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2021-07-26 06:34:44, Jamal Tuschick

Feld der Binsen

„Ein ehrliches und beeindruckend offenes Porträt der menschlichen Sexualität.“ The New York Times

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„Als ich die Geschichten las und ihnen lauschte, empfand ich solches Mitgefühl mit diesen Menschen. Wie unglaublich so ein menschliches Leben doch ist! Wie unfassbar komplex! Der Umgang mit vielen von Herzen kommenden Geschichten hat mir geholfen, auch mir selbst mehr Mitgefühl entgegenzubringen. Ich fing an, meinen Körper und mein Leben mit liebevollen Augen zu betrachten.“ Shaina Feinberg

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Die längste Zeit war Sexualität ein Feld der Binsen (und Bienen). Man ging davon aus, dass wir an dieser Stelle unseres Seins nicht aus dem Vertragswerk der Natur entlassen werden können. Wir unterstellten der Biologie einen allmächtigen Alleinvertretungsanspruch. Danach diente der Geschlechtstrieb subjektiv der Lust und objektiv der Arterhaltung. Auf dem Hochplateau dieser stümpferhaften Ansicht gab es zum Beispiel keine Homosexualität im sogenannten Tierreich. Die Wesen, von denen wir uns als Menschen mit oft unzulänglichem Vokabular unterscheiden, sollten zwar blöder sein als wir, aber dafür geradlinig auf Reproduktionskurs. Abweichungen von spekulativ definierten Normverläufen interpretierte man gern als Entgleisungen eines überladenen Bewusstseins.

Das ist vorbei.

Im Akut der Gegenwart offenbart die Sexualität ihre Diversität bis in die Fortpflanzungskanäle. Spätestens seit Richard Dawkins wissen wir, es gibt keine tiefergelegte, uns heimlich leitende Ordnung, deren Ideallinie am Horizont eines perfekten Lebens auftaucht. Also fragen wir uns gemeinsam mit den Autorinnen: „Was prägt unsere sexuelle Orientierung? Wie überwinden wir kulturelle Normierungen? Wie finden wir überhaupt heraus, was zu uns passt?”

Offenherzige Prüderie

Zwischen Prüderie und Offenherzigkeit - Eine Japanerin erinnert sich an ihre sexuelle Initiation

In Japan klärt man Kinder nicht auf. Zugleich ist Pornografie allgegenwärtig. In jedem Supermarkt werden einschlägige Cartoons angeboten. Die Erzählerin bezieht ab dem fünfzehnten Lebensjahr Basisinformationen aus dem zirkulierenden Erregungsmaterial. Ihr zunächst primär technisches Interesse weicht einer praxisfreundlichen Auffassung - in der totalen Auflösung von Negation und Affirmation. Erlaubt ist, was gefällt. Ihrer Tochter schlägt die Cool Userin eine Bresche ins Angebot. Sie weist sie ein in die Kunst der Masturbation, wobei sie Schamhürden der Nachkommenden überwinden muss.

Die Tochter wünscht sich ihre Mutter so zurückhaltend und an die Norm gepresst wie die verklemmten Eltern der Anderen; während Freundinnen von der Progressiven begeistert sind.

Julia Rothman, Shaina Feinberg, „EVERY BODY. Eine faszinierende Reise durch unsere Welt der sexuellen Lust und Identität”, aus dem Amerikanischen von Andrea Brandl, Bettina Spangler, mosaik, 18,-

Katholische Sozialisation

Father Schmidt fällt die (in seinen Augen) peinliche Aufgabe zu, Elevinnen einer katholischen Schule in lauter Vieraugen-Einweisungen aufzuklären. Eine Fünftklässlerin erkennt, wie schwierig sich die Situation für den Berufenen darstellt. Das macht die Sache zwar für das Kind nicht leichter, trotzdem unterläuft seine Neugier die von Scham auf beiden Seiten hervorgerufene Diskretion. Es verfängt sich in der Irritation, dass aus einem Penis nicht nur Urin kommt. Es will wissen, was es mit dem Sperma auf sich hat.

Biblischer Brutalismus - Wenn vorehelicher Sex fast so schlimm wie Mord sein soll

Eine Mormonin entbindet sich für die Dauer eines Jahres von der regelrechten Lebensweise. Sie gabelt Männer in einer Bar auf, um beim behutsamen Berührungsaustausch an gemeinsame Grenzen zu stoßen. In ihrer Not wendet sie sich an David, der nach einer gleichfalls religiös konnotierten sexuellen Blockade den Weg zum vollen Vergnügen entdeckte. Er teilt mit der Debütantin dann doch nicht seine Erfahrungen.

Angetrieben von Schuldgefühlen und Geilheit, dreht die Erzählerin fast durch. Der biblische Brutalismus ihrer Erziehung zieht sie in einen Albschlund. Die dämonische Dimension pfeffert ihre Phantasie. Bald fällt ihr wieder ein Schwanz in die Hände.