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2022-01-19 06:51:57, Jamal Tuschick

Die Falle

Systematisch wurden über Jahrzehnte Han-Chinesen in der autonomen Region Xinjiang angesiedelt. Die Uiguren sind zur Minderheit in ihrer eigenen Heimat geworden.“ Quelle

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Nach zehn Jahren im französischen Exil läuft Gulbahar Haitiwaji in eine Falle. Unter dem Vorwand, rentenrechtliche Fragen persönlich klären zu müssen, lockt man die Ingenieurin in ihre erste Heimat Xinjiang. Am 25. November 2016 fliegt sie in Paris ab. Sie landet in Karamay, dem Schauplatz ihres Familienlebens über viele Jahre. Ein paar Tage später erfolgt die Verhaftung. Der erste Vorwurf lautet:

„Deine Tochter ist eine Terroristin.“

Der Beweis: Ein Foto, „das Gulhumar mit einem Fähnchen von Ostturkestan in der Hand“ auf einer Demo zeigt.

Einem scharfen Verhör folgt die flüchtige Erleichterung. Noch einmal erhält Gulbahar Haitiwaji Freigang in einer überwachten Gesellschaft. Doch gibt man ihr deutlich zu verstehen, dass sie an einer Leine läuft.

Gulbahar Haitiwaji muss sich zur Verfügung halten.

„Die Wochen vergingen, mein Rückflug war längst verfallen.

Gleichzeitig bearbeitet der chinesische Geheimdienst Gulbahar Haitiwajis Gatten in Paris. Kerim windet sich. Aus Angst um seine Familie zeigt er sich kooperativ, während auch die Beziehungen zwischen den Vernehmer:innen und Gulbahar Haitiwaji in Karamay allmählich ins „Ambivalente“ übergehen. Angst stiftet die Fata Morgana einer positiven Verbundenheit.

Der Trug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.

Eines Tages erfolgt die zweite Verhaftung.

Morgen mehr.

Facts on the ground

Ein prächtiger Patzer im Text:

„Man erkennt sie an ihrer Uniform … wenn sie in Zivil sind.“ (Seite 41, 2. Absatz)

Die Rede ist von (durch die Bank Han-Chinesischen) Polizisten (nur Männer?), die den „Balagerungszustand“ illustrieren, der den Alltag in Karamay zumal für die eingesessene, sprich uigurische Bevölkerung so ungemütlich macht.

Gulbahar Haitiwaji, Rozenn Morgat, „Wie ich das chinesische Lager überlebt habe. Der erste Bericht einer Uigurin“, auf Deutsch von Claudia Steinitz und Uta Rüenauver, Aufbau Verlag, 20,-

Die Agent:innen der Obrigkeit kontrollieren besonders oft „verschleierte Frauen und bärtige Männer“.

„Das Narrativ der chinesischen Regierung ist ... (stets) gleich: Chinas Politik in der Uiguren-Region Xinjiang ... (sei ein) Beitrag (zum) internationalen Kampf gegen den Terrorismus.“ Quelle

Rahile Dawut

Ich weise auf einen anderen Fall hin. Die prominente uigurische Anthropologin Rahile Dawut von der Xinjiang University wird seit 2017 vermisst. ... Ihre Tochter Akeda Pulat ist sich sicher: Ihre Mutter ist in einem Internierungslager. Ohne Anklage, ohne Prozess und kein Einzelfall.“ Quelle

#freemymom

Who We Are and What We Do

Quelle

Advocating for Rahile's Release

"My name is Akida and I’m Uyghur. I want to tell you the story of my mom. She is one of at least a million people that the Chinese government has detained.

Her name is Rahile Dawut. She is an amazing mother and teacher. There was never a day that we didn’t speak on the phone. On December 12, 2017, that changed.

I still remember that day vividly. It was a Tuesday afternoon. I couldn’t wait to tell her about my day. But she was in a rush boarding a plane to Beijing. I was waiting for her to call me back. Three years later, I’m still waiting for that call. With the COVID-19 pandemic, I am scared for my mom's life.

Now I’m asking for your help to get my mom back."

Inspired by her daughter's testimony, Free Rahile Dawut was established as a platform to advocate for Rahile's return home. Here you can learn more about what you can do to help.

