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2021-10-13 04:59:45, Jamal Tuschick

Konvolut der Selbstlosigkeit

Max Brod muss ein großartiger Freund gewesen sein. Er sicherte jeden von Franz Kafka beschrifteten Zettel und führte ihn einem Konvolut der Selbstlosigkeit zu, das ihn ins Exil begleitete. Brod war als Kafkas Nachlassverwalter zudem autorisiert, die Handschriften, Nebenerzeugnisse und Randnotizen des Erblassers den besten Zwecken zuzuführen. So versorgte er Kafkas Nichte Marianne Steiner, die 1939 nach England emigriert war, mit dem, was er als ihr Erbe ansah, das dann in Oxford der Auswertung zugänglich gemacht wurde.

Zitiert nach Benjamin Balints Untersuchung „Kafkas letzter Prozess“, aus dem Englischen von Anne Emmert, Berenberg Verlag, 331 Seiten, 25.-

Die Übergabe umfasste fast alles, was Brod in einem Koffer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei außer Landes und weiter nach Jerusalem geschafft hatte. Während der Suezkrise 1956 flog der Schatz nach Zürich.

Die Akademisierung Kafkas in Oxford bot sich einer Partei in der Auseinandersetzung als Keil an. Die englische Universitätsstadt als eine Zentrale der Kafka-Rezeption rückt das Werk dicht an ein Weltkulturerbe. In den Auseinandersetzungen vor Gericht argumentierte so die sich um den Nachlass geprellt fühlende Marbacher Literaturarchivleitung. Die Kanonisierung des deutschsprachigen Autors hat, von Deutschland ausgehend, eine europäische Dimension, während es in Israel noch nicht einmal eine Kafka-Straße gibt.

Verschlissener Zivilisationsteppich