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2021-11-27 05:22:23, Jamal Tuschick

#DieWeltneudenken

Der Verlag Hentrich & Hentrich liefert wichtigen Debatten der Gegenwart Grundlagen.

Gesegnet und gezeichnet

„Kein Gespräch über jüdische Gegenwart ohne den Blick zurück.“

Der einzige Ostblock-Hotspot jüdischer Religionsvorbildlichkeit war das 1877 gegründete Rabbinerseminar in Budapest. Die DDR brachte keinen Rabbiner hervor. Zur Belebung des jüdischen Gemeindelebens trug maßgeblich der Westberliner Oberkantor Estrongo Nachama bei, der als griechischer Staatsbürger ungehindert zwischen der Front- und der Hauptstadt pendeln konnte. Nachama verdankte seinen sephardischen Vorfahren ein Vermächtnis, das sich an dem Brennpunkt der Weltgeschichte ganz besonders ausdrucksstark auswirkte. Er war mit seiner Stimme gesegnet und von seinem Schicksal gezeichnet.

Eingebetteter Medieninhalt

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Klein und divers

„Klein und divers“ waren, so die Autorinnen Sandra Anusiewicz-Baer und Lara Dämmig in ihrem Report „Jung und jüdisch in der DDR“, die acht jüdischen Gemeinden in der DDR

Als hätte es keine jüdischen DDR-Normalos gegeben, Bäcker:innen, Schuster:innen, Bitterfeld:innen beim Aufbau des Sozialismus: so stellt sich der aufgelassene Staat in einer Glanz & Gloria-Erzählung von der ebenso linientreuen wie intellektuellen „kommunistisch-jüdischen DDR-Elite“ dar. Diese Auffassung deutete „Hinweise auf Antisemitismus in der DDR“ als imperialistische Interventionen und Invektiven des Klassenfeinds.

Sandra Anusiewicz-Baer, Lara Dämmig, „Jung und jüdisch in der DDR“, Hentrich & Hentrich, 24,90 Euro

Die größte deutsche Synagoge stand in der DDR. Das älteste Rabbinerseminar der Welt lag hinter dem Eisernen Vorhang.

„Klein und divers“ waren, so die Autorinnen, die acht jüdischen DDR-Gemeinden. Nur eine Minderheit „der in der DDR lebenden Jüdinnen und Juden“ schlossen sich zusammen. Bloß in Berlin gab es „regelmäßig wöchentliche Schabbatgottesdienste in der Synagoge Rykestraße“ im Kollwitzkiez.

„Am 29. Juli 1945 (traute) ... Martin Riesenburger das erste Paar nach dem Holocaust.“ Wikipedia

„In der DDR gab es keine Möglichkeit, Rabbiner, Kantoren oder Lehrkräfte für die jüdischen Gemeinden heranzuziehen.“

Der einzige Ostblock-Hotspot jüdischer Religionsvorbildlichkeit war das 1877 gegründete Rabbinerseminar in Budapest. Die DDR brachte keinen Rabbiner hervor. Zur Belebung des jüdischen Gemeindelebens trug maßgeblich der Westberliner Oberkantor Estrongo Nachama bei, der als griechischer Staatsbürger ungehindert zwischen der Front- und der Hauptstadt pendeln konnte. Nachama verdankte seinen sephardischen Vorfahren ein Vermächtnis, das sich an dem Brennpunkt der Weltgeschichte ganz besonders ausdrucksstark auswirkte.

Aus der Ankündigung

Wie fühlten sich junge Jüdinnen und Juden in der DDR? Welche Bedeutung hatten die Familie, die jüdische Gemeinschaft, aber auch das nichtjüdische und gesellschaftliche Umfeld und die Shoah für ihr jüdisches Selbstverständnis?

Durch Interviews mit ostdeutschen Jüdinnen und Juden, die als Kinder und Jugendliche in den jüdischen Gemeinden der DDR aufwuchsen, vielfältiges Foto- und Videomaterial, Erinnerungsstücke, Briefe, Postkarten und Tagebuchaufzeichnungen erzählen die Autorinnen ein bisher unterbelichtetes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte.

Ihr Ausgangspunkt ist das jüdische Kinderferienlager des Verbands der jüdischen Gemeinden in der DDR, das ab 1961 jedes Jahr an der Ostsee stattfand und paradigmatisch für einen geschützten, aber auch vor der Mehrheitsgesellschaft verborgenen jüdischen Ort steht. Die Kinder, die aus der ganzen DDR dorthin kamen, wuchsen meist in einem nichtjüdischen Umfeld auf. Sie wussten wenig über das Judentum, die einzige Verbindung bestand oft nur über die von Verfolgung und Exil geprägte Familiengeschichte. Für sie war das Ferienlager eine erste Begegnung mit dem Judentum und mit anderen jüdischen Kindern.

Mit einem Beitrag von Annette Leo
Mit Fotografien von Thomas Sandberg

Zu den Autorinnen

Sandra Anusiewicz-Baer studierte Erziehungswissenschaften, Judaistik und Islamwissenschaften in Berlin und Haifa sowie Kulturmanagement in Hamburg. Seit 2013 leitet sie das Zacharias Frankel College, eine Ausbildungsstätte für konservative/Masorti Rabbinerinnen und Rabbiner in Berlin. Ihre Dissertation mit dem Titel „Die Jüdische Oberschule in Berlin. Identität und Jüdische Schulbildung seit 1993“ erschien 2017. Sie ist in der Dresdner jüdischen Gemeinde aufgewachsen.

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Lara Dämmig studierte Bibliothekswissenschaft und Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen und arbeitet für mehrere jüdische Organisation in Berlin. 1998 war sie Mitbegründerin von Bet Debora, einem europäischen Netzwerk jüdischer Frauen.