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2022-02-20 06:09:56, Jamal Tuschick

Soziales Schlusslicht

Als Tochter einer Ledigen beherrscht Rozela die Spielregeln für soziale Schlusslichter vor dem Einmaleins. Die gleichfalls prekär zur Welt gekommene Mutter führt das Kind als Muster der Artigkeit vor. Die Ergebenheitsadressen stoßen auf Granit. Akkurat bezopft, grüßt Rozela Leute, die nichts dabei finden, sie zu übersehen. Die Legierungen der Grausamkeit verleihen ihr die Eigenschaften einer Damaszener Klinge. Die Kombination von Elastizität und Härte zeigt sich Abram Groniowski nicht, als ihn eine Autopanne zum Halt in Rozelas Reichweite zwingt. Die Mädchenblüte der kaschubischen Dorfschönheit reizt den Aufgehaltenen bis zum freiwilligen Verweilen. Abram scheren die Ressentiments der Eingesessenen nicht. Er entzieht Rozela der Fragwürdigkeit, indem er sie heiratet.

Der Fremde reagiert auf „schöne mädchenhafte Arme ... (Rozela weiß) sehr wohl: Es hätte jede andere junge Frau sein können, aber wenn dieser Herr ihr vor dem Altar die Treue schwören wollte, dann war es von Gott so gewollt“.

Vom Paria zur Hausbesitzerin

Die erste real-topografische Marke des Romans verweist auf einen mittelalterlichen Siedlungsflecken in der Danziger Bucht. In Gdynia (kaschubisch Gdiniô, deutsch Gdingen) erliegt Abram Anfang der 1930er Jahre den Folgen eines Arbeitsunfalls. Er hinterlässt Rozela im Verein mit den Töchtern Gerta, Truda und Ilda. Als Nutznießerin der „staatlichen Entschädigung“ avanciert die Witwe zur rigorosen Bauherrin. In Rozelas Regie entsteht ein Haus ohne Beispiel vor Ort; eine Frauenfeste und Trutzburg des Eigensinns; ein Fort der Emanzipation.

„Es war ein solides Haus, das erste gemauerte Gebäude im Dorf, mit Klinkerdach und Doppelfenstern, die viel größer waren als die des alten Holzhauses.“

Das Bollwerk liegt in Dziewcza Góra. Das bedeutet Mädchenberg. Außerdem bezeichnet Dziewcza Góra eine Erhebung in der Gegend von Czerwonak. Die nächsten überprüfbaren Angaben betreffen die Kirche von Kartuzy, die Straße nach Staniszewo und das Dorf Chmielno. Zwischen Kartuzy und Czerwonak liegen dreihundert Kilometer. Daraus schließe ich, dass Dziewcza Góra eine Dorffiktion ist, und die - tausend Talente auf sich vereinenden - Töchter einer herrlichen Mutter in der Kaschubischen Schweiz nahe Danzig aufwachsen.

Martyna Bunda, „Das Glück der kalten Jahre“, Roman, aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Suhrkamp, 24,-

Eine nach fünf Jahren noch nicht vollzogene Ehe bildet 1951 eine Station des geschwisterlichen Reigens. Die verschlossene Gerta treibt den Uhrmacher, Freizeitmaler und Kraftmeier Eduard Strzelczyk in die Verzweiflung. Schließlich lässt sich Gerta - mit allen Zeichen des Widerwillens - von ihren Schwestern zu einem Gynäkologen schleifen. Der Fachmann entdeckt das Wunder einer besonders robusten vaginalen Korona.

*

Im Februar 1979 tragen die Schwestern den letzten Gatten aus ihren Reihen zu Grabe. Die erfahrenen Witwen Truda und Gerta stabilisieren die Nachzüglerin (und übrigens auch jüngste Schwester). Der Verstorbene, ein Bildhauer namens Tadeusz Gelbert, brilliert in seinem „silberbeschlagenen Mahagonisarg“ als „großer Sohn Pommerns“.

Später beratschlagen sie in ihrem Mädchenberg. Eine Rückblende klärt die Beziehung der jüngsten Witwe zum ausgeschiedenen Künstler. Einst sei Ilda dem Madonnen-Fetischisten auf einer Vorkriegs-Sokół 1000 erschienen - und zwar als Madonna des Todes. Bis zu seinem Tod wurde Tadeusz nicht müde, seine Umgebung mit jener knatternden Ouvertüre anzuöden, die sich so zusammenfassen lässt:

„Ilda hätte (mich) mit ihrem Motorrad fast ins Jenseits befördert.“

Aus der Ankündigung

Ob ihr Mann das Meer gesehen hat, bevor er 1932 auf der Großbaustelle der Hafenstadt Gdingen tödlich verunglückte, wird Rozela nie erfahren. Von der staatlichen Entschädigung baut sie für sich und die drei Töchter ein Steinhaus mit Doppelfenstern, im kaschubischen Dorf eine Sensation. Dort überstehen sie die Schrecken des Krieges. Als die sowjetische Armee gen Westen zieht, bietet das Haus keinen Schutz mehr. Im Keller versteckt, muss Gerta, die älteste, mit anhören, wie ihre Mutter von Soldaten vergewaltigt wird.

Aber die Maxime der Mutter lautete stets: Kopf oben behalten, egal was passiert. Dies beherzigen auch die Töchter, allen voran die leidenschaftliche, lebenshungrige Truda, Sachbearbeiterin im Schifffahrtsamt, deren Mann für Jahre im Gefängnis des Geheimdiensts verschwindet. Ilda, Motorradfahrerin, arbeitet in der Umsiedlungsbehörde und liiert sich spät – mit einem Bildhauer, der ihr seine Ehe mit einer Deutschen verschweigt. Trotz gelegentlicher Ausbrüche, Zerwürfnisse, Trennungen sind Mutter und Töchter in entscheidenden Momenten füreinander da – vier starke Frauen, die in widrigen Zeiten wie Pech und Schwefel zusammenhalten.

Martyna Bunda beherrscht die Kunst, uns die Dinge mit den Augen der Figuren sehen zu lassen. In ihrem aufsehenerregenden Debüt gelingt es ihr, eine weibliche Familiensaga zu erzählen, deren Größe aus dem vermeintlich Kleinen und Alltäglichen erwächst. Naturgemäß kommt die Weltgeschichte nur in Nebensätzen vor, während das Wiedererwachen eingefrorener Gefühle in unvergesslichen Szenen festgehalten ist.

Martyna Bunda, 1975 in Danzig geboren, aufgewachsen in den Kaschuben, studierte Politikwissenschaft und arbeitete viele Jahre als Journalistin. Seit 2012 leitet sie den Lokalteil einer großen polnischen Tageszeitung. Für ihre Reportagen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Das Glück der kalten Tage ist ihr literarisches Debüt. Sie ist Mutter zweier Töchter und lebt in Warschau.