ein grelles Loch in den Wolken an dem Tag, sie brennt den Kindern auf den Nacken, bis es weh tut.“

Anselmo und seine Schwester sind zum Heumachen verdonnert. Eine Großmutter treibt sie an. Die Geräusche des Dengelns entbehren das vertraute Volumen. Ein zahmer Grünfink aus der Nachbarschaft schreit aber seinen Warnruf so aufgeregt wie bei einem Großbrand heraus. Das Tier weiß, was die Menschen noch nicht einmal ahnen.

Es ist der 6. Mai 1976. Auf dem zeitlich und räumlich engsten Vorhof einer Katastrophe, mit der Kraft, sich in das kollektive Gedächtnis einzuschreiben, wandert ein Schatten über die Schneefelder unter dem Gipfel des Kanin.

Gigi kommt vom Holzschlagen aus dem Wald. Eine tote Schlange auf dem Weg stellt sich ihm als Omen dar. Ein Kuckuck ruft. Die Hunde im Dorf sind unruhig, die Ziegen störrisch.

Toni räuchert mit seiner Mutter Käse. Silvia erwartet am Dorfrand ihren Vater, der lange weg war. Musiker:innen treffen sich zu einer öffentlichen Probe. Beschaulichkeit greift um sich, bis in der neunten Abendstunde ein tektonisches Furiosa einsetzt.

„Der Boden tut sich auf, Häuser stürzen ein, Menschen und Tiere werden unter Trümmern begraben.“

Die Autorin erwähnt die „Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Bebens (und seine) Stoßlinien als Kategorien der wissenschaftlich-technischen Auffassung eines gewaltigen Erschreckens.

„Das Erdbeben … am Donnerstag, den 6. Mai 1976, um 20:59 Uhr (MEZ) erschütterte (das Friaul) ... eine Minute lang ... insgesamt kamen bei der Katastrophe 989 Menschen ums Leben … Am 11. September „gab es zwei Erdstöße … viele Gebäude (wurden) vollends zerstört, die schon am 6. Mai beschädigt worden waren. Weitere 30.000 Menschen wurden obdachlos.“ Wikipedia

Trugbild der Lieblichkeit

Kinsky nähert sich den seismischen Verheerungen von seinen Bedeutungsrändern und anderen Nebenstellen der Bestandsaufnahme nach einem Unglück. So sind die Öfen der Kalkbrenner unversehrt geblieben. Die Artefakte eines uralten Handwerks sind zwar noch in Betrieb, aber auch schon archäologische Kleinode. Die Ungleichzeitigkeit wirkt sich überall in der erschütterten Zone aus: historisch einem Refugium für Partisanen, Deserteuren und Wilderern; Transitraum von jeher.

„Unzählige kamen hier durchgezogen, brachten, nahmen, lernten, gingen weiter. Goldholer und Glasbringer, Kriegslustige, Kriegsmüde, Kriegsversehrte.“

Kinsky erkennt, wie brüchig jedes menschliche Wir an diesem Ende einer Gletscherbremsspur immer schon war. „Lawinen, Schlammbäche, Muren“ begruben die Anstrengungen von Generationen und bedrohten permanent das mit der Landwirtschaft verbundene Leben.

Die Autorin erkundet den Parallelverlauf zwischen der Statale 13 und dem Tagliamento. „Im Schatten von Autobahnstelzen“ hütet eine Frau einen Verkaufsstand, den vor Trockenheit raschelnde Knoblauchkränze dekorieren. Die Händlerin bietet ruralen Kitsch an: „bestickte Servietten, Wurzelschnitzereien, Kieselsteine mit aufgemalten Miniaturen vom Alpenglühen und von Hirten mit Ziegen“.

Die Vorgebirgsidylle zerfällt zweimal. Einmal im Durchrauschen des Verkehrs und noch einmal in der kleinlichen Unbeholfenheit jener Zeichen, die das Eigentümliche markieren sollen.

Das männlich-juvenile Programm variiert das Herumlungern. Die Energischen, vom Ehrgeiz Angestoßenen kommen nur zu Besuch ins Herkunftshabitat. Sie beanspruchen Raum in den Metropolen. Da, wo es eng ist, und der Meter teuer.

Vor Ort gehören dir Hügel und Täler wenigstens für die Stunden deiner Wanderung. Du musst dich nur von den Versorgungsstationen entfernen. Du genießt den Anblick einer vom Moos drapierten Felsnase.

Kinsky ist eine Meisterin der Naturerzählung. Jeder Blick erfasst eine bewegte Angelegenheit zwischen Berg und Tal, Hügel und Senke, Massiv und Krume, Granitvertikale und landwirtschaftlichem Bodenhorizont.

Kinsky sichert Wetterscheiden und Sprachinseln. Das Furlanische, Resianische, Slowenische und Deutsche existiert neben und unter dem Azuro-Adrianischen im aufgelassenen Patriarchat von Aquileia. 1944 existierte hier die Partisanenrepublik Karnien. Karnien und Kärnten bildeten eine politische Einheit. Sie hängen noch etymologisch zusammen. Fast alle Wege beginnen und enden vor einem Gasthaus. Die Konstellation ist älter als der Tourismus und die Gemütlichkeit gelinder Anstiege in praktischer Allwetterkluft. Ta Lipa Pot, la bella strada, der Schöne Weg führt von Stolvizza/Solbica, dem Dorf der Scherenschleifer, ins Résiatal.

„Wie ein Trugbild der Lieblichkeit“ liegt da eine Alm.

Aus der Ankündigung

Im Mai und im September 1976 erschüttern zwei schwere Erdbeben eine Landschaft und ihre Bevölkerung im nordöstlichen Italien. An die tausend Menschen sterben unter den Trümmern, Zehntausende sind ohne Obdach, viele werden ihre Heimat, das Friaul, für immer verlassen. Die Materialverschiebungen infolge der Beben sind gewaltig, sie bilden neues Gelände, an denen sich die Wucht des Eingriffs ablesen und in die Begriffe der Naturkunde fassen lässt. Doch für das menschliche Trauma, für die Erfahrung der plötzlich zersprengten Existenz, lässt sich die Sprache nicht so einfach finden.

In Esther Kinskys neuem, noch vor Erscheinen preisgekröntem Roman berichten sieben Bewohner eines abgelegenen Bergdorfs, Männer und Frauen, von ihrem Leben, in dem das Erdbeben tiefe Spuren hinterlassen hat, die sie langsam zu benennen lernen. Von der gemeinsamen Erfahrung von Angst und Verlust spleißen sich bald die Fäden individueller Erinnerung ab und werden zu eindringlichen und berührenden Erzählungen tiefer, älterer Versehrung.

Esther Kinsky wurde 1956 in Engelskirchen geboren und wuchs im Rheinland auf. Für ihr umfangreiches Werk, das Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen ebenso umfasst wie Lyrik, Essays und Erzählprosa, wurde sie mit zahlreichen namhaften Preisen ausgezeichnet.