Strategische Diskriminierung - Was zuvor geschah

„Wir Uiguren sind Steinchen im Schuh des Reichs der Mitte.“

Das Han-Chinesische Regime im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang institutionalisiert die Herabsetzung der autochthonen Bevölkerung. Die strategische Diskriminierung folgt der Idee, den Uigur:innen die Grundlagen für eine selbständige Lebensweise zu entziehen. Man schafft verdrängende facts on the ground mit konsequenten Marginalisierungen der ursprünglich einheimischen Arbeitnehmer:innen.

Uigur:innen werden von der Han-Chinesischen Administration, die bei jeder Gelegenheit mit Usurpator:innenhärte durchgreift, als potentielle Dissident:innen wahrgenommen.

Das berichtet Gulbahar Haitiwaji in ihrer Abrechnung mit staatlicher Grausamkeit und Willkür. Jahrelang arrangiert sich die Ingenieurin - zugleich duldungsstarr und biegsam - mit den Machthaber:innen.

Xinjiang ist ein Meilenstein des wirtschaftspolitischen Großprojekts Neue Seidenstraße.

Mit ihrer Familie lebt Gulbahar Haitiwaji in Karamay. „Der Name der Stadt ist von einem natürlichen Asphaltberg im Nordosten der Stadt abgeleitet. 1955 wurde hier aus der ersten Ölquelle gefördert.“ Wikipedia

Alle Schikanen zum Trotz steigt Gulbahar Haitiwaji in ihrem Unternehmen auf, bis man ihr die Leitung der Abteilung zur Kontrolle der Produktionssicherung anvertraut.

Die zunächst unvertraute Arbeit „wächst ihr ans Herz“. Gulbahar Haitiwaji fühlt sich gefördert (im Rahmen der Ausgrenzung) und empfindet „Dankbarkeit“.

Der psychologische Dreh verdient einen Extrabeitrag unter dem Titel „Schweinchen Schlau und die Personalführung als Menschen verschlingendes Projekt“.

Gulbahar Haitiwajis Gatte Kerim fehlt schließlich der Langmut seiner Frau. Er exiliert und baut als Pionier ohne Papiere unter härtesten Bedingungen seiner Familie in Frankreich eine neue Existenz auf.

Seine Töchter vergöttern den stählernen Migranten wie einen amerikanischen Serienhelden. 2006 folgen die Schwestern dem Vater im Schlepp ihrer Mutter, die keinen „Schlussstrich zu ziehen“ wagt. Sie kündigt nicht, sondern nimmt unbezahlten Urlaub.

Die Familie vereint sich in Paris. Gulbahar Haitiwaji fühlt sich entwurzelt. Sie beantragt eine Aufenthaltsgenehmigung, um ihren chinesischen Pass nicht zu verlieren. Zehn Jahre später heiratet eine ihrer Töchter in der neuen Heimat.

Aus der Ankündigung

»Ein Aufsehen erregendes Zeugnis.« Der Tagespiegel

Seit Jahren lebt Gulbahar Haitiwaji mit ihrem Mann und ihren Töchtern in Frankreich. Bis die chinesische Regierung sie auffordert, aus administrativen Gründen nach Xinjiang zu kommen. Gulbahar Haitiwaji bucht eine zweiwöchige Reise und kehrt drei Jahre später zurück. Sie ertrug Verhöre, Folter, Hunger und kafkaeske Zersetzungsmethoden. Weil eine der Töchter an einer uigurischen Versammlung in Paris teilgenommen hatte. Seit 2017 wurden mehr als eine Million Uigurinnen und Uiguren in Umerziehungslager gesperrt. Gulbahar Haitiwaji ist die Erste, die darüber berichten kann, weil sie wieder in Frankreich lebt. Ihr Buch ist ein mutiger Appell an die internationale Gemeinschaft, diesen Völkermord nicht mehr zu dulden.

»Dieser Bericht der Uigurin Gulbahar Haitiwaji ist ein zu Herzen gehendes, ein kostbares und ein aufschlussreiches Dokument, dem eine breite Aufmerksamkeit zu wünschen ist.« Gesine Schwan

Gulbahar Haitiwaji wurde 1966 in Nordchina geboren und arbeitete mit ihrem Mann als Ingenieurin in Xinjiang. Als sich die Lage für die Uiguren dort zuspitze emigrierte die Familie 2006 nach Frankreich. 2016 wurde Gulbahar Haitiwaji von den chinesischen Behörden nach Xinjiang zitiert und verbrachte drei Jahre in den Umerziehungslagern. Mit der „Figaro“-Journalistin Rozenn Morgat hat sie über ihre Haft gesprochen. Daraus ist dieses Buch entstanden, das sofort zum internationalen Bestseller wurde.