MenuMENU

zurück

2022-01-06 08:52:42, Jamal Tuschick

Search & Destroy

Ein abgestürzter Pilot bringt Hu'o'ng zum ersten Mal in die Not einer unmittelbaren Begegnung mit dem Aggressor. Als Gefangener der Volksbefreiungsarmee nimmt der Amerikaner ein langes Blutbad. Er passiert eine Strecke aus zerfetzten Gliedmaßen und aufgerissenen Bauchhöhlen, aus denen Gedärme quillen, während die das Grauen einfriedenden Mangrovenwälder ihre verheißungsvoll-betäubenden Aromen abgeben. Vermutlich sieht er zum ersten Mal die Wirkung seiner Waffen.

„Giê´t thă`ng phi công Mỹ. Giê´t nó đi, giê´t nó!“, rief jemand.

Nguyễn Phan Quế Mai, „Der Gesang der Berge“, Roman, aus dem Englischen von Claudia Feldmann, Suhrkamp, 23,-

Hu'o'ngs Eltern erfüllen Aufgaben in der Armee. Das Kind lebt bei der supernormalen Großmutter, die als Lehrerin auch noch unter den extremen Bedingungen des Bombenterrors den Schulbetrieb aufrechterhält. Sie flicht der Enkelin einen Korb voller Binsen, in denen der Weisheit letzter Schlüsse stecken. Angst und Entbehrungen haben ihre äußere Schönheit zerstört. Keiner kann sich mehr vorstellen, „dass sie mal als cành vàng lá ngọc gegolten hatte – ein Jadeblatt an einem Zweig aus Gold“.

„Am 18. Dezember 1972 sahen wir von der Höhle aus zu, wie unsere Stadt sich (in einem achtundvierzigstündigen Bombardement) in einen Feuerball verwandelte.“

...

„Zwölf Tage und Nächte brannte Hà Nô.“

Am 14. Dezember ordnet Nixon wieder einmal die Verlegung von Bombenteppichen in Nordvietnam an. Der Präsident will die Annahme von Bedingungen erzwingen, die in zivilen Parallelaktionen seit dem Mai 1969 in Paris verhandelt werden. Kein Jahr später wird Telford Taylor, einst US-Chef-Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, nach Hà Nô reisen, um amerikanische Kriegsgefangene loszueisen.

Wir erinnern uns, siehe https://www.textland-online.de/index.php?article_id=1919:

Nach Abschluss der Beweisaufnahme betritt Telford Taylor am 13. Februar 1946 die Bühne.

Philipp Gut stellt den „Brigadegeneral (als) „Herr(n) über die Nürnberger Nachfolgeprozesse“ heraus. Er stilisiert Taylor zur Ikone:

„Eleganz (und) Entschlossenheit verbinden“ sich bei dem „exzellenten Schreiber (zu einer) gewinnende(n), schlanke(n) Persönlichkeit“.

„Er war angezogen von den Frauen und die Frauen waren angezogen von ihm.“

Aus Philipp Gut, „Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit“, Piper, 345 Seiten, 24,-

Taylor nimmt es auf sich, „persönlich für die Anklage zu plädieren“.

137 Tage hat sich das Gericht den „verzweifelten Unsinn“ der Massenmörder angetan. Man fragt sich, mit welchen Erwartungen die Angeklagten argumentierten. Taylor erkennt keinen ernsthaften Versuch einer Entkräftigung der Vorwürfe. Taylor erklärt die Taten zum Kriegszweck und entzieht sie dem Rahmen der militärischen Mittel. Er entlarvt eine abgedeckte, den Umständen vor dem alliierten Tribunal nicht einfach anpassbare Rechtfertigung, die vermutlich mehr als einem Täter den Schlaf sichert. Die Rede ist von Überzeugungen, die als Exkulpationsautomatik begriffen werden.

Zurück zum Roman.

Die Terrorisierten suchen Zuflucht in Bunkern.

„Diese Unterstände sind praktisch überall. Auf buchstäblich jeder Straße stößt man alle paar Meter auf etwas, das aussieht wie eine versenkte Mülltonne, aber groß genug ist, um einem Erwachsenen Schutz zu bieten.“ Quelle