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2022-03-03 07:17:09, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

Bobos Bereich

„Bobos Bereich“ ist eine Kammer mit Bad und „Küchenzeile“ in einer luxuriösen Münchner Wohnung nahe dem Leopoldpark. Ein markanter Punkt der Gegend ist der Schweinchenbau. So nennt der Volksmund ein Hochschulgebäude. Die Nachbarschaft erstreckt sich angenehm zwischen Friedrich- und Leopoldstraße. Da wohnt man gern, so wie dann auch die abgebrochene Lehramtsstudierende Franziska, ihr kleiner Frieder und Ehemann Coordt. Dem Paar mit Kleinkind fällt die Prachtetage zu. Den Mietvertrag ergänzen Vereinbarungen mit Bobo, die ein störungsarmes Miteinander garantieren sollen.

Coordt füllt die Rolle des Ernährers unter erschwerten Bedingungen aus, „da die Zeit der Frauen gekommen“ ist. Bei einer Beförderung erfährt Coordt: „Es sei nicht einfach gewesen, ihn als Mann durchzusetzen.“

Natalie Buchholz, „Unser Glück“, Roman, Penguin, 218 Seiten, 20,-

Coordts Chef lobt den Aufsteiger für dessen „weiblichen Züge“.

In der Akklimatisierungsära nutzt Bobo sein Habitat mit allen Vorzeichen der Zurückhaltung. Er übt sich in Unsichtbarkeit im Verhältnis zu den Hauptmieter:innen. Kaum je verlässt er seine Exklave. Coordt weiß das deshalb so genau, weil er in einem Zustand zwischen Obsession und Sicherheitserwägungen Bobos Gewohnheiten spitz zu kriegen versucht. Ein Hauch von Shining liegt in der Luft.

Diabolische Offerte

Erst wird Coordt nicht schlau aus dem schüchtern-sinistren Untermieter. Dann bootet ihn Bobo aus. Plötzlich trumpft er als Eigentümer der Wohnung auf. Er macht Franziska ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann.

Coordt findet sich in einer möblierten Bleibe in Neubiberg, „zwanzig Kilometer von seinem Sohn und seiner Frau entfernt“ wieder.

Natalie Buchholz‘ akkurate Erzählweise lässt einen den Horror im Roman leicht überlesen. Sobald man anfängt, sich die Geschichte klarzumachen, erkennt man, wie raffiniert gruselig sie erzählt wird. Die Autorin seziert einen Verrat, der sich im Ungemach schräger Konstellationen manifestiert. Franziskas Bindungselastizität und mangelnde Haftung lösen Erosionsprozesse in ihrer Ehe aus.

Bobo degradiert Coordt mit einem doppelten Versprechen: Franziska die Wohnung zu schenken, wenn sie ihn bis zu seinem Tod umsorgt, und schnell zu sterben. Die diabolische Offerte droht für Coordt zur Lebensfalle zu werden. Der Düpierte fängt an, seine ehemals häuslichen Verhältnisse zu stalken, obwohl Bobo jedwede Annäherung an sein Revier verboten hat.

Aus der Ankündigung

Es ist die Chance ihres Lebens: Coordt und Franziska, junge Eltern in München, können mit ihrem kleinen Sohn in eine große, bezahlbare Altbauwohnung in bester Lage ziehen. Doch das Angebot hat einen Haken: Sie sind nicht allein. Verlockt von der Aussicht auf Immobilienbesitz, der jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten liegt, lassen sich Coordt und Franziska auf einen Pakt ein, der ihre Liebe auf eine harte Probe stellt. Das Leben in der neuen Wohnung beschleunigt und vertieft bereits vorhandene Risse in ihrer Beziehung. Die einmalige Gelegenheit entpuppt sich als Beziehungsfalle. Ausweg ungewiss.

Natalie Buchholz entwirft in klarer, rhythmischer Prosa ein Szenario, dem man sich nicht entziehen kann. Ein Roman, der die Fragilität von Beziehungen wie unter einem Brennglas offenlegt und zeigt, wie verbesserte Lebensumstände neue Energien freisetzen, materielle Zwänge gleichzeitig aber auch zerstörerisch wirken können.

Natalie Buchholz, 1977 in Frankreich geboren, studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim und an der Université Aix-Marseille. 2018 erschien ihr Romandebüt »Der rote Swimmingpool«. 2020 wurde sie mit dem Spiegelungen-Preis für Minimalprosa ausgezeichnet. Die Autorin lebt und arbeitet in München und im Inntal.