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2022-01-17 08:39:06, Jamal Tuschick

Die Geschichte eines Auftragsmörders

Die Geschichte ist unglaublich. In Brasilien lebt ein Mann unbehelligt im Kreis seiner Lieben, der als Auftragsmörder annähernd fünfhundert Menschen getötet haben soll. Sein Name ist Júlio Santana. Der Journalist Klester Cavalcanti befragte ihn sieben Jahre lang telefonisch, dann ergab sich eine persönliche Begegnung, der Killer hatte sich gerade zur Ruhe gesetzt. Die Aufzeichnungen scheint er als sein Vermächtnis anzusehen. Sie erinnern an „Kaltblütig“, erreichen Truman Capotes Intensität aber nicht.

Klester Cavalcanti, „Der Pistoleiro - Die wahre Geschichte eines Auftragsmörders“, Transit, 168 Seiten, 19,80 Euro.

Ein Polizist gab dem Journalisten die Telefonnummer von Júlio Santana. Cavalcanti suggeriert fließende Übergänge zwischen Behörden & Verbrechen in Brasilien, etwas das über Korruption hinausgeht in Richtung genossenschaftlicher Bündnisse, die sich zumal in der Guerilla-Bekämpfung bewähren. Ursprünglich wollte Cavalcanti lediglich einen Artikel über einen Auftragsmörder schreiben.

Júlio Santana wächst arkadisch auf. Er kennt die Gepflogenheiten von Affen und Jaguaren aus täglichen Begegnungen. Der Vater holt das Frühstück aus dem Amazonas, ein Kühlschrank erübrigt sich bei dieser Lebensweise.

Ein Onkel ist Júlios Idol. Als Polizist genießt der Verwandte allgemein Ansehen, dass er außerdem als Pistoleiro Mordaufträge entgegennimmt, erfährt der halbwüchsige Neffe bei Gelegenheit. Der Onkel ist gerade zu krank, um selbst Hand anzulegen, deshalb soll Júlio einen Amarelo aus der weitläufigen Nachbarschaft umbringen. Cavalcanti schildert das Debüt als Krise, die überwunden wird in Selbstüberwindung. Den Rest erledigen Piranhas.

Júlio fühlt sich zunächst mies, doch nach „zehn Ava-Marias und zwanzig Vaterunser“ lässt das Unbehagen nach. Er schwört Gott, nie wieder einen Menschen zu töten. Cavalcanti erzählt viel Wetter und Kanu-Romantik und Liebe, „erst jetzt bemerkte Júlio, dass Ritinha keinen BH anhatte“.

Júlio lässt sich bald nach dem ersten Mord als Kommunisten-Jäger anwerben, um Geld für eine Familiengründung mit eigener Hütte zu verdienen. Seine Skrupel sind stärker als flüchtige Regungen. Doch offenbar ist Júlio innerlich so frei, dass moralische Kategorien nach europäischen Maßstäben keine bindende Kraft entwickeln können. Andererseits bleibt der Mann Santana gläubig und konventionell. Das erwerbsmäßige Töten macht aus ihm keinen Freak. Darauf kommt es Cavalcanti an: Júlio Santana in seiner Gewöhnlichkeit zu zeigen. In dieser Gewöhnlichkeit gehören Habgier, Gottvertrauen und Berufsstolz selbstverständlich zusammen. Júlio Santana folgt einem Ehrenkodex, darin heißt es: Töte nicht auf Kommission – Der Tod wartet nicht. Er bleibt fünfunddreißig Jahren im Geschäft, in dieser Zeit wird er nur einmal verhaftet. Die Namen der Opfer und Auftraggeber notiert er. Die Anlässe sind oft banal, im Spektrum zwischen Streit und Schulden.