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2022-03-01 07:03:24, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

Freeze for Freedom © Jamal Tuschick

Das Mädchen aus dem Donbass

Komplizinnen des männlichen Blicks

Ihren illuminierten Aufzeichnungen „My Body. Gespräch unter Freundinnen“ stellt Emily Ratajkowski ein Motto voran, dass ein weites Feld abklärt.

„Man malte eine nackte Frau, weil man sie gern betrachtete; man gab ihr einen Spiegel in die Hand, nannte das Gemälde Eitelkeit und verurteilte damit moralisch eben jene Frau, deren Nacktheit man zum eigenen Vergnügen abgebildet hatte.

In Wahrheit jedoch hatte der Spiegel eine andere Funktion. Er sollte die Frau zur Komplizin machen, sodass auch sie sich zuallererst als Anblick begriff.“

John Berger, Sehen: Das Bild der Welt in der Bilderwelt

Fürsorgliche Zerstörerin

Sofi Oksanens Heldinnen sind (von den Verhältnissen erpresste) Komplizinnen des männlichen Blicks. Ihr Konfektionsgrößenverständnis stammt aus dem Katalog des übergriffigen Begehrens in den Grenzen einer cis-heterosexuellen, kapitalistisch-patriarchalen Welt. Oksanens schonungslose Schilderungen implizieren die Kritik. Sie zeigen eine Infamie, für die es keine Allgemeinplätze gibt.

Sofi Oksanen, „Hundepark“, Roman, auf Deutsch von Angela Plöger, Kiepenheuer & Witsch, 23,-

Daria stammt aus dem ostukrainischen Donbass. Die Armut ihrer Familie unterwirft sie dem brutalen Regime einer kriminellen Kinderwunschindustrie. Sie verdient Geld als Eizellspenderin. Zum Job gehört es, schön und gesund zu erscheinen. Die Frauen, die sich das Follikelangebot einverleiben, versprechen sich von Darias Vorzügen die Exzellenz ihrer komplex eingehandelten Kinder.

Auf dieser Folie funktioniert die Legende von der modelnden Studierenden im Spagat zwischen Shooting, Shopping und Studium. Daria punktet mit den Klischees einer unbeschwerten Existenz, während sie in Wahrheit zugrunde gerichtet wird. Niemand erkennt das besser als ihre fürsorgliche Zerstörerin Olenka.

Olenka führt Daria in eine labyrinthische Irre. Sie dirigiert, inszeniert und retuschiert nach einem Vernichtungsschema. Sie vergeht sich voluntativ.

Daria werden nicht nur Eizellen entnommen. Sie verliert auch ihre Identität an eine soziale Attrappe, die den Bedürfnissen der Kundschaft entspricht. Der prekär Sozialisierten dichtet man eine olympische Umgebung an. Dabei wird das biografische Beet zerpflückt und zertrampelt.

Ich habe Olenkas Laufbahn bereits skizziert. Siehe.

Zwischen Organspende und Prostitution

Sofi Oksanen erzählt vom Kinderwunsch als Treiber eines Geschäfts, in dem die erwerbsmäßige Oozyten Spende und Leihmutterschaft in einem Rahmen angeboten wird, in dem Prostitution, Escort Service, Laufstegarbeit, Organhandel und die flankierende Kriminalität Platz haben.

*

Die Exploitierten sind nur in der kurzen Spanne der adoleszenten Fitness im Rennen. Die Erzähler resümiert: „Ich verfolgte Natalja Wodjanowas schwindelerregende Karriere auf den Titelseiten der Vogue. Ich erinnerte mich gut daran, wie schnell die sowjetischen Gesichtszüge aus der Mode gekommen waren, obwohl noch kurz zuvor alle großen Filmrollen an Gesichter mit eben diesen Merkmalen vergeben worden waren.“

Die Realität im Romanreservat

Putin ist schon in der Ukraine: im Tarnfleck der Freischärler:innen. Der Aggressor spielt den Bedrohten, um an den Verhandlungstischen abzustauben. Wer je in einer Küche gearbeitet hat, kennt das Konzept. Man erhitzt so viel Wasser wie möglich; man nebelt die Küche ein. So entsteht der Eindruck, die waltenden Kräfte seien titanisch und nicht mehr zu toppen und zu stoppen, obwohl da nur heiße Luft ist. Längst zersetzt hybride Kriegsführung unsere Wirklichkeitsbegriffe. Sofi Oksanen verschafft in ihrem Roman „Hundepark“ der Realität Respekt.

„Meine Mutter hatte erzählt, dass die jetzige Volksrepublik Donezk manchen Menschen ihr Zuhause genommen und anderen die Chance geboten hatte, zu Reichtum zu gelangen, denn es gab genug Vermögen, das die Flüchtlinge zurückgelassen hatten. Manche schlossen sich freiwillig den Truppen der Separatisten an, andere wurden gewaltsam eingezogen, während Deserteure erschossen wurden. Wieder andere schlossen sich den Separatisten an, weil sonst ihr Zuhause und ihr sonstiges Eigentum beschlagnahmt und die Angehörigen vertrieben worden wären.“

Ranziger Lippenstift - Was zuvor geschah

Ein Dorf in der südukrainischen Oblast Mykolajiw. Die Leute sind da so arm, dass sie Schlafmohn anbauen und Rohopium produzieren. Sie selbst halten sich an schwarzgebrannten Schnaps. 2006 kehrt Olenka, die fern aller glamourösen Verheißungen so lange als Fotomodell jobbte, bis sie keine Aufträge mehr bekam, in die Dürftigkeit zurück. Ihre verwitwete Mutter haust inzwischen mit einer gleichfalls verwitweten Schwester zusammen. Die Mäntel der toten Gatten hängen im Flur. Sie sollen die Anwesenheit von Männern vortäuschen.

Olenkas Vater wurde ermordet. Der gebürtige Ostukrainer war nach dem Zerfall der Sowjetunion mit seiner Familie aus Estland in seine erste Heimat zurückgekehrt. Fotos des Verstorbenen erinnern Olenka an ihre, vom Tschernobyl-Menetekel überschattete Kindheit im Bergwerksmilieu von Snischne. Ausgesetzt war sie Belastungen im Spektrum von „Asbest, Rauch, Pestizide, Strahlung, Blei und einer ganzen Reihe weiterer Gifte“.

Olenka erlag an der Schönheitsfront im ewigen Kampf gegen den Hunger und die Konkurrenz. Sie beobachtet eine „Schar hoffnungsvoller Mädchen, (im Bus) unterwegs zum Hotel Palace, in dessen Konferenzräumen Brautschauen für ausländische Junggesellen veranstaltet“ werden. Die Elevinnen verwandeln das Verkehrsmittel in einen Schönheitssalon. Sie verwenden seit Jahren nicht gereinigte Puderquasten und „ranzige Lippenstifte“. Olenka bringen die Hoffnungsüberschüsse des Nachwuchses auf zwei Geschäftsideen.

Sie möchte sich als Dolmetscherin oder Visum-Agentin auf dem florierenden Heiratsmarkt etablieren. Sie elaboriert die Aussichten ihres Engagements. Die potentiellen Bräute kaschieren ihre biografische Pomeranz mit physischer Präsenz. Andere Defizite lassen sich so leicht aber nicht kompensieren. Ein eklatanter Mangel an Weltläufigkeit entfaltet seinen Reiz nur, wenn er den Aushandlungsprozess nicht stört.

Die Geschäftstüchtigkeitsphantasie kollidiert mit dem Nepotismus, der alle Glieder der Gesellschaft beherrscht. Sofi Oksanens Heldin kann sich auf niemanden berufen. Schließlich will sie nur noch als schönes Gesicht im Widerstand anheuern.

„Bei den Demos werden hübsche Gesichter gebraucht. Das Geld bekommt man bar auf die Hand.“

Olenka wendet sich an eine Vermittlungsstelle in Dnipropetrowsk. Man bestellt sie zu erstaunlich großzügigen Konditionen ein. Deshalb hält Olenka die Protest-Casting-Agentur-Applikationen für die Abdeckung einer Organhandelsorganisation. Olenka ist so verschlissen, dass sie nach dem Strohhalm greift; bereit, sich bis an die Grenzen der Überlebensfähigkeit ausweiden zu lassen.

Oksanen schildert Olenkas Opfergang durch die Korridore des Eizellspenderinnen- und Leihmutterschaftswesens. Auf einer zeitlich versetzten Parallelspur nähert sich die Autorin aus der entgegengesetzten Richtung und erzählt, wie das Opfer zur Täterin wurde. Olenka stieg in dem System zur Koordinatorin auf. Sie protegierte und plünderte die ihr von Kindesbeinen an bekannte Daria.

*

Zehn Jahre nach ihrem Eintritt in ein Schattenreich der Reproduktionsmedizin, lebt Olenka als Untergetauchte in Helsinki. Da stöbert Daria die von ehemaligen Kompliz:innen Gejagte auf. In einer grandiosen Eröffnungsszene betrinken sich die Frauen. Olenka spekuliert über den Radius der vermeintlichen Rächerin.

„(Daria) schnappte sich (meinen) Pass aus meinen widerstrebenden Fingern, bog mit professionellem Griff die roten Deckel und stellte fest, dass er echt war.

‚Die finnische Staatsangehörige Ruslana Toivonen.‘

Sie horchte dem Namen nach.

‚Wer ist Ruslana Toivonen?‘

‚Das weiß ich nicht. Eine Ukrainerin, die mit einem Finnen verheiratet ist. Sie zog nach Schweden und hat aus Geldnot ihre Papiere verkauft.‘“

Aus der Ankündigung

Die preisgekrönte finnische Bestsellerautorin Sofi Oksanen führt uns in die Welt reicher Europäerinnen, die auf Kosten ärmerer Frauen aus dem Osten oder in den Entwicklungsländern, die in ihrer Not keine Wahl haben, ihren Kinderwunsch mit Eizellenspenden erfüllen. Ein Roman von großer politischer und moralischer Brisanz und literarischer Brillanz.

Helsinki, 2016. Olenka sitzt auf einer Parkbank und beobachtet eine Familie: Mutter, Vater, zwei Kinder. Als sich eine Frau neben sie setzt, erschrickt sie; sie würde diese Frau überall wiedererkennen, denn Olenka hat ihr Leben zerstört. Und gewiss ist sie gekommen, um Rache zu nehmen. Für einen kurzen Moment sind sie hier zusammen – und schauen ihren eigenen Kindern, die nichts von ihrer Existenz ahnen, beim Spielen zu.

»Ein rasanter Thriller über die Machtverhältnisse der Fruchtbarkeitsindustrie im Osten.« Aftonbladet.

Der Roman, der sich zwischen dem heutigen Finnland und der Ukraine nach dem Zusammenbruch der UdSSR bewegt, ist ein scharf beobachteter, temporeicher Text, der an der Schnittstelle zwischen Ost und West spielt und sich um ein Netz von Ausbeutung und die Kommerzialisierung des weiblichen Körpers dreht. Sofi Oksanen erzählt mit psychologischer Schärfe die fesselnde Geschichte einer Frau, die der Sehnsucht nach ihrem verlorenen Kind nicht entkommen kann, und über die rücksichtslosen Mächte, die sie erbarmungslos jagen.

Sofi Oksanen, geboren 1977, Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, studierte Dramaturgie an der Theaterakademie von Helsinki. Ihr dritter Roman, »Fegefeuer«, war monatelang Nummer eins der finnischen Bestsellerliste und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Finlandia-Preis, dem Literaturpreis des Nordischen Rates und dem Prix Femina. Der Roman erschien in über vierzig Ländern und machte die Autorin auch in Deutschland zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der internationalen Gegenwartsliteratur. Sofi Oksanen lebt in Helsinki